CD «In Prison» Musik gegen den Knast

Die CD «In Prison» präsentiert Songs aus fünf Jahrzehnten – Songs aus dem Gefängnis, über das Gefängnis und über das Gefängnis hinaus.

Den Rahmen dieser – um es gleich vorweg zu sagen: fantastischen – CD aus dem Hause Trikont bilden die ersten Worte im Booklet und die letzten des abschliessenden Songs. Dem Booklet vorangestellt ist ein Zitat des US-amerikanischen Buchautors und Reporters Alan Elsner: «Wenn eine Nation darüber definiert wird, was sie produziert, dann sind die Vereinigten Staaten eine Gefängnisnation geworden.» Am Ende der CD singt Robert Pete Williams in «Paradox Denied Again» (1959): «Please Lord, have mercy on my dying soul» und spiegelt damit die Verzweiflung eines beliebigen Häftlings vor der Begnadigungskommission wider.

Gefängnisnation USA

Es ist alles andere als Zufall, dass der harte politische Kommentar Elsners und die subjektive Depression des namenlosen Gefangenen im Song von Williams diesem Tonträger Konturen geben. Denn «In Prison» ist eine perfekt arrangierte musikalische Dokumentation über die gegen Schwarze gerichtete US-Strafgesellschaft der vergangenen 50 Jahre. Wer will, kann aus den Songs alles darüber erfahren, wie das US-Gefängnissystem zu dem wurde, was es heute ist: das grösste der Welt.

Das Booklet der CD liest sich wie ein gut informiertes Kurzsachbuch. Der Musikjournalist Jonathan Fischer spart dabei weder mit Zahlen und Fakten noch mit Einschätzungen und Kommentaren. Die USA stellen 5 Prozent der globalen Bevölkerung, gleichzeitig aber sitzen 25 Prozent der weltweiten Gefangenen in US-Knästen. Das sind 2,2 Millionen Gefangene im Jahr 2005, und diese Zahl umfasst nicht die 100000 unter 18-Jährigen aus Jugendstrafanstalten, die 500000 auf Probe aus der Haft entlassenen und die 4 Millionen auf Bewährung Verurteilten. Dabei weist die Tendenz immer noch nach oben: «2005 wuchs die Gefängnispopulation jede Woche im Durchschnitt um 1000 Häftlinge.»

Einige aus dem Heer der aktuellen oder ehemaligen Strafgefangenen kommen auf «In Prison» selbst zu Wort. Zum Beispiel die Lifers Group mit ihrem 1993 im Rahway East Jersey State Prison aufgenommenen Stück «Living Proof». Zwei Dutzend Häftlinge schildern hier in einem Hip Hop-Song ihren düsteren Gefängnisalltag: «Prison life is to live by a shank knife/ a locke in a sock/ a razor blade, a fist fight». Aus dem für seine bis in die 60er- Jahre vorherrschende Grausamkeit berühmten Gefängnis Angola, Louisiana, stammt der 1959 entstandene Worksong «Berta»; Worksong heisst, dass der bei der Zwangsarbeit entstandene Gesang der schwarzen Inhaftierten Big Louisiana, Rev. Rogers and Roosevelt Charles aufgenommen wurde.

Wiederum ist es das Booklet, das den Aspekt der rassistischen Haft vertieft. Liegt der Anteil der Afroamerikaner an der US-Gesamtbevölkerung bei 12 Prozent, so ist beinahe jeder zweite Strafgefangene schwarz; jeder dritte Schwarze wird statistisch gesehen einmal im Leben straffällig. «Gefängniserfahrung gehört längst zum afroamerikanischen Alltag wie Basketball und Gospelgottesdienste», schreibt Fischer und benennt auch die Gründe. Etwa das so genannte Racial Profiling, bzw. Anklagepunkte und Strafmasse, die auf einer spezifischen Hautfarbe basieren, sowie das «Warehousing of the poor», die Einhegung der besonders unter Schwarzen verbreiteten Armut durch Strafjustiz und Haft. Hinzu kommt die seit den 70er-Jahren beliebte Praxis, Drogendelikte härter zu sanktionieren – 74 Prozent aller wegen Drogendelikten Verurteilten sind Afroamerikaner – und bei den Resozialisierungsmassnahmen zu sparen.

Daran wiederum schliessen zahlreiche der Bands an. The Temptations singen in «Run Charlie Run» (1972) über die Angst der Weissen vor ihren schwarzen, in Ghettos und Gefängnisse gesperrten Mitbürgern. The Last Poets bearbeiten in «The Court Room» (1973) einen rassistischen Gerichtsdialog im Stil der Beat Poetry. Nina Simones grossartiger «Work Song» (1966) handelt von schwarzen Chain Gangs, also Gefangenen, die in Ketten in der Öffentlichkeit arbeiten müssen.

Andere Songs nehmen sich, wie Bobby Womacks Blues «Arkansas State Prison» (1969), den brutalen Alltag im Knast (aktuelle Schätzungen gehen von 300000 Vergewaltigungen pro Jahr in Haft aus) vor oder erzählen musikalisch wie Brand Nubian mit «Claimin’ I’m A Criminal» (1994) die Alltagserfahrung der unseligen Kette Festnahme – Urteil – Haft – Zerfall der Familie. Obwohl die meisten Songs von Verzweiflung oder Wut geprägt sind, sind Hoffnung und kleine Bröckchen Glück nie ganz ausgeschlossen. Akons nach drei Jahren im Knast entstandener HipHop-Song «Locked up» schaffte es in die Charts, weil Strafgefangene die Radiostationen immer wieder telefonisch aufforderten, das Stück zu spielen.

Das Elend im Knast

Auch Ian Ensslen versucht in einem eigenen Beitrag im Booklet dem Elend der Haftanstalten noch etwas Gutes abzugewinnen. Malcolm X und Huey P. Newton von den Black Panthers hätten die «Gefängniserfahrung zur persönlichen, politischen und spirituellen Horizonterweiterung» genutzt, was aber nur selten als strafverkürzend anerkannt worden sei. Die düstersten, aber auch kämpferischsten Songs der CD kreisen um das in den USA unvermeidliche Thema Todesstrafe. Kay Kay And The Rays’ «Lone Star Justice» (2001) ist eine leidenschaftliche Anklage gegen die Todesstrafe, über deren Opfer es im Booklet knapp und treffend heisst: «die meisten Angehörige von Minderheiten, alle arm.» Auch der legendäre Tupac Amaru Shakur kommt mit «16 On Death Row» zu Wort, bevor The Soul Snatcherz ihren Song «Free» dem zum Tode verurteilten, reuigen Stan Tokkie Williams widmen und die Behörden zu einem Gnadenerlass auffordern. Doch die Macht der Popmusik ist begrenzt. Williams wurde trotzdem hingerichtet.      

von Maik Söhler


Various Artists:
In Prison.
Afroamerican Prison Music from Blues to Hiphop. Trikont/Indigo,
Fr. 31.90


Erschienen in «amnesty - Magazin der Menschenrechte» vom März 2007
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion