Tadschikistan Ausbeutung statt Bildung

Harte Lebensbedingungen und verbreitete Armut prägen das Alltagsleben in Tadschikistan. Besonders schwierig ist die Situation der Frauen, die am untersten Rand der Gesellschaft als Dienerinnen ihrer Familien härteste Arbeit leisten und oft Opfer von häuslicher Gewalt werden.

Ein Trolleybus fährt den Rudaki-Prospekt hoch, wird langsamer und bleibt zwischen zwei Stationen stehen. Nichts Ungewöhnliches in der tadschikischen Hauptstadt Duschanbe. Vielleicht ist der Strom ausgefallen, oder das Kabel ist gerissen. In einer halben Stunde wird der Schaden notdürftig geflickt sein. Der uralten Infrastruktur im zentralasiatischen und mehrheitlich muslimischen Tadschikistan wird täglich mit viel Improvisierkunst neues Leben eingehaucht. Der Trolleybus steht sinnbildlich für den tadschikischen Alltag, 16 Jahre nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion: Es geht vorwärts, aber der Fortschritt ist nicht garantiert.

Tadschikistan führt eine Art Inseldasein. Es ist weitgehend von Bergen umschlossen, und nur ein kleiner Teil der Landesfläche kann bewirtschaftet werden, der grosse Rest ist Hügelland und Gebirge – atemberaubend schöne Natur. Aber in Tadschikistan zu leben, ist besonders im Winter nicht einfach, zumindest nicht für die mehrheitlich arme Bevölkerung – also die Mehrheit – und erst recht nicht für die Frauen. Der Mangel an Arbeitsplätzen und die extrem niedrigen Löhne zwingen jährlich Hunderttausende – vornehmlich Männer – zur Arbeitssuche in Russland. Zurück bleiben Frauen, Kinder und Betagte.

Hauptlast liegt auf den Frauen

Die Organisation des Familienlebens in Tadschikistan braucht viel Zeit. Für den Kauf von Lebensmitteln und anderen Dingen des täglichen Bedarfs legen die meisten Menschen lange Wege in überfüllten Sammeltaxis oder zu Fuss zurück. Wasser muss in vielen Haushalten mit Kübeln herangeschafft werden, weil die Wasserversorgung zusammengebrochen ist. Gas und Strom sind vor allem im Winter an vielen Orten auf wenige Stunden pro Tag beschränkt oder bleiben ganz aus. Hinzu kommt ein Geflecht von gesellschaftlichen Zwängen, das es vielen Frauen fast unmöglich macht, frei über ihr Leben zu bestimmen.

Oft müssen die jungen Ehefrauen nicht nur für ihren Ehemann und die Kinder sorgen, sondern auch für die Schwiegereltern. Die Schwiegermutter, die dominante Person im Haushalt, bestimmt weitgehend über die Pflichten und Freiheiten der jungen Frau. Selbst bei der Wahl des Ehemanns haben die Frauen kaum Möglichkeiten. Die Heirat wird in vielen Fällen von den Eltern oder Verwandten arrangiert. Viele Frauen sind Opfer von häuslicher Gewalt.

Häusliche Gewalt ist verbreitet

Da die Menschen- und insbesondere Frauenrechte vor allem hinter den Wohnungstüren verletzt werden, gestaltet sich Menschenrechtsarbeit äusserst schwierig. Denn wo gesellschaftliche Traditionen im Spiel sind, gibt es wenig Angriffspunkte. Umfragen zeigen, dass nicht nur Männer die Gewalt gegen Frauen und deren Unterdrückung mit vielfältigen Argumenten zu rechtfertigen wissen, sondern auch viele Frauen solche Praktiken für «normal» halten. Das System legitimiert sich damit bis zu einem gewissen Grade selbst.

Internationale Entwicklungshilfeorganisationen, darunter auch die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza), versuchen, gegen die Gewalt an Frauen anzukämpfen. Mit Kampagnen weisen sie auf die Tatsache hin, dass Gewalt immer nach neuer Gewalt ruft und so ein Teufelskreis entsteht, der letztendlich allen Beteiligen Nachteile bringt. Ausserdem engagieren sich die Organisationen im Aufbau von Gesprächsgruppen und Anlaufstellen, an die sich Opfer von häuslicher Gewalt wenden können.

Auch in Sachen Karriere sind den Frauen – insbesondere in ländlichen Kreisen – enge gesellschaftliche Grenzen gesetzt. Eine höhere Bildung ist bei Frauen nicht erwünscht. Vielmehr wird von ihnen erwartet, dass sie früh heiraten, um dann ihrer Familie zuzudienen. Dies ist mit ein Grund, weshalb die Schulbildung vieler Frauen vernachlässigt wird. Indem sie vom Kindesalter an in eine Abhängigkeit getrieben werden, fällt es auch einfacher, sie in bestimmte Rollenmuster zu zwängen. Hausarbeit, Erziehung der Kinder und die Bedienung der oft zahlreichen Familienmitglieder und Gäste stellen ein enormes Arbeitsvolumen dar, welches die Frauen in einem Klima der Unterordnung und Angst bewältigen müssen. In etlichen Fällen kehren die zur Lohnarbeit nach Russland ausgewanderten Ehemänner nicht mehr zurück, und die dringend benötigten Geldüberweisungen bleiben aus. Die zurückgebliebenen Frauen sehen sich dann gezwungen, eine bezahlte Arbeit aufzunehmen – eine mit mangelnder Schul- und Berufsbildung nur schwer zu bewältigende Aufgabe.

Die engen Familienbande bringen zweifelsohne auch Vorteile. So ist es in einer tadschikischen Familie weit weniger vorstellbar, dass ein altes Familienmitglied einsam in einem Heim lebt. In schwierigen oder herausfordernden Lebenssituationen hilft man sich gegenseitig schnell und unbürokratisch und teilt Freud und Leid von der Geburt eines Kindes bis zum Tod eines Menschen. Und trotzdem: Die Perspektivenlosigkeit für viele Frauen in der tadschikischen Gesellschaft ist erschreckend. Die fehlende Möglichkeit, aus bestimmten sozialen Schemen auszubrechen oder der Gewalt zu entfliehen, wiegt schwer.

Es sind gefängnisähnliche Situationen, in denen viele Frauen auszuharren haben.
Vor diesem Hintergrund scheint die Realisierung anderer Rechte, wie etwa dasjenige der freien Meinungsäusserung, fast zweitrangig. Doch gleichzeitig sind diese Freiheiten auch voneinander abhängig: Ein intensivierter politischer Dialog in der Öffentlichkeit könnte sich auch positiv auf das Geschehen hinter den Wohnungstüren auswirken, und umgekehrt.    

von Lukas Lüscher




Erschienen in «amnesty - Magazin der Menschenrechte» vom März 2007
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion