AI - Aktiv Ein Leben für die Menschenrechte

Walter Ebnöther lebte und arbeitete lange Jahre in Indien, Japan, Nepal und anderen Ländern. Seine reiche Erfahrung setzt er jetzt als Länderkoordinator für Südostasien für Amnesty International ein.

Walter Ebnöther © AI

Als ich im Bahnhof Zürich ins Restaurant Au Premier eintrete, kommt mir Walter Ebnöther bereits entgegen: «Komm, es ist zu dunkel hier, lass uns nach draussen gehen», sagt er, um mir unter den letzten Strahlen der Abendsonne aus seinem Leben zu erzählen.

Walter Ebnöthers soziales und politisches Engagement begann vor mehr als 40 Jahren. Nach einer kaufmännischen Lehre reiste er 1960 nach Indien. Beseelt von den Ideen Gandhis, schloss er sich der Bewegung «Bhoo-dan» an – der Landschenkungsbewegung des geistigen Führers Vinoba Bhave, eines Kampfgefährten Gandhis aus der Unabhängigkeitsbewegung. Während eineinhalb Jahren wanderte er mit seinen indischen Gesinnungsgenossen von Dorf zu Dorf, um Landschenkungen zu sammeln und an die landlosen Bauern weiterzugeben.

Danach reiste er über Malaysia, Thailand, Kambodscha, Vietnam und Hongkong nach Japan weiter, wobei er sich immer wieder in sozialen Projekten engagierte. Um seine Rückreise zu finanzieren, gab er in Japan Sprachunterricht, bevor er nach drei Jahren in die Schweiz zurückkehrte. «Gerade mal 2000 Dollar habe ich in dieser Zeit ausgegeben», erzählt Ebnöther mit einem verschmitzten Lächeln.

Er blieb allerdings nicht lange in der Schweiz. Nach einer Tätigkeit bei Helvetas reiste er für weitere drei Jahre nach Japan, wo er als Lehrer an einer renommierten internationalen Schule in Tokio unterrichtete und an der Universität einen Abschluss in Entwicklungsökonomie machte.

Es folgten längere Aufenthalte in Kanada und Mexiko, Bangladesch und Nicaragua. 1987 und 1988 leitete er das damals erste Kinderspital in Nepal. Ebnöther strahlt während seiner Erzählung eine aussergewöhnliche Ruhe aus. Aus seinen Worten spricht die Überzeugung, sich in all diesen Jahren für seine innersten Werte und die richtige Sache engagiert zu haben.

Ende der 80er-Jahre kehrte Ebnöther in die Schweiz zurück, wo er seine Mutter zwei Jahre lang bis zu ihrem Tod betreute. Die Leitung des Kinderspitals in Nepal sollte seine letzte formale Tätigkeit im Ausland gewesen sein. «Es ist klar, in Nepal konnte man nicht auf mich warten», sagt er mit einer gewissen Wehmut in der Stimme.

Bis zu seiner Pensionierung arbeitete Ebnöther als Berufsschullehrer in Zürich und begann, sich für SERPAJ (Servicio Pazy Justicia) und für Amnesty International (AI) zu engagieren. Mit AI kam er erstmals vor rund 40 Jahren in Kontakt. Seitdem ist der heute 68-Jährige Mitglied einer AI-Lokalgruppe. Im Jahr 2003 hat Ebnöther bei AI die Aufgabe als Länderkoordinator für Südostasien übernommen: «Es ist das Ideologiefreie, das mich bereits für die Ideen Gandhis und später für die Tätigkeit in Menschenrechtsorganisationen begeisterte.»

Hinter den Häuserzeilen verschwinden die letzten Sonnenstrahlen. Ich verabschiede mich, beeindruckt von seiner Lebensgeschichte, seinen Überzeugungen und seiner Begeisterung.

Erschienen in «amnesty - Magazin der Menschenrechte» vom Juni 2007
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion