Schwerpunkt Erdöl Ölreichtum schafft Armut

In keiner anderen Region der Welt ist die Rivalität zwischen den beiden grössten Öleinkäufern, USA und China, so gross wie in Afrika. Das Öl bringt Afrika eine Vielzahl von Konflikten und ein enormes Wirtschaftswachstum. Den Profit haben autoritäre Herrscher, nicht das Volk.

Erdölpipelines im Niger Delta © AP

Afrika wird immer wichtiger für die globale Ölindustrie. Der Kontinent ist die am schnellsten wachsende Ölförderregion der Welt, mit einer Steigerung der Fördermenge um 36 Prozent in den letzten 10 Jahren (16 Prozent weltweit) und einem Viertel der globalen Neuentdeckungen von Ölreserven. Die in den nächsten Jahren geplanten Ölinvestitionen sind die grössten in der Geschichte Afrikas, und die vorhersehbaren Einnahmen daraus stellen alles in den Schatten, was Afrika von den Zusagen höherer Entwicklungshilfe seitens der reichen Industrienationen erwarten kann.

Die Umwälzungen, die sich daraus für Afrika ergeben, sind beträchtlich. Das Öl, so schätzt der Internationale Währungsfonds (IWF), wird Afrika das höchste Wirtschaftswachstum seit 30 Jahren bringen. Zu den Ölboomländern gehören einige der autoritärsten Regimes des Kontinents – Angola, Sudan, Äquatorialguinea. Korrupte Eliten bereichern sich anhand der im Rahmen von Ölförderverträgen und Lizenzversteigerungen gezahlten Provisionen. Undemokratische Herrscher können mit Ölgeldern ihre Repressions- und Sicherheitsapparate ausbauen und sich Auslandsvermögen und Geschäftsimperien zulegen, die sie gegenüber Anfeindungen aus dem eigenen Land abschotten und immunisieren. Es ist daher eine der grössten Herausforderungen für Menschenrechtspolitik im heutigen Afrika, den Ölboom kritisch zu begleiten und die befürchteten negativen Folgen verhindern zu helfen.

Die Zeit drängt. Nigeria ist seit Jahrzehnten der grösste Ölproduzent Afrikas südlich der Sahara, mit einer Fördermenge von rund 2,5 Millionen Barrel pro Tag (bpd) im vergangenen Jahr – wenn nicht gerade Rebellen in den Ölgebieten des Nigerdeltas die Förderung lahmlegen, Pipelines sprengen, Pumpanlagen besetzen und Facharbeiter entführen, was die Ölproduktion ständig zwischen einem Fünftel und einem Drittel geringer ausfallen lässt. An zweiter Stelle liegt Angola (1,1 Millionen bpd), gefolgt vom Sudan (500000 bpd). Bis 2010 soll Nigeria geltenden Prognosen zufolge seine Fördermenge auf 4 Millionen bpd ausweiten, Angola auf 2,5 Millionen und der Sudan auf 1 Million. Angola wird nach IWF-Prognosen im laufenden Jahr mit einem Wirtschaftswachstum von 31 Prozent aufgrund der steigenden Ölförderung an der Weltspitze liegen – mit einer undemokratischen Regierung, die weder ihrer Bevölkerung noch internationalen Institutionen ausreichend Rechenschaft über die Verwendung ihrer Milliardengewinne ablegt.

Theoretischer Einfluss

All dies wäre nicht möglich, wenn niemand Afrikas Öl kaufen würde, und damit kommt den Abnehmern theoretisch ein beträchtlicher Einfluss auf die Gestaltung der Politik in Ölförderländern zu. Aber eben nur theoretisch. Eine einzige Prognose der US-Regierung aus dem Jahr 2002 hat viel Aufmerksamkeit erregt: Demnach könnte der Anteil Afrikas südlich der Sahara an den Ölimporten der USA von damals 10 Prozent auf 25 Prozent im Jahr 2015 steigen. Daraus wurde abgeleitet, dass Afrika für die USA eine Region strategischen Interesses werden würde, und zum Teil ist das auch so: Neue Planungen des Pentagon für ein eigenes Afrika-Kommando und eine wachsende sicherheitspolitische Zusammenarbeit der USA mit afrikanischen Ländern in der wichtigsten Ölförderregion des Golfs von Guinea zwischen Nigeria und Angola haben auch mit dem Wunsch zu tun, die Verlässlichkeit Afrikas als Öllieferant zu erhöhen – heute liegt der Anteil Afrikas südlich der Sahara an den US-Ölimporten bereits bei 18 Prozent. Ängste weckte dies vor allem in Frankreich, das viele der Länder am Golf von Guinea traditionell als eigenen Hinterhof betrachtet.

Aber das eigentlich Beunruhigende für Afrikas Ölländer ist nicht so sehr der Einfluss der USA, sondern derjenige Chinas. Die Volksrepublik ist der am schnellsten wachsende Ölimporteur der Welt. US-Ölimporte insgesamt liegen bei rund 20 Millionen bpd, chinesische bei rund 6,5 Millionen – das ergibt knapp 4 Millionen bpd aus Afrika in die USA und über 2 Millionen nach China. Verglichen mit der chinesischen, ist die US-Präsenz relativ diskret (s. Kasten).
Keine andere Weltregion erlebt eine so intensive Rivalität zwischen den Interessen der beiden grössten Ölankäufer der Welt wie Afrika. Das nützt Menschenrechtsverletzern und bringt es mit sich, dass trotz der hohen Aussenwirtschaftsabhängigkeit der Ölländer der politische Einfluss von aussen tatsächlich ziemlich gering ist.

Kritik aus den USA und Europa an chaotischen und blutigen Wahlen in Nigeria, an Massenvertreibungen und Massenmorden im sudanesischen Darfur und am Fehlen jeglicher demokratischen Öffnung in Angola können von den Regierungen aller drei Länder getrost ignoriert werden, denn bei einem Rückzug des westlichen Engagements stände als Alternative China auf dem Sprung als Klient und Investor, und Peking stellt keine kritischen politischen Fragen.

Aufgeheiztes Klima

Nicht nur die seit Jahren andauernde bewaffnete Rebellion in Nigerias Ölgebieten zeigt, was für Konflikte sich daraus ergeben könnten. Am 24. April griffen in Äthiopien Rebellen der «Ogaden National Liberation Front» (ONLF) eine Ölförderstelle der chinesischen Sinopec in Abole im Osten des Landes an und töteten 68 Äthiopier und 9 Chinesen. Es war der erste bewaffnete Angriff auf eine chinesische Ölinvestition in Afrika, und er erfolgte in einem aufgeheizten regionalen Kontext, in dem Äthiopien als US-Verbündeter einen blutigen Krieg gegen islamistische Rebellen im benachbarten Somalia führt. Der Rebellenangriff demonstrierte, dass Äthiopien keineswegs bloss eine US-Marionette ist, sondern seine Freundschaften durchaus diversifiziert und sich dadurch absichert.

Weitere Spannungen sind im Sudan absehbar. Sudans Öl liegt zum grossen Teil im autonomen Südsudan, und zwar in Gebieten nahe der Grenze zwischen Nord und Süd. Aber die Ölregionen werden nicht von der südsudanesischen Autonomieregierung kontrolliert, und diese verfügt auch nicht über die Öleinnahmen. Es ist das Regierungsmilitär aus Khartum, das weiterhin die Ölquellen schützt und die Rückkehr der einst zugunsten der Ölförderung vertriebenen Bevölkerung verhindert. Die Ölgelder werden ebenfalls in Khartum verwaltet und ausgegeben. Ehrgeizige Wolkenkratzer, finanziert mit Öleinnahmen, entstehen in der Hauptstadt am Nil, während der Südsudan weiterhin im absoluten Elend lebt und der Wiederaufbau nach Jahrzehnten des Krieges auf sich warten lässt.

Solche Konflikte kommen den Regierungen der Förderländer zum Teil sogar gelegen, jedenfalls solange sie die Förderung selbst nicht gross stören. Denn sie halten die Ölpreise hoch und damit die Öleinnahmen. Öl bringt herrschenden Eliten in Afrika Geld und Macht. Die Verfügungsgewalt darüber wird der wichtigste innenpolitische Konflikt der Ölländer Afrikas in den kommenden Jahren werden.

Erschienen in «amnesty - Magazin der Menschenrechte» vom März 2007
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion