Pakistan Kopfgeld für «Terrorverdächtige»

Hunderte von Gefangenen, die seit Jahren in Guantánamo inhaftiert sind, wurden einzig und allein deshalb an die US-Armee ausgeliefert, weil Pakistaner Kopfgelder kassieren wollten. Der «Krieg gegen den Terror» diente der Regierung Musharraf zudem als Deckmantel für den Kampf gegen Autonomiebestrebungen in der Provinz Belutschistan.
Flugblatt, mit dem die USA den «Fängern»  von Taliban-Kämpfern viel Geld und Ruhm versprach © AI

Vier Monate nachdem die USA den «Krieg gegen den Terror» erklärt haben, wird der pakistanischen Bevölkerung auf Flugblättern, die zu Tausenden verteilt werden, sozusagen das «Paradies auf Erden» versprochen: «Werde unermesslich reich und mächtig... Du kannst Millionen von Dollars bekommen, wenn du den Anti-Taliban-Streitkräften hilfst, Al-Qaida- und Taliban-Kämpfer zu fangen. Der Lohn dafür wird mehr als genug sein, um für den Rest deines Lebens für deine Familie, dein Dorf und deinen ganzen Stamm zu sorgen.»
Die Jagd auf Menschen, die als «Terrorverdächtige» verkauft werden konnten, wurde zum lukrativen Geschäft und führte zu Hunderten von Fällen von «Verschwindenlassen» und Folter. Zahlreiche Menschen wurden ohne konkreten Verdacht, zum Beispiel einzig aufgrund ihrer arabischen Herkunft, verhaftet oder von Privatpersonen oder Militär aufgegriffen und an die USA verkauft. Amnesty International (AI) geht davon aus, dass mehr als 85 Prozent – oder über 700 – der nach Guantánamo deportierten Männer nicht von US-Truppen aufgegriffen, sondern von afghanischen oder pakistanischen Häschern verschleppt und gegen Geld ans US-Militär weitergereicht worden sind. Der Preis, den die USA für einen «Terrorverdächtigen» bezahlten, variierte  zwischen 4000 und 5000 US-Dollar.

Der falsche Rahman

Der Bauer Abdur Sayed Rahman wurde im Januar 2002 in seinem Heimatdorf in der Nähe der afghanischen Grenze verhaftet. Während 36 Tagen in pakistanischer Haft wurde er immer wieder gefragt, ob es in seinem Dorf noch einen anderen Mann mit dem gleichen Namen gäbe. Denn eigentlich hatten die Polizisten nach einem hochrangigen Taliban-Mitglied gesucht. Der falsche Rahman blieb in Haft, damit die Pakistaner gegenüber den USA den angekündigten «grossen Fang» vorweisen konnten.
«Ich bin ein ungebildeter, armer Bauer. Ich habe keine Ahnung, warum jemand behaupten sollte, ich sei dieser Taliban-Anführer. Ich kann mir höchstens vorstellen, dass sich jemand aus einem rivalisierenden Dorf mit dieser Verleumdung einen persönlichen oder finanziellen Vorteil verschaffen konnte», erklärt Rahman. Er wurde zuerst nach Kandahar (Afghanistan) und dann nach Guantánamo deportiert. Dort wurde ihm vorgeworfen, er sei Abdur Rahman Zaid, der stellvertretende Aussenminister der Taliban, der für Folter und Ermordung unzähliger AfghanInnen verantwortlich sei.

Der «bärtige Taliban»

Karama Khamis Khamisain, ein jemenitischer Staatsangehöriger, der wegen Verdachts auf Drogenhandel im pakistanischen Quetta im Gefängnis sass, musste sich den Bart wachsen lassen und lernen, Gebete und rituelle Waschungen gemäss islamischer Vorschrift auszuüben, damit er als glaubwürdiger «Terrorverdächtiger» an die US-Armee verkauft werden konnte. Die pakistanischen Behörden wiesen ihn vor der Überstellung an die USA zudem an, seine Augen nach Art der Taliban schwarz zu schminken.
Der schwedische Staatsangehörige Mehdi Ghezali wurde Ende 2001 von Bewohnern eines Dorfes in der Nähe von Peshawar aufgegriffen und an die pakistanische Armee verschachert, die ihn wiederum an die US-Armee verkaufte. Nach zweieinhalbjähriger Haft wurde er im Juli 2004 ohne Anklage aus Guantánamo freigelassen. «Über die Weiterreichung an die USA wurden regelrechte Preisverhandlungen geführt. Sobald sich die Pakistaner und die US-amerikanischen Geheimdienstvertreter einig geworden waren, wurde wie bei einem erfolgreichen Geschäftsabschluss in die Hände geklatscht und im Austausch gegen den Gefangenen wurde kofferweise Bargeld übergeben», erinnert sich Ghezali.
Der pakistanische Präsident Pervez Musharraf hat öffentlich erklärt, dass 700 bis 750 Personen an die USA überstellt worden seien. Über die Anzahl «Terrorverdächtiger», die an andere Länder ausgeliefert wurden oder sich noch in Pakistan oder Afghanistan in geheimen Gefängnissen und Folterzellen befinden, gibt es keine verlässlichen Zahlen.

Deckmantel für Repression

Der «Krieg gegen den Terror» bot der pakistanischen Regierung auch die willkommene Legitimation, gewaltsam gegen Autonomiebewegungen und Regierungskritiker vorzugehen. Besonders betroffen ist Belutschistan, die grösste und an natürlichen Vorkommen reichste Provinz Pakistans. Obwohl der grösste Teil der natürlichen Ressourcen des Landes – vor allem Gas, Kohle und Kupfer – in Belutschistan gewonnen wird, hat eine Mehrheit der Belutschen keinen Zugang zu diesen Gütern. Die Provinz gilt als «Armenhaus» des Landes und wird bei Entwicklungs- und Infrastrukturprojekten der Regierung seit Jahrzehnten übergangen. Ein grosser Teil der Belutschen ist von der Versorgung mit Trinkwasser, Strom und Gas ausgeschlossen und hat keinen Zugang zum Bildungs- und Gesundheitswesen.

Im Dezember 2005 bestätigte das Innenministerium, dass allein im Laufe des Jahres 2005 im Zusammenhang mit den Unruhen in der Provinz Belutschistan rund 4000 Personen verhaftet worden seien. Ihr Schicksal und ihr Aufenthaltsort sind in vielen Fällen unbekannt. Als Reaktion auf Autonomieforderungen sind mittlerweile über 40000 Soldaten in der Provinz stationiert, die mit unverhältnismässiger Gewalt auch gegen die Zivilbevölkerung vorgehen. Hunderte von Zivilpersonen, darunter mindestens 120 Kinder, kamen seit 2005 bei verschiedenen Militäroperationen ums Leben.

Wie in den Stammesgebieten an der Grenze zu Afghanistan verfolgen Armee und paramilitärische Einheiten auch in der Unruheprovinz Belutschistan bei der Jagd nach «Terrorverdächtigen» und anderen «Staatsfeinden» eine Politik der Eliminierung. So kommt es immer wieder vor, dass Verdächtige statt verhaftet aussergerichtlich hingerichtet werden.

Zwölf Männer, die nach einem Angriff auf eine Einheit der paramilitärischen Frontier Corps am 11. Januar 2006 verschleppt wurden, sind im Truppenlager dieser Einheit aussergerichtlich hingerichtet worden. Zwei ältere Dorfbewohner, die geholt wurden, um die Leichen abzuholen, wurden ebenfalls von den Paramilitärs ermordet; eine Praxis, die offensichtlich der Abschreckung dienen soll.

Informationssperre

Vor dem «Krieg gegen den Terror» war «Verschwindenlassen» in Pakistan praktisch unbekannt; jetzt ist es eine immer weiter um sich greifende Praxis, von der auch MenschenrechtsverteidigerInnen und JournalistInnen betroffen sind. Die nationale Medienberichterstattung zur Situation in Belutschistan und in den Stammesgebieten in Nord- und Südwaziristan ist aus Angst vor Vergeltungsmassnahmen durch die Regierung sehr verhalten. Obwohl offiziell Medienfreiheit herrscht, üben sich viele Medien in Selbstzensur. Unabhängigen ausländischen JournalistInnen und MenschenrechtsbeobachterInnen wird der Zugang zu den Stammesgebieten an der Grenze zu Afghanistan seit mehreren Jahren verwehrt. Die einzige Informationsquelle zur Lage in diesen Gebieten ist die pakistanische Armee.

Im Dezember 2005 wurde der pakistanische Journalist Hayatullah Khan auf dem Rückweg von einer Recherche über den Raketenbeschuss des Dorfes Haisori in der Region Nordwaziristan (pakistanische Stammesgebiete an der Grenze zu Afghanistan) von fünf bewaffneten Männern verschleppt. Mehrere Zivilpersonen kamen beim Angriff auf das Dorf ums Leben, der Anschlag galt offenbar hochrangigen Al-Qaida-Mitgliedern. Khan hatte Teile eines Sprenggeschosses fotografiert, die von Dorfbewohnern in Haustrümmern gefunden worden waren. Der Prägung auf den aufgefundenen Teilen nach zu schliessen, handelte es sich um ein von der US-Armee verwendetes Geschoss.

Hayatullah Khan wurde am 16. Juni 2006 tot aufgefunden. Er war gefesselt und wies Schusswunden am Hinterkopf auf. Die Familie von Hayatullah Khan und lokale Journalisten glauben, dass er entführt und schliesslich umgebracht wurde, weil er Beweise dafür hatte, dass US-Truppen direkt in Militäroperationen in den pakistanischen Stammesgebieten involviert sind, was von der Regierung in Islamabad bisher vehement bestritten wurde. Eine Verwicklung der pakistanischen Regierung in die Verschleppung und Ermordung von Khan ist wahrscheinlich. Dafür sprechen insbesondere auch wiederholte Kontakte der pakistanischen Behörden mit Khans Familie, aus denen geschlossen werden kann, dass den Behörden der Aufenthaltsort von Khan sehr wohl bekannt war.

Von Susanne Preisig, Pakistan-Expertin der Schweizer Sektion von Amnesty International.



Erschienen in «amnesty - Magazin der Menschenrechte» vom November 2006
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion