Buch «Die rote Zone»: Zeitlose Grausamkeit

Mehrere Jahre verbrachte der Journalist Grigori Pasko in russischer Haft. Sein Gefängnistagebuch zeigt die Verwirrung und das Entsetzen eines Menschen, der sich unter menschenverachtenden Verhältnissen wiederfindet.

Grigori Pasko © AI

Der russische Militärjournalist und Schriftsteller Grigori Pasko wurde 1997 wegen angeblicher Spionage und Landesverrat in Wladiwostok verhaftet und in Untersuchungshaft gesteckt. Er war ins Visier des Inlandgeheimdienstes FSB geraten, weil er über Missstände bei den russischen Streitkräften, das Schicksal von Berufskollegen und über russische Umweltverbrechen wie die Entsorgung atomarer Abfälle im Japanischen Meer berichtet hatte. «Ich habe mich schon lange für das Handeln entschieden, mit dem Ergebnis, dass ich nicht einfach ein Mensch, sondern ein Mensch im Visier geworden bin.»

In seinem «Gefängnistagebuch» schildert Pasko die Stationen seiner mehrjährigen Odyssee durch Untersuchungsgefängnisse und Arbeitslager im fernen Osten Russlands. Er beschreibt den Mikrokosmos «seiner» Zellen, greift die Schicksale seiner Zellengenossen auf und schildert eindrucksvoll den Alltag zwischen Pritsche, Verhandlungsraum und Hofrundgang. Im Zentrum stehen seine Anstrengungen, die Haftumstände und die Ungewissheit des Urteils – und damit seiner Zukunft – sowohl physisch wie auch psychisch zu überleben und sich der juristischen Maschinerie nicht zu ergeben. Dabei quälen ihn stets dieselben Fragen – etwa, ob er jemals mit einer Freilassung rechnen kann, ob er nach all dem Erlebten noch derselbe Mensch sein wird und weshalb es in Russland zu derartigen Fällen von Rechtsmissbrauch kommen kann.

Gefängnis-Monotonie Die (spärlichen) Besuche seiner Frau Galja und das Schreiben sind Angelpunkte, an denen sich der Gefangene festhalten und aufrichten kann. Eine wichtige Rolle spielen aber auch die Bücher, die Pasko in der Zelle liest und in seinem Tagebuch verarbeitet. «Die rote Zone» ist damit nicht nur Gefängnistagebuch, sondern auch ein Streifzug durch (vornehmlich russische) Literatur und Denkrichtungen. Der Tagebuchrhythmus wird durchbrochen durch eigene, im Gefängnis entstandene Gedichte und Retrospektiven über die Jugend des Autors in der Ukraine, über die Ferienreisen mit seiner Frau nach Europa, über seine Dienstreisen nach Japan und sein Leben in Wladiwostok vor der Verhaftung. Auf diese Weise weicht sich die Chronologie auf, wie sich die Ereignisse wohl auch beim Verharren in der Gefängnis-Monotonie vermischt haben müssen.

Ungläubig staunt der Lesende immer wieder über die Jahrzahlen in Grigori Paskos Gefängnistagebuch: Spielten sich die Ereignisse, die der Militärjournalist beschreibt, wirklich Ende der 90er-Jahre und zu Beginn unseres Jahrtausends ab? «Es war also alles beim Alten geblieben (...). Da erfindet die Menschheit vollkommen neue Dinge, Mobiltelefone, das Internet, allerlei Roboter. Geht es jedoch um die Entwürdigung des Menschen durch den Menschen, um die Ausübung von Zwang gegen seinesgleichen, wird augenscheinlich gern auf Altbewährtes zurückgegriffen. Die gleichen Hunde, der gleiche Stacheldraht, die gleichen Hungerrationen.»

Gewissensgefangener Zentral sind auch die Reflexionen Paskos über den Zustand Russlands und der russischen Gesellschaft. Es sind anklagende, oft grobe Worte, mit denen der Autor sein Land beschreibt und sich fragt, weshalb der Staat es sich leisten kann, Gefangene unter menschenunwürdigen Umständen zu halten, ihre Rechte systematisch zu missachten und dabei trotzdem nicht zur Rechenschaft gezogen zu werden. «Wer wenig weiss, schläft besser. Ich habe stets schlecht geschlafen. Kann sein, weil ich immer ein bisschen mehr wusste als der Rest. Oder wissen wollte. Und vielleicht hat mich genau dieses Wollen, dieses Mehr-Wissen, ins Gefängnis gebracht.»

Nach der Untersuchungshaft und der Aburteilung wird Grigori Pasko in verschiedene Arbeitslager mit verschärften Bedingungen verfrachtet, sogenannte «rote Zonen», wo ihm das Schreiben gänzlich untersagt ist. Im Jahr 2003 kommt er noch vor Verbüssung der gesamten Haftstrafe frei. Pasko war von Beginn weg ein prominenter Gefangener, dessen Fall breite Aufmerksamkeit auf sich zog, auch von der Menschenrechtsorganisation Amnesty International, die den Prozess verurteilte und seine Freilassung forderte. «28. Februar 1999. Der letzte Tag meines zweiten Gefängniswinters. Von der Freiheit trennen mich dreizehn eiserne Türen und Gitter und ebenso viele Bände Verfahrensakten.»

Grigori Pasko:
Die rote Zone
Ein Gefängnistagebuch.
Wallstein Verlag,
Göttingen, 2006.
CHF 42.60

Erschienen in «amnesty - Magazin der Menschenrechte» vom Juni 2007
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion