Filmbesprechung Daratt – Trockenzeit

Der Film «Daratt» des tschadischen Regisseurs Mahamat-Saleh Haroun kreist um die existenziellen Fragen von Rache und Versöhnung.
© Trigon Film

Das Radio knistert. Der junge Atim und sein blinder Grossvater sitzen auf dem Boden und lauschen gemeinsam der Mitteilung des Sprechers der Wahrheitskommission. Dieser verkündet eine Amnestie für alle im Krieg begangenen Verbrechen. Atim schaltet das Radio aus. Lähmendes Entsetzen begleitet ihn. Wie kann die Kommission die begangenen Verbrechen ungesühnt lassen? In der Nacht überreicht ihm sein Grossvater einen Revolver, damit er aufbricht, um den Mörder seines Vaters zu töten.

«Daratt – Dry Season» heisst der Film von Mahamat-Saleh Haroun; trocken wirkt auch die Landschaft, die der junge Atim verl ässt, um in der Stadt den Tod seines Vaters zu rächen. Karg wirken zuweilen auch die Dialoge, die im Film geführt werden; seltsam emotionslose Gespräche angesichts der zentralen Themen, um die es dabei geht: Rache und Versöhnung, Feindschaft und Vergebung vor dem Hintergrund eines vom Krieg zerrissenen Landes.

Spannungsgeladen

In der Stadt angekommen, entdeckt Atim den Mörder seines Vaters, als dieser mit seinem Gebetsteppich das Haus verlässt. Atim folgt ihm, bringt es allerdings nicht fertig, ihn zu töten. Nassara schliesslich, so heisst der Mann, wird auf Atim aufmerksam, als sich dieser immer wieder vor seiner B äckerei herumtreibt. Obwohl sich Atim abweisend und spröde verhält, entwickelt Nassara eine gewisse Zuneigung zu ihm und bietet ihm Arbeit in seiner Bäckerei an.

Es ist eine spannungsgeladene Beziehung, die sich in der Folge zwischen den beiden entwickelt. Atim folgt ständig dem Gedanken, Nassara zu töten. Obwohl sich ihm mehrere Gelegenheiten dazu bieten, bringt er es nicht fertig. Zu sehr ist er beeindruckt von der Würde des Mannes, der ihm einen Beruf beibringt; zu sehr auch von dessen Güte, wenn er Brot an Bedürftige verteilt. Nassara hingegen, von zahlreichen Gebrechen gepeinigt, ist froh, eine zusätzliche Arbeitskraft in seinem Betrieb zu haben. Diese unterstützt ihn auch gegenüber der neuen Konkurrenz – einer fahrenden «Boulangerie», welche ihr Brot gleich gegenüber seinem Laden verkauft.
Nichtsdestotrotz kann sich zwischen den beiden kein Vertrauensverhältnis entwickeln. Zu sehr wird gerade auch Nassara durch seine eigene Vergangenheit geprägt. Eine wichtige Rolle spielt die schwangere Frau Nassaras, Aicha. Viel jünger als Nassara, ist sie von ihrer Familie zwangsverheiratet worden. Atim fühlt sich zu Aicha hingezogen, und auch sie steht diesem in verschiedenen Dingen näher als ihrem Ehemann. Als Aicha ihr Kind verliert, will Nassara Atim als Sohn adoptieren. Es ist Aicha, die den zögernden Atim auffordert, dem Wunsch Nassaras nachzukommen – einer der seltenen Versuche, eine Versöhnung zwischen den beiden herzustellen.

Straflosigkeit

Dass die Versöhnung nicht gelingt, liegt auch an der kriegerischen Vergangenheit des Tschad und an der fehlenden Bereitschaft, diese aufzuarbeiten. Die wiederholten Versuche der tschadischen Regierungen, den jahrzehntelangen Bürgerkrieg mit umfassenden Amnestieangeboten zu beenden, haben bei den Opfern eher ein Gefühl der staatlich sanktionierten Straflosigkeit hinterlassen, als dass sie einen Beitrag zur Versöhnung leisten. Auch Atim erlebt den Staat in erster Linie als feindliche Institution, von der er keine Gerechtigkeit erwarten darf. Zu Beginn des Films, auf seiner Fahrt in die Stadt, wird er von einem Soldaten mit einer Waffe be droht; und als er, in der Stadt angekommen, verbotenerweise an eine Mauer uriniert, wird er gleich von zwei Polizisten angegriffen und zusammengeschlagen. Erst dank der Intervention eines jungen Mannes kann er sich befreien. Der junge Mann, ein städtischer Kleinkrimineller mit zweifelhaftem Beruf, wird bezeichnenderweise zu Atims erstem Verbündeten in der Stadt.

Stillstand

Atim packt schliesslich seine Sachen zusammen, entschlossen, in sein Dorf zurückzukehren. Das Anliegen Nassaras, ihn zu begleiten und seine Eltern um eine Adoptivfreigabe zu bitten, lehnt er ab. Nassara allerdings bleibt hartnäckig, woraufhin Atim dessen Begleitung akzeptiert. Gemeinsam machen sie sich auf den Weg und treffen in Atims Dorf auf den wartenden Grossvater. Erst jetzt erkennt Nassara, um wen es sich bei Atim handelt.

Mahamat-Saleh Haroun versucht mit «Darrat» eine Annäherung von zwei verfeindeten Bürgerkriegsparteien herzustellen. Er bietet den beiden Protagonisten die Gelegenheit, bestehende Gräben zu überwinden. Diese verharren aber letztlich in den alten gesellschaftlichen Konventionen.

Der Film läuft ab 13. September 2007 in den Deutschschweizer Kinos.

Erschienen in «amnesty - Magazin der Menschenrechte» vom September 2007
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion