Film Prozess im Hinterhof

Im Hinterhof eines Hauses in Bamako, Mali, wird den internationalen Finanzinstitutionen der Prozess gemacht. Humorvoll und eigenständig stellt «Bamako» die Ausbeutung Afrikas durch den Norden an den Pranger.
Filmszene © Michael Reynolds Keystone

Eine junge schöne Frau tritt anmutig aus der Tür ihres Hauses in einen Hinterhof und ruft einen Namen. Sofort kommt ein Mann herbeigeeilt, um ihr das Kleid am Rücken zuzuschnüren. Zusammen mit anderen Hausbewohnerinnen und Hausbewohnern haben sich die Sängerin Melé und der arbeitslose Chaka im Hinterhof des Geburtshauses von Regisseur Abderrahmane Sissako in Bamako, der Hauptstadt von Mali, eingefunden. Sie alle nehmen hier an einer Gerichtsverhandlung teil.

Es ist kein gewöhnlicher Prozess, der sich hier an einem wackeligen Holztisch und unter einem klapprigen Ventilator abspielt: Angeklagt sind der Internationale Währungsfonds (IWF) und die Weltbank. Die Anklage lautet, dass sie Afrika mit ihren «Strukturanpassungsprogrammen» in einen Kreislauf von Armut und Verschuldung getrieben haben. Der Reihe nach treten AnwältInnen und ZeugInnen an einen Tisch, um ihre Plädoyers vorzutragen. In ihren langen schwarzen Roben wirken AnwältInnen und RichterInnen bizarr im staubigen Hinterhof. Dabei sind es vor allem die Frauen, die sich als das starke Geschlecht entpuppen. Sie sind es, die Klartext sprechen, die ehemaligen Kolonialmächte anklagen und auf eine bessere afrikanische Zukunft hoffen.

Opfer seines Reichtums

Afrika sei nicht das Opfer seiner Armut, sondern seines Reichtums, ruft eine der Zeuginnen während der Verhandlungen in die Menge. Die Plädoyers der Männer dagegen sind vielmehr Erzählungen aus ihrem Leben. So beschreibt ein Mann, wie er als Flüchtling in den Westen wollte und nur bis Algerien gelangte und wie er und seine Kollegen in der Wüste ausgesetzt wurden. Es folgen Bilder der Flüchtlinge in der Wüste. Einer ist vor Durst und Hunger zusammengebrochen.
Plötzlich beginnt ein Film im Film. In ordentlichen Reihen sitzen einige der Hausbewohner auf Bänken und starren gebannt auf den Fernsehbildschirm, wo ein Western läuft. Sogar der bekannte palästinensische Regisseur Elia Suleiman spielt mit. Ein afrikanischer Cowboy ballert herum und trifft. Mit dieser Szene habe er zeigen wollen, dass nicht alle Cowboys seien und nicht nur der Norden schuld sei, erklärte Regisseur Sissako in einem Interview zu seinem Film.

Absurde Szenen

Auf eine an Beckett erinnernde Art und Weise rollt der Film seine Handlungsstränge ab. Immer wieder richtet sich die Kamera auf die Gesichter der Hausbewohner und Hausbewohnerinnen, die am Gericht teilnehmen. Sie wirken gleichgültig, als verstünden sie nicht genau, was vor sich geht, und als hätten sie kein grosses Interesse daran. Die Plädoyers, die vorgetragen werden, sind Thesen und Geschichten, deren Zusammenhang nicht auf den ersten Blick ersichtlich ist. Der Gerichtsvorsitzende, der in seinem rot-weissen Mantel an einen König erinnert, greift wenig in das Geschehen ein. Sein abschliessendes Urteil wird auch am Ende des Films nicht preisgegeben.

Die zwei einzigen Personen aus dem Norden, die am Prozess teilnehmen, sind ein Verteidiger der Weltbank und ein Weltbank-Gegner, der sich ganz am Ende des Films zu Wort meldet. Ersterer wird dabei ertappt, wie er bei einem Strassenhändler eine gefälschte Gucci- Sonnenbrille kaufen will. Der zweite wirkt so veraltet wie die «Utopie», die er vertritt.
Der in Mali geborene Regisseur, der in Russland studiert hat und heute in Frankreich lebt, hat im Haus seiner Kindheit eine Versuchsanordnung inszeniert: Was geschieht, wenn nicht Gerichte aus dem Norden oder Uno-Gremien, sondern die direkt betroffenen Menschen das Wort erhalten. Sissako hat bewusst nicht nur mit professionellen SchauspielerInnen gedreht, sondern auch LaienschauspielerInnen zu Wort kommen lassen. Die Anwälte und Anwältinnen sind echt und die AfrikanerInnen erheben ihre eigene Stimme gegen die Ausbeutungsmaschinerie des Nordens. Sie legen ihre Sicht der Armut dar.

Trotz der Tragik der Situation ist der Film keineswegs nur deprimierend und faktenlastig. Dafür sorgt der Regisseur mit der Verwebung verschiedenster Alltagsszenen in die Gerichtsverhandlungen. So wie die Geschichte von Melé, die ihren Mann Chaka verlassen möchte.  Bamako ist ein Film, bei dem man hinsehen und mitdenken muss. Er zeigt einen Blick auf die Kehrseite unserer Welt, aber auch auf das, was möglich wäre.
Von Milena Seiler

Der Film «Bamako» läuft ab Januar 2007 in den Deutschschweizer Kinos.

Erschienen in «amnesty - Magazin der Menschenrechte» vom November 2006
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion