Film Die Sprache der Bilder

Menschenrechtsthemen sind aus dem Kino nicht mehr wegzudenken. Gut gemeint ist nicht immer gut gemacht.

Filmszene aus «Invisibles» © ZVG

Zunächst einmal die gute Nachricht: Menschenrechtsthemen sind aus dem Gegenwartskino nicht mehr weg zudenken. Im Programm der diesjährigen Berlinale gab es mehr als ein Dutzend Filme, die über Ehrenmord oder Frauenhandel aufklärten, die Folgen von Bürgerkriegen in Afrika ins Bild rückten oder die Schicksale von politischen Gefangenen, MigrantInnen oder Folteropfern auf die Leinwand brachten. Die schlechte Nachricht: Gut gemeint ist nicht immer gut gemacht. Dass Filme macher versuchen, ihr Medium und ihren Einfluss für humanitäre Anliegen einzusetzen, ist lobenswert. Nur ist der Sache kaum gedient, wenn die Botschaft in einer Form dargestellt wird, die schon nach wenigen Minuten im Kinosessel Fluchtreflexe auslöst.

So behandelte der Film «Invisibles» in fünf dokumentarischen Episoden humanitäre Krisen, die von den Medien weitgehend ignoriert werden: das Elend von Kindern in Uganda, Massenvergewaltigungen von Frauen in der Demokratischen Republik Kongo und die tropische Schlafkrankheit, an der Millionen von Menschen leiden, deren Behandlung für die Pharmaindustrie aber nicht profitabel ist. Ein Panorama voller Fakten und Schicksale – und dennoch misslungen.  Wenn so viele drängende Themen in nur 100 Minuten abgehandelt werden, bleibt beim Zuschauer der Eindruck einer Abfertigung nach dem Fliessbandprinzip: Darfs noch ein Opfer mehr sein?  Die blosse Akkumulation von Gräuelgeschichten fordert weniger die Bereitschaft zum Umdenken als zum schieren Durchhalten.

Der Film «Bordertown» wiederum scheiterte aus völlig anderen Gründen. Hier ist alles derart auf Entertainment und Kurzweil getrimmt, dass der Anlass – die Frauenmorde in der mexikanischen Grenzstadt Ciudad Juárez – in den Hintergrund zu treten droht. Die Tatsache, dass Jennifer Lopez die Hauptrolle übernommen (und den Film auch produziert) hat, galt den meisten Medien als die eigentliche Schlagzeile. Glamour und Elend, das passt nicht zusammen, war der Tenor. Das Werk, das dramaturgisch bestenfalls als B-Movie durchgeht, hat auf einem Film festival nichts zu suchen, und bekam dementsprechend vernichtende Kritiken.

Dabei kann das Thema Menschenrechte durchaus Anlass für spannende Filme sein, die ein grosses Publikum erreichen. Das Spektrum der Erzählweisen ist dabei erfreulich breit gefächert. Ein Kinofilm kann die Rekonstruktion eines historischen Ereignisses vornehmen wie in «Hotel Ruanda». Er kann die Schatten der Gegenwart in eine düstere Zukunft projizieren wie in «Children of Men». Oder er kann wie in «Babel» Einzelschicksale so verknüpfen, dass daraus ein komplexer Film über die Globalisierung und ihre Folgen entsteht.

Engagiertes Kino ist kein Zeigefinger-Kino. Scheitert es, dann liegt dies oftmals daran, dass es den Zuschauer, wenn auch in bester Absicht, gänglerisch in Gewissenshaft nimmt, dass es durch Figuren, Musik und Story vorgibt, was und wie man über das Dargestellte zu befinden hat. Dann kann die eigene Urteilskraft getrost beiseitegelegt werden, dann sind die ZuschauerInnen nicht als denkende Personen, sondern als Zielobjekte einer Propagandamassnahme ange¬sprochen. Natürlich wird es immer notwendig sein, Menschenrechtsverletzungen anzuprangern und zu direkten, ansprechenden Bildern zu greifen. Oft ist eine klare Position unverzichtbar, aber der Kinosaal als Ort der Begegnung mit anderen Lebensl äufen ist kein Ort für Pamphlete, auch nicht für gut gemeinte.

Wer ins Kino geht, sucht eine Auszeit. Das heisst, er will nicht belehrt werden. Das heisst nicht, dass er nicht auf der Suche nach neuen Eindrücken und Erkenntnissen ist. Engagiertes Kino sollte seinen Figuren menschliches Format verleihen, das heisst, sie anf ällig für Fehler und Zweifel machen, aber auch bereit dazu, im Angesicht von Unrecht das Richtige zu tun. Es sollte die Schrecken, von denen es spricht, nicht verschweigen, sondern auf eine Weise er fahrbar machen, die nicht den ZuschauerInnen Gewalt antut. Eine Kinoleinwand ist gross: Wer auf den Schockeffekt setzt, wird den Zuschauer blenden, anstatt seine Augen zu öffnen. Die Grösse des Kinos erlaubt und verlangt Mass im Einsatz der filmischen Mittel. Die Wirkung wird umso st ärker sein. In «Hotel Ruanda» fährt die Hauptfigur im Frühnebel, als die Strasse holprig wird. Der Mann steigt im Dunkeln aus dem Wagen und bemerkt entsetzt, dass er über Leichen gefahren ist. Sie bedecken den Boden, aber er kann sie nicht alle sehen. Es ist genau diese Ungewissheit, die diese Szene so schrecklich macht.

Engagiertes Kino sollte, kurz gesagt, mit seinen Mitteln einen Erfahrungsraum anbieten, der Freiheit nicht nur einfordert, sondern eigenes Denken zulässt; es sollte sich die Zeit nehmen, eine Geschichte in all ihren Facetten und Widersprüchen zu entfalten anstatt Botschaften mundgerecht vorzugeben. Dann können beide gewinnen: die bewegten Bilder und die durch sie bewegten ZuschauerInnen.

Erschienen in «amnesty - Magazin der Menschenrechte» vom Juni 2007
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion