Malediven Die Hölle im Ferienparadies

Für Oppositionelle ist das Leben auf den Malediven unter dem autoritären Regime von Präsident Maumoon Abdul Gayoom alles andere als paradiesisch. RegimekritikerInnen wie Jennifer Latheef werden ins Gefängnis gesteckt und gefoltert.
Ferienparadies Malediven - für Einheimische oft die Hölle © www.flickr.com

Schneeweisse Korallenstrände, kristallklares Wasser, türkisfarbene Lagunen: Das sind die Bilder, die hierzulande die Vorstellungen von den Malediven prägen. Dass in dem Ferien- und Tauchparadies seit 28 Jahren ein autoritäres Regime an der Macht ist, das jegliche Opposition verbietet und auch vor Folter und Misshandlungen nicht zurückschreckt, wissen die wenigsten TouristInnen. Während sie in einem der zahlreichen Ressorts der Inselgruppe im Indischen Ozean ihre Ferien geniessen, werden nur wenige Seemeilen entfernt RegimekritikerInnen in Gefängnissen unter unmenschlichen Bedingungen festgehalten, gefoltert oder sogar getötet.

Eine von ihnen ist die prominente Oppositionelle Jennifer Latheef. Seit den ersten öffentlichen Protesten gegen das autoritäre Regime von Maumoon Abdul Gayoom im September 2003 wurde die 32-jährige Regisseurin und Journalistin immer wieder festgenommen und ins Gefängnis gesteckt. Im Oktober 2005 wurde sie in einem unfairen Prozess zu zehn Jahren Gefängnis wegen «Terrorismus» verurteilt. Aufgrund des internationalen Drucks und insbesondere des Engagements von Amnesty International (AI) wurde sie von Präsident Gayoom begnadigt und im August 2006 nach zehn-monatiger Haft freigelassen. Immer noch inhaftiert sind die vier Männer, die mit ihr festgenommen und angeklagt worden waren.

Erste Proteste nach jarzehntelanger Unterdrückung
Jennifer Latheef © AI

«Ich bin mit Geschichten von Verfolgung und politisch motivierten Morden aufgewachsen», sagt Latheef, deren Vater Mohamed Latheef als bekanntester Oppositionspolitiker auf den Malediven seit Jahren von der Regierung schikaniert wird.  «Fast jeder in meiner Verwandtschaft kämpft in irgendeiner Weise gegen     das autoritäre Regime von Präsident Gayoom», sagt die junge Frau. Bereits ihr Grossvater und ihr Urgrossvater fielen dem Regime vor Gayoom zum Opfer.

Zahlreiche JournalistInnen und RegimekritikerInnen wurden in den letzten Jahren inhaftiert, gefoltert, einzelne sogar getötet. «Es gab keine unabhängigen Zeitungen auf den Malediven, über Demokratie zu sprechen war unmöglich», sagt Latheef. 
Im September 2003 wurde das Schweigen erstmals gebrochen. «Das war der Anfang der Demokratiebewegung auf den Malediven», wie Jennifer Latheef sagt.

Nach jahrzehntelanger Angst und Unterdrückung gingen zahlreiche Menschen auf die Strasse, um gegen den Tod des jungen Drogenabhängigen Evan Naseen zu protestieren, der wegen unmenschlicher Behandlung im Gefängnis gestorben war. Die über Jahre angestaute Wut und Enttäuschung des sonst sehr friedfertigen Volkes entlud sich in gewaltsamen Ausschreitungen, zahlreiche Regierungsgebäude und Polizeistationen wurden in Brand gesetzt. Während sich auf den zahlreichen Ferieninseln die Touristen am Strand sonnten, gingen in der maledivischen Hauptstadt Polizei und Armee auf die Bevölkerung los.

Mutige Kämpferin

«Das war zwei Tage, bevor sie mich zum ersten Mal festnahmen», sagt Latheef. Sie geht davon aus, dass ihre Verhaftung in erster Linie als Druckmittel gegen ihren Vater zu verstehen war, der sich jedoch nicht unter Druck setzen liess: «Auch wenn ihr sie umbringt, werde ich  nicht damit aufhören, meine Arbeit zu machen», habe er bei ihrer Verhaftung zu den Verantwortlichen gesagt. 

Die Hartnäckigkeit und Furchtlosigkeit scheint Latheef von ihrem Vater geerbt zu haben. Trotz regelmässiger Festnahmen, Misshandlungen und Drohungen lässt sich die junge Frau nicht davon abbringen, sich für die Menschenrechte in ihrem Land einzusetzen. Nach einem Medienstudium in San Francisco kehrte sie mit 22 Jahren auf die Malediven zurück, um einen Film über den Heroinmissbrauch zu drehen, «ein grosses Problem auf den Malediven», wie sie sagt. Das Projekt scheiterte an der drastischen Zensur der Behörden. Erst später gelang es ihr, zusammen mit ihrer Tante den ersten maledivischen Spielfilm zu drehen zur Problematik der häuslichen Gewalt, die auf dem Inselstaat weit verbreitet ist.

Im Februar 2004 liess sie sich als Ratsmitglied der Maldivian Democratic Party (MDP) aufstellen, welche ihr Vater im Exil in Sri Lanka gegründet hatte. «Eigentlich interessiere ich mich nicht für Politik, sie ist für mich ein Mittel zum Zweck», sagt Latheef, die sich in erster Linie für die grundlegenden Rechte und für eine selbstbestimmte soziale und kulturelle Identität der Bevölkerung einsetzt.

Zusammen mit ihrer Schwester versucht sie, auf den Malediven die NGO «Native Operators on Rights» (NOOR) registrieren zu lassen. Ziele von NOOR sind die Reform des Justizapparates und die Menschenrechtsbildung in der Bevölkerung. «Höchstwahrscheinlich werde ich irgendwann wieder festgenommen, doch ich kann die Menschen nicht im Stich lassen», sagt sie. «Wenn alle Intellektuellen das Land verlassen, werden die Menschen die Hoffnung und den Mut erneut verlieren.»

von Pascale Schnyder

Erschienen in «amnesty - Magazin der Menschenrechte» vom März 2007
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion