Buch «Das Leben kann nicht warten …»

Mit neun eindrücklichen Porträts von jungen Frauen zeigt das Buch von Renate Metzger-Breitenfeller und Jutta Vogel das Leben in Srebrenica elf Jahre nach dem Völkermord auf.

«Vor dem Krieg mussten wir für das Haus und die Kinder sorgen. Seit dem Krieg sorgen wir für das Haus, die Kinder und die Männer, das Feld und das Vieh», erzählt Zemka Zilic mit Bitterkeit in der Stimme. Umgeben von Ruinen und verminten Feldern, versucht sie, sich und ihre Familie auf einem Bauernhof in Sjedace, unweit von Srebrenica, durchzubringen. Zemka Zilic ist eine von 9 jungen Frauen aus Srebrenica, welche die Schweizer Journalistin Renate Metzger-Breitenfeller und die Fotografin Jutta Vogel in ihrem Buch «Das Leben kann nicht warten» porträtieren.

In eindringlichen Schilderungen und Bildern beschreiben sie das Leben der Frauen, die trotz allgegenwärtiger Zerstörung, lähmendem Stillstand und wenig Zukunftsperspektiven mutig ihren Alltag meistern. Sie schlagen sich durch als Bäuerinnen, Köchinnen, Serviertöchter, Ladengehilfinnen oder sie studieren. Die meisten von ihnen versorgen mit ihrem Einkommen ganze Grossfamilien. Ihr Leben in Srebrenica ist schwierig, unabhängig davon, ob sie bosniakisch-muslimischer oder serbischer «Nationalität» sind.

Schwer lastet die Vergangenheit über dem Alltag. Elf Jahre nach dem Völkermord von Srebrenica sind die Spuren noch immer schmerzhaft präsent. 1995 wurde die «Uno-Schutzzone» von bosnisch-serbischen Armeeeinheiten eingenommen. Fast 10000 unbewaffnete Männer, Jugendliche und Kinder wurden unter dem Kommando von Ratko Mladic festgenommen, mindestens 8000 niedergemetzelt.
Deutlich zeigen die einfühlsamen Porträts, wie schwer es den Betroffenen fällt, über die Vergangenheit zu sprechen, wie sie dies zum Teil ganz verweigern. «Die Vergangenheit interessiert mich nicht. Ich will leben!», reagiert etwa die junge Serbin Mirjana Jovanovic heftig auf Fragen zum Geschehenen. Denn obwohl sie selbst zu den Vertriebenen gehörte, fühlt sie sich angegriffen, hat das Gefühl, Rechenschaft ablegen zu müssen.

Deutlich zeigt das Buch auch, dass es die jungen Frauen sind, die trotz allem versuchen, nach vorne zu schauen, während die Männer Mühe haben, den Einstieg in den geregelten Alltag wiederzufinden. Die Frauen wollen leben, denn «das Leben kann nicht warten».    

von Pascale Schnyder

Renate Metzger-Breitenfellner, Jutta Vogel:
«Das Leben kann nicht warten».
Junge Frauen aus Srebrenica. Neun Porträts.
rex verlag luzern, 2006.
Fr. 29.80


Erschienen in «amnesty - Magazin der Menschenrechte» vom März 2007
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion