Rapper Greis «Latenter Rassismus ist heute salonfähig»

Er hat für Amnesty International mit dem Kindersoldaten Emanuel Jal gerappt, schreibt regelmässig «WoZ»-Kolumnen und hat sich gegen das neue Asylgesetz eingesetzt. Der Berner Rapper Greis über Aktivismus, die fremdenfeindliche Stimmung in der Schweiz und ungenutzte Potenziale.
Rapper rufen an die Urne © pixelfarm

amnesty: Sie gelten als einer der sozialkritischsten Musiker der Schweiz…
Greis: …Oh je, ist es schon so weit. Das Schlimmste, was dir passieren kann, wenn du in der Kunstszene politisch effizient sein willst ist, wenn du den Stempel des Sozialkritikers erhältst. Denn dann predigst du plötzlich nur noch zu Leuten, die schon bekehrt sind. Mein Hauptanliegen aber ist Effizienz und Breitenwirkung – nicht die Konsolidierung des Kerns. Wenn ich Musik mache, möchte ich als Musiker wahrgenommen werden, damit ich auch von SVP-Nationalrat Ulrich Schlüer und SVP-Präsident Ueli Maurer wahrgenommen werde.

Anti-Blocher-Song, Plakatkampagne, unzählige Statements: Sie haben sich an allen Fronten für ein doppeltes Nein gegen das Asyl- und das Ausländergesetz eingesetzt.

Unsere Strategie war es, alle Kanäle zu nutzen, um möglichst viel Medienresonanz zu erhalten und damit eine Breitenwirkung zu erzielen. Dass das Resultat trotz der breiten Mobilisierung so schlecht ausgefallen ist, erkläre ich mir damit, dass wir in den letzten Jahren wirklich krass etwas verschlafen haben. Seit den 60er-Jahren haben in der Öffentlichkeit und in den Medien linke Ideen vorgeherrscht. Wir haben einfach nicht gecheckt, dass dahinter neoliberales und rechtskonservatives Gedankengut sukzessive auf dem Vormarsch waren. Wir haben es total unterschätzt, was passiert, wenn SVP-Exponenten der Bevölkerung seit zehn Jahren eintrichtern, dass die Linke aus Gutmenschen bestehe, die ihre Steuergelder an irgendwelche «Asylanten» verschenkten, die sich dann davon Ferraris und Lederjacken kaufen und unsere Kinder davon abhalten würden, etwas zu lernen. Viele Leute, die selber nie direkt mit AusländerInnen zu tun hatten, haben plötzlich begonnen, diese immer wiederkehrenden Parolen zu glauben.

Haben Sie das selbst so erlebt?
Ich habe es am 24. September 2006 um drei Uhr Nachmittags in meiner Wohnung festgestellt. Ich habe aufgeschrien als ich hörte, wie Schlüer am Fernsehen sagte, dass dies wohl langsam ein Zeichen sei, dass die Rechte auf dem Vormarsch sei. Die rechtskonservativen, neoliberalen Kräfte haben sich doch schon lange ihren Palast gebaut und bedienen hier den Wurststand. Von diesem Status-quo- müssen wir nun ausgehen. Wenn du siehst, was heute passiert, wenn ein Bundesrat in der Türkei, einem Staat mit solch antidemokratischen Zügen, sagen kann, dass unser Antirassismusgesetz in Konflikt mit unserer Meinungsäusserungsfreiheit gerate, ohne dass er vor die Eidgenössische Rassismuskommission zitiert wird, dann hat da ein klarer Ärawechsel stattgefunden. Latenter Rassismus ist salonfähig geworden durch eine bewusste Streuung des rechtskonservativen Lagers.

Was machen Sie dagegen?
Ich schaue, dass ich jetzt schleunigst mein Studium der Publizistik, Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Uni Zürich abschliesse, damit ich voll loslegen kann. Und ich bin mir sicher nicht zu schade, mit gleich populistischen Mitteln gegen diese Stimmung anzukämpfen. Aus reiner Überzeugung, das Richtige zu tun. Das Kräfteverhältnis ist klar zugunsten von Intoleranz, Ausgrenzung und Fremdenhass verschoben. Ich finde, wir können im Moment alles machen – der Handlungsbedarf war nie zuvor so gross.
 
Zum Beispiel?
Als mich Coca Cola am letzten Gurten-Festival anfragte, als Jury-Mitglied an der «My Coke Music Battle» teilzunehmen, lehnte ich nicht ab, obwohl ich weiss, das Coca Cola in Kolumbien den Tod von Gewerkschaftern zu verantworten hat. Ich habe zugesagt, mein von Coca Cola finanziertes Hotel bezogen, und dann bin ich auf die Bühne gegangen mit einem T-Shirt, auf dem stand «Coke Kills – Coca Cola ermordet GewerkschafterInnen in Kolumbien», worauf sie mich vor die Tür gestellt haben. Meine Stärke ist es, dass ich immer alleine, in meinem eigenen Namen handle. So bin ich am wenigsten angreifbar. Ausserdem behaupte ich nie, selber immer konsequent zu sein.

Ihr Song «Global» von 2003 ist eine klare Ode an die Antiglobalisierungsbewegung. Wie sehen Sie das heute?
Die Antiglobalisierungsbewegung ist sehr heterogen, hat sich von unten her selber organisiert. Plötzlich war sie da und realisierte, aha – wir sind eine Bewegung, hat mal jemand Pflastersteine oder ein Bier, und wer fährt jetzt nach Porto Allegre. Das Problem ist, dass viele der jungen DemonstrantInnen keine Ahnung haben, warum Weltbank und IWF hirnrissige Institutionen sind, die eigentlich nur den Interessen der G8 dienen und das Abhängigkeitsverhältnis der armen Länder weiter verstärken.

In dem Fall gibt es keine neue Politisierung der Gesellschaft?
Auch apolitisch ist politisch – das merken wir jetzt langsam. Ich persönlich glaube, dass es in der Gesellschaft eine riesige Gruppe von Menschen gibt, die sofort auf den Zug aufspringen würden, wenn sie die Gelegenheit hätten, sich zu engagieren, aber sie finden den Zugang nicht. Es gibt ein unglaubliches Potenzial von Leuten, die frei in der Luft schweben und die von Organisationen wie Amnesty International, die sich institutionell für Recht und Gerechtigkeit einsetzen, aufgefangen werden könnten.   

Interview: Pascale Schnyder


Erschienen in «amnesty - Magazin der Menschenrechte» vom November 2006
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion