Iran Auf Kollisionskurs mit den Ayatollahs

Einstige Minister, AnhängerInnen des ehemaligen Premiers Mossadeh, MenschenrechtsaktivistInnen und Frauenrechtlerinnen: Die iranische Opposition ist bunt zusammengewürfelt. Doch der Handlungsspielraum im eigenen Land ist äusserst begrenzt. Eine Reportage aus Teheran.

Teheran © kosoof.com

Ebrahim Yazdi höchstpersönlich empfängt vor dem Eingang eines chinesischen Restaurants die Gäste. Viel unpassender könnte der Ort für einen Empfang durch den ehemaligen iranischen Aussenminister nicht sein. Doch im Gegensatz zu seinem angrenzenden Haus hat das Restaurant den Vorteil, dass es gross genug für die zahlreichen Geladenen ist und Schutz vor indiskreten Blicken bietet. Der Reihe nach fahren teure Autos auf, aus denen elegante Frauen mit bunten Kopftüchern und gut gekleidete Männer aussteigen. Fast alle tragen eine Krawatte – als Zeichen des Widerstands, denn die Krawatte ist beim iranischen Regime als Symbol des Imperialismus verpönt.

Es ist eine alte Tradition, sich in den Tagen nach dem iranischen Neujahr am 21. März gegenseitig Besuche abzustatten. Die Opposition hat sich diesen Brauch für ihr Treffen zunutze gemacht. Aufgrund seiner hohen Stellung ist es an Ebrahim Yazdi, seine alten Freunde und Bekannten zu empfangen. Nach der islamischen Revolution im April 1979 war er Aussenminister in der Regierung von Premier Mehdi Bazargan.

Wie sein einstiger Kabinettskollege nahm auch Ezat Sahabi mit der optimistischen Erwartung in der neuen Regierung Einsitz, dass das Ende der Monarchie eine Phase der Öffnung einläuten würde. «Ich hatte damals eine siebenjährige Gefängnisstrafe hinter mir», erzählt der ehemalige Planungsminister. «Wir wollten die politische und wirtschaftliche Unabhängigkeit des Landes. Und wir wollten mehr soziale und moralische Gerechtigkeit», erklärt der alte Mann, während er sich mit beiden Händen auf einem Stock abstützt.

Wie auch andere fortschrittliche Bewegungen hatte sich seine Partei mit den Islamisten verbündet, um den Schah zu Fall zu bringen. Sie alle folgten Schiitenführer Ruhollah Khomeini im Glauben an eine gemeinsame Führung des Landes. Doch Yazdi, Sahabi und ein grosser Teil der Bevölkerung wurden rasch eines Besseren belehrt: Die Religionsführer griffen hart durch, politische Attentate häuften sich und die Vorschriften wurden immer strenger. Nach zehn Monaten trat das Kabinett von Mehdi Bazargan geschlossen zurück.

Ezat Sahabi erinnert sich: «Ein Jahr nach der Revolution hatte ich noch Hoffnung. Doch dann realisierte ich, dass die Religionsführer im Begriff waren, die Macht zu übernehmen.» Sahabi lehnte sich gegen die Machtübernahme durch die Ayatollahs auf, worauf er erneut verhaftet und während Monaten verhört wurde – diesmal durch das Regime, dem er selbst zur Macht verholfen hatte.

Inzwischen sind alle Gäste eingetroffen. Wehmütige Erinnerungen an die Zeit von Mohammad Mossadeh werden ausgetauscht, der 1951 durch demokratische Wahlen an die Macht gekommen war. Trotz der liberalen Haltung, die zahlreiche Oppositionelle an den Tag legen, sitzen die Frauen getrennt von den Männern in einem für sie reservierten Teil des Raumes. Nur wenige junge Menschen sind anwesend – Poyaan Fakhrei ist eine Ausnahme. Der Zulauf zur Bewegung sei aus Angst vor Spitzeln sehr beschränkt, erklärt er. Diese Art von Versammlungen rufe regelmässig Geheimdienstleute der Regierung auf den Plan.

Neben ihm sitzt Bita Nagahashian, eine junge Menschenrechtsaktivistin. Sie trägt ein violettes Kopftuch. Mit ihren zwanzig Jahren ist sie dem Druck durch die fundamentalistische Regierung noch stärker ausgesetzt – sie ist nicht wie die ehemaligen Minister durch ihre Bekanntheit geschützt. «Der Sprecher unserer Organisation ist seit zwei Jahren im Gefängnis und wird regelmässig gefoltert», erzählt die junge Frau. Die Menschenrechtssituation sei schwierig für die Bevölkerung. Ihre Organisation ist mit AktivistInnen im Ausland vernetzt: «Sie haben leider oft ‹utopische› Vorstellungen und realisieren nicht, wie hart die Repression im Iran effektiv ist.»

Die Zeit vergeht, die Gäste gehen einer nach dem anderen. Einige Privilegierte treffen sich noch im Salon von Ebrahim Yazdi. Unter ihnen auch der Redaktor einer der wenigen oppositionellen Zeitungen. Eine Frau stösst zur kleinen Runde, die sich mit ein paar Dutzend weiteren Aktivistinnen anlässlich des Internationalen Tages für die Rechte der Frau am 8. Mai in Teheran versammelt hatte. Sie sind von der Polizei auseinandergetrieben, verprügelt und inhaftiert worden. «Wenn sie uns nicht an unserer Versammlungsfreiheit gehindert hätten, wären wir mehr als tausend gewesen», sagt sie mit bitterem Unterton in der Stimme. Trotz fehlender Strukturen sei es ihrer Bewegung gelungen, eine Million Unterschriften für die Reform von Gesetzen zu sammeln, mit denen die Frauen diskriminiert werden. Angesichts der harten Repressionspolitik des Regimes von Mahmoud Ahmadinejad wird diese Initiative, wie viele andere, totes Papier bleiben – ist zu fürchten.

Erschienen in «amnesty - Magazin der Menschenrechte» vom März 2007
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion