«Horizont wechseln»

Seit mehr als 30 Jahren setzt sich Judith Vuillemin an allen Fronten für die Opfer von Menschenrechtsverletzungen ein – und kann sich nicht vorstellen, in eine Stadt zu ziehen, in der es keine Gruppe von Amnesty International gibt.
© AI

Dann sehen wir uns nächste Woche», verabschiedet sich Judith Vuillemin von ihrem Nachbarn aus Bosnien, dem sie kostenlosen Deutschunterricht gibt. Am Mittag hat sie in St. Gallen für Asylsuchende gekocht, und fast täglich erhält sie Briefe von Menschen, die in Ausschaffungshaft sitzen. Trotz ihrer 72 Jahre setzt sich die pensionierte Lehrerin an allen Fronten ein, wo Menschlichkeit gefordert ist.  

«Ich weiss aus eigener Erfahrung, wie wirksam öffentlicher Druck ist », erzählt Judith Vuillemin über die Hintergründe ihres Engagements. Im Jahr 1964 war sie mit ihrem Mann für die Unesco in Ruanda, als bei einem grausamen Massaker 10000 Tutsis getötet wurden. «Wir wussten, dass die Regierung dahinterstand, und wollten etwas dagegen tun», sagt sie. Doch keine Zeitung wollte den Bericht ihres Mannes abdrucken, da ihnen die Beweislage zu gering war. «Da beschlossen wir, seinen Vertrag bei der Unesco zu kündigen. Denn wenn ein junger Familienvater eine so glänzende Stelle aufgab, konnte die Geschichte nicht erfunden sein.» Unter dramatischen Umständen wurde die vierköpfige Familie ausgeflogen. Bei der Landung in Genf vernahmen sie, dass die Schweiz die Entwicklungszusammenarbeit mit Ruanda gestoppt hatte und der Bericht in zahlreichen europäischen Zeitungen erschienen war. Der damals amtierende Staatschef musste später zurücktreten. Von Amnesty International (AI) erfuhr die damalige Sprachlehrerin erst zehn Jahre später durch Berufskollegen. Sie wurde Mitglied der Gruppe in La Chaux-de-Fonds und übernahm die Leitung der Berufs- und Zielgruppe GewerkschafterInnen, die sich für ihresgleichen in der ganzen Welt einsetzten. «Hatte ich eine Urgent Action in meinem Briefkasten, liess ich alles stehen und liegen», lacht Vuillemin. Sie tippte den Brief ins Französische ab und verschickte ihn an 250 Gewerkschaften in der Romandie und im Tessin, die ihrerseits Druck ausübten. Um sie «bei der Stange zu halten», schrieb sie jeden Monat ein Bulletin mit Informationen über den Verlauf der Fälle. Eine Idee, die der französischen und der belgischen AI-Sektion so gut gefiel, dass sie auf den ganzen französischsprachigen Raum ausgeweitet wurde – damit war die «Chronique Syndicale» geboren, die bald einmal mehr als 10000 AbonnentInnen hatte und bis nach Haiti und Madagaskar ging.

Auch für die Zukunft hatte Judith Vuillemin bereits grosse Pläne geschmiedet. Nach ihrer Pensionierung wollte sie ins Internationale Sekretariat nach London, um als Freiwillige die Berufs- und Ziel gruppe GewerkschafterInnen zu übernehmen. Doch dann kam 1993 das Burnout – und plötzlich ging gar nichts mehr. Drei Jahre dauerte es, bis sie sich erholt hatte. «Da sagte ich mir, wenn du noch etwas erleben willst, bevor du stirbst, musst du deinen Horizont wechseln.» Gesagt, getan: Bei einem spontanen Ausflug nach Rorschach verliebte sich die gebürtige Deutsche in das Städtchen am Bodensee. Sofort erkundigte sie sich, ob es hier eine AI-Gruppe gebe – eine Bedingung für den Umzug. Es gab eine, und damit war die Sache für Judith Vuillemin klar: «Ich fand noch am selben Tag eine Wohnung und zog um.» Bereut hat sie es bis heute nicht: «Wir sind eine tolle Gruppe», sagt sie und lächelt verschmitzt: «Jetzt bin ich halt nicht in London, sondern in Rorschach – und das ist auch gut.»

Erschienen in «amnesty - Magazin der Menschenrechte» vom September 2007
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion