Buchbesprechung 28 Geschichten über Aids

Sechs Jahre lang ist die Journalistin Stephanie Nolen den Spuren von Aids in Afrika gefolgt – entstanden ist daraus ein Buch mit 28 persönlichen Geschichten, das die Krankheit und ihre Auswirkungen in all ihren Dimensionen darstellt und mit Klischees und falschen Vorstellungen aufräumt.
Buchcover

In Afrika sind 28 Millionen Menschen mit dem HI-Virus infiziert. Diese 28 Millionen Menschen werden in den nächsten drei bis vier Jahren sterben. Was in Afrika passiert, ist ein Völkermord aus Gleichgültigkeit.» Es sind klare, aber differenzierte Worte, mit denen die kanadische Journalistin und Afrika-Korrespondentin Stephanie Nolen im Vorwort ihres Buches die tödliche Krankheit, ihre Entstehung und ihre Auswirkungen auf Afrika beschreibt. «Aids ist kein Ereignis oder eine Folge von Ereignissen, sondern ein Spiegel, der den Gesellschaften und Kulturen vorgehalten wird, die wir geschaffen haben.»

Anhand von 28 persönlichen Schicksalen erzählt die Journalistin und dreifache Gewinnerin des «Amnesty International Award for Human Rights Reporting», wie die Krankheit verläuft, wie sie sich ausbreitet, wie sie tötet und wie sie auf schreckliche Weise untrennbar mit kriegerischen Konflikten, Hunger und dem Zusammenbruch von Staaten verknüpft ist. Sie zeigt, wie Unwissenheit, Schweigen und falsche Vorstellungen zur tödlichen Verbreitung des Virus beigetragen haben, genauso wie die Unfähigkeit und der fehlende Wille von Regierungen und der internationalen Gemeinschaft, das Ausmass der Pandemie in Afrika zu erkennen und frühzeitig dagegen vorzugehen.

Die Lesenden erfahren, was es bedeutet, wenn ganze Generationen einer Gesellschaft auf einmal fehlen und Grossmütter wie Regina Mamba, anstatt den wohlverdienten Ruhestand geniessen zu können, für mehr als ein Dutzend Enkelkinder sorgen müssen, weil deren Eltern an Aids gestorben sind, oder wenn zehnjährige Mädchen wie Tigist Haile Michael und ihr sechsjähriger Bruder Yohannes in der Grosstadt Adis Abeba auf sich allein gestellt sind, weil sie, wie 14 Millionen andere Kinder in Afrika, ihre Eltern durch Aids verloren haben. «Aids verstärkt die Auswirkungen von Armut, Hunger, Krieg und Korruption und schwächt zugleich die Fähigkeit, damit fertig zu werden. Aids trifft vor allem die junge, leistungsfähige Generation, raubt Menschen, die Nahrungsmittel anbauen, in den Fabriken arbeiten und an Schulen unterrichten.»  

Es sind intime Geschichten, die Nolen in ihrem Buch erzählt und die mit ganz privaten Momenten im Leben von Menschen zu tun haben, über die nur ungern gesprochen wird. Mit grossem Einfühlvermögen lässt sie Frauen wie Siphiwe Hlope zu Wort kommen, die von ihrem Mann zum Sex ohne Kondom gezwungen wurde, obwohl er wusste, dass er Aids hatte, und die, als sie sich selbst infizierte, von der ganzen Familie verstossen wurde. Sie lässt aber auch Männer wie den Fernfahrer Mohammed Ali und den Bergarbeiter Manuel Cossa erzählen, die weit weg von ihren Familien leben, bei der Arbeit täglich grossen Risiken ausgesetzt sind und für die die Prostituierten in den Truckstops oder den Bars oft eine der wenigen Freuden des harten und einsamen Arbeitsalltags sind.

Eine grosse Stärke des Buches ist die Einbettung der persönlichen Geschichten in gesamtgesellschaftliche und globale Zusammenhänge. So zeigt Nohlen etwa anhand des prominenten südafrikanischen Aids-Aktivisten Zackie Achmat die Problematik der Patentierung von Aids-Medikamenten durch internationale Unternehmen auf. Auch die dramatischen Folgen der Aids-Politik einzelner Regierungen kommt zur Sprache, wie etwa diejenige von Thabo Mbeki in Südafrika, der die Wirkung von Aids-Medikamenten aus einem antiimperialistischen Reflex leugnete und deren Verteilung verhinderte, womit er sich mitverantwortlich gemacht hat für den Tod hunderttausender Menschen. Anhand von Geschichten wie derjenigen des ugandischen Forschers Pontiano Kaleebu, der Krankenschwester Christine Amisi oder der Aids-resistenten Prostituierten Anne Mumbi hilft Nolen den Lesenden auch, ein umfassendes Verständnis über die Funktionsweise des Virus und dessen Behandlungsmöglichkeiten zu erhalten. Und sie erzählt Geschichten, die zeigen, was passiert, wenn Menschen in den Genuss einer Behandlung kommen, und wie Menschen, die dieses Glück nicht haben, ohne Hilfe und Unterstützung um ihr Leben kämpfen.

Und mit Klischees räumt Nolen in ihrem Buch auf: Weder die gängige Meinung, wonach Aids vor allem die arme Bevölkerung betreffe, noch das Vorurteil, dass Afrikaner sexuell aktiver und deshalb mehr von der Krankheit betroffen seien, halten ihrer differenzierten Auseinandersetzung mit dem Virus stand: «Afrikaner haben nicht mehr Sexualpartner als Nordamerikaner oder Europäer, doch sie haben gleichzeitige sexuelle Beziehungsnetze, was die Wahrscheinlichkeit der Ansteckung drastisch erhöht, da die meisten Ansteckungen in den ersten sechs Wochen erfolgen.» Anhand von Geschichten wie derjenigen des ehemaligen südafrikanischen Staatschefs Nelson Mandela, dessen Sohn an Aids gestorben ist und der seither zu einem der Vorreiter im Kampf gegen Aids geworden ist, zeigt Nolen, dass sich die Krankheit keineswegs auf gewisse Bevölkerungsschichten reduzieren lässt. Bevölkerungsstatistiken zufolge sind in Ostafrika in wohlhabenden Haushalten dreimal mehr Menschen HIV-infiziert als in armen. Es hat gravierende Folgen für das ganze institutionelle Gefüge eines Staates, wenn Lehrer, Ärztinnen, Polizisten, Krankenschwestern, Bürgermeister, Technikerinnen und landwirtschaftliche Berater einfach wegsterben.

So unterschiedlich und facettenreich die Geschichten der Menschen sind, die Nolen über Jahre hinweg recherchiert und dokumentiert hat –, eines haben sie gemeinsam: Sie porträtieren Menschen, die mutig und mit all ihrer Kraft gegen eine unheilbare Krankheit und die damit verbundenen gesellschaftlichen Stigmata, gegen Ausgrenzung und Diskriminierung kämpfen. Oder wie der Aids-Aktivist Winstone Zulu aus Sambia sagt: «Wir weigern uns zu sterben, bevor wir tatsächlich tot sind.»


Stephanie Nolen:
28 Stories über Aids in Afrika
Piper Verlag
München, 2007.
Fr. 29.–

Erschienen in «amnesty - Magazin der Menschenrechte» vom September 2007
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion