Film_Congo River Reise ins Herz von Afrika

«Congo River» ist eine Reise ins Herz von Afrika. Eines Kontinents mit dunkler Vergangenheit, voller tragischer Geschichten, aber auch unbändiger Lebensfreude.
«Congo River»: Reise ins Herz von Afrika © Trigon-Film

Mehr als 100 Jahre nach dem britisch-amerikanischen Journalisten und Afrikaforscher Henry Morton Stanley macht sich der belgische Regisseur Thierry Michel auf die Reise von der Mündung des Flusses Kongo an der Westküste Afrikas bis zu dessen Quelle im Süden der Demokratischen Republik Kongo. Ein flussaufwärts fahrendes Schiff begleitend, folgt Michel der kolonialen Vergangenheit Afrikas, den Spuren des Diktators Mobutu und den Wunden der jüngsten Kriege im Osten der Demokratischen Republik Kongo. Wiewohl «Congo River» immer wieder auf die dunkle Vergangenheit Kongos Bezug nimmt, ist der Film doch fest in der Wirklichkeit verankert und zeigt den oft brutalen, mühseligen, immer aber auch lebensbejahenden Alltag der lokalen Bevölkerung.

Koloniales Erbe

Unter regelmässigem Rückgriff auf das koloniale Erbe beschreibt Michel die Ignoranz und die Grausamkeit, aber auch die Tragik der kolonialen Epoche. 1885 zum Privatbesitz des belgischen Königs Leopold II. erklärt, beginnt im Kongo eines der brutalsten Kapitel der afrikanischen Kolonialgeschichte. Mit dem Kongo wurden auch die dortigen Bewohner als Privatbesitz angesehen und zur Ausbeutung der Kautschukplantagen oder zum Abbau der Kupferminen missbraucht.

Michel folgt diesen Ereignissen und zeigt damit seine entschiedene Kritik am Kolonialismus, betont aber gleichzeitig die Tragik dieser Epoche. Exemplarisch hierfür ist der Besuch der früheren agronomischen Universität Yangambi. Ehemals als Zentrum der agronomischen Forschung auf dem afrikanischen Kontinent gedacht, ist sie heute geschlossen und zerfällt unter einer dicken Staubschicht.
Nachdem sie jahrelang von den weissen Machthabern ausgebeutet worden waren, hat sich die Situation der Bewohner entlang des Kongo auch seit der Unabhängigkeit nicht verbessert. Die Epoche Mobutu hinterlässt ihre Spuren lediglich über den Palastruinen von Gbadolite und Mbandaka, und auch die aktuelle Regierung von Joseph Kabila scheint weit weg von den Alltagsproblemen der Bevölkerung.

Staat versagt

Beispielhaft hierfür ist die Szene, als ein Schiff auf einer Untiefe strandet und dort bis zur Regenzeit stecken bleibt. Eine betroffene Passagierin beklagt sich bitter über die Abwesenheit des Staates und die fehlenden Warnsignale. Statt als Helfer tritt der Staat in der unmittelbar nachfolgenden Szene als Kriegsteilnehmer auf: Soldaten skandieren auf einem vollbeladenen Schiff heroische Parolen auf die Vergangenheit und auf die Zukunft des Kongo («nous allons mourir pour le Congo pour que la paix revienne»).

Beeindruckend ist, mit welcher Zuversicht und Lebensfreude die lokale Bevölkerung trotz der schwierigen Umstände ihren Alltag meistert. Sinnbildlich hierfür ist einer der Hauptprotagonisten des Films, der Kapitän des flussaufwärts fahrenden Schiffes. Dank seiner Erfahrung und seinem Verantwortungsbewusstsein umschifft er erfolgreich jede Untiefe und jedes Hindernis auf der 1700 Kilometer langen Strecke bis Kisangani.

An seiner Person entzündet sich in einer der unbeschwertesten Szenen des Films schliesslich auch die unvergleichliche afrikanische Lebensfreude: Als er über Funk von der Geburt seines dritten Sohnes erfährt, bricht auf dem ganzen Boot ein spontanes Freudenfest aus, welches bis weit in die Nacht andauert.

von Oliver Lüthi

Erschienen in «amnesty - Magazin der Menschenrechte» vom März 2007
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion