«Sensibilisieren gegen Rassismus»

Mehrmals wurde er selbst Opfer unkorrekter Behandlung durch die Polizei. Nun kämpft der Berner Grossrat Ricardo Lumengo für ein besseres Verhältnis zwischen Polizei und ImmigrantInnen.
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amnesty: Ricardo Lumengo, haben Sie Angst vor der Polizei?
Ricardo Lumengo: Ja, aber das ist in gewisser Weise normal. Die Polizei repräsentiert Autorität und Repression, zumindest wenn man wie ich aus einem Land mit einer Diktatur kommt und schlechte Erfahrungen mit der Polizei gemacht hat. Das kommt immer hoch. Früher hatte ich teilweise Angst vor Kontrollen und davor, mich öffentlich erniedrigen lassen zu müssen. Heute ist es eher ein Respekt vor der Autorität.

Sie haben auch hier schlechte Erfahrungen gemacht?
Vor einigen Jahren wurde ich bei einer Kontrolle zu Boden geworfen, nur weil ich die Beamten nach ihrem Ausweis gefragt hatte. Zur Begründung für die Kontrolle sagten sie mir: «98 Prozent der Schwarzen sind Drogendealer, darum müssen wir Sie kontrollieren.»
Erst kürzlich kam ich von einem Sonntagsspaziergang zu meinem Auto zurück, das ich in einem verlassenen Industriequartier abgestellt hatte. Sofort war ein Polizeiwagen da. Ich musste meinen Ausweis zeigen, mein Kofferraum wurde gefilzt. Ich bin überzeugt: Wäre ich ein Weisser, hätte die Kontrolle nicht stattgefunden. Sogar wenn man im Kantonsparlament sitzt, wird man als Verbrecher behandelt. So etwas tut weh.

Also werden Sie nur wegen Ihrer Hautfarbe kontrolliert?
Um präzis zu sein: Nicht weil ich schwarz bin, sondern weil es das Vorurteil gibt, Schwarze seien Drogenhändler oder Diebe. Einige Polizisten denken beim Anblick eines Schwarzen: Jetzt habe ich einen Verdächtigen, und konzentrieren ihre Aktion nur auf ihn. Mehrmals bekam ich «dreckiger Neger», «halt’s Maul» und andere Beleidigungen zu hören.
Ich will aber keinesfalls den Eindruck erwecken, ich hätte einen Hass auf die Polizei. Man muss der Polizei erlauben, ihre Arbeit zu tun. Wenn Klienten zu mir kommen, die mit der Polizei in Konflikt geraten sind, rate ich immer zu Höflichkeit und Kooperation. Es geht mir darum, bessere Lösungen zu finden, um die Glaubwürdigkeit der Polizeiarbeit und das Vertrauen der Bevölkerung zu erhöhen.

Vor zwei Jahren organisierten Sie in der Stadt Biel eine Demonstration gegen rassistische Ausw üchse in der Polizei. Hat sich die Situation seither verbessert?
Es gibt tatsächlich seit einiger Zeit weniger Klagen über schlechte Behandlung durch die Polizei. Die Behörden bemühen sich, die Beamten auf ein umsichtiges, nichtdiskriminierendes Verhalten zu verpflichten. Inwieweit diese Botschaft bei den Beamten im allt äglichen Kontakt mit der Bevölkerung ankommt, kann ich nicht abschliessend beurteilen.
Ich möchte betonen, dass von ungleicher Behandlung nicht nur Schwarze betroffen sind. Ich bin selbst schon von weissen Opfern, vor allem jungen Leuten, für eine juristische Beratung kontaktiert worden. Auch im Bericht von Amnesty International werden Jugendliche oder Globalisierungskritiker als häufige Opfer genannt.
 
Sie haben im Berner Kantonsparlament einen Vorstoss lanciert, damit mehr Personen ausländischer Herkunft ins Polizeicorps aufgenommen werden. Weshalb?
Ich verfolge damit mehrere Ziele. Es ist unbestreitbar, dass die Polizei zu einem beträchtlichen Teil mit Personen ausländischer Herkunft zu tun hat. Einige dieser Leute sind noch nicht lange hier; sie kennen unsere Gesetze und Gebräuche oft noch nicht so gut. Polizisten, die diese Leute verstehen und vielleicht auch ihre Herkunft kennen, würden anders mit ihnen in Kontakt treten und umgehen.
Umgekehrt würde auch das Vertrauen dieser Bevölkerungsgruppen in die Polizei und in die Gesetze steigen. Sie würden sich sagen: «Aha, dieser Polizist behandelt uns so, weil er das Gesetz anwendet, nicht weil er uns nicht versteht. »
Zudem geht es darum, dass die Polizei die gesamte Bevölkerung zu einem gewissen Grad repräsentiert. Dies gilt im Übrigen auch für Frauen. Und schliesslich möchte ich mit meinem Postulat eine Sensibilisierung und ein Engagement gegen Rassismus bewirken.
 
Ein ziviles Projekt, das Sie unterstützt haben und das regelmässige Begegnungen zwischen Immigranten und der Polizei vorgesehen hätte, wurde im Bieler Stadtparlament abgelehnt.
Ich bedaure das sehr. Solche direkten Kontakte wären sehr nützlich, um Fragen zu stellen oder Bedenken zu äussern. Nun sind im Kanton Bern die städtischen Polizeicorps zugunsten der Einheitspolizei abgeschafft worden. Daher könnte man das Projekt auf kantonaler Ebene neu lancieren.

Nimmt die Politik das Problem ernst oder landen solche Vorstösse in der Schublade?
Ich denke schon, dass es ernst genommen wird. Schauen Sie sich die lebhafte Grossratsdebatte zu meinem Vorstoss an. Natürlich gibt es auch gegenteilige Stimmen, die das Problem abstreiten und verlangen, dass «bei den Ausländern die Schraube angezogen wird».
 
Wie beurteilen Sie das Verhältnis von Einheimischen und Immigranten in der Bevölkerung?
Einerseits wächst in einigen Gruppen die Fremdenfeindlichkeit, manchmal sogar unter Jugendlichen, die einander mit ausländerfeindlichen Sprüchen beschimpfen. Andererseits ist zu hoffen, dass sich solche Ansichten mit fortschreitender Integration ändern. Auf jeden Fall braucht es eine allgemeine Sensibilisierung, Begegnungen und gegenseitiges Verstehen.
 
Sie wurden einmal von Skinheads überfallen. Fühlen Sie sich auf der Strasse sicher?
Die Attacke geht mir schon immer wieder durch den Kopf. Ich erhalte auch Briefe mit Drohungen oder Beschimpfungen. Als Politiker bin ich eine öffentliche Person und äussere ich mich zu kontroversen Themen. Ja, manchmal frage ich mich schon: Was kann mir alles passieren?

Als politisch aktiver Student musste Ricardo Lumengo 1982 aus dem Bürgerkriegsland Angola fliehen. 1997 wurde er Schweizer. Seit 2005 sitzt der 45-jährige Jurist und Vater zweier Kinder für die SP im Bieler Stadtparlament, seit 2006 zudem im Berner Grossen Rat.
Ricardo Lumengo hat diskriminierendes Verhalten bei verschiedenen Institutionen erlebt. In Appenzell wurde er nach eigenen Angaben eines Abends auf der Strasse von der Polizei angehalten und sofort in Handschellen auf den Posten gebracht. Ein unbekannter Schwarzer werde in jedem Fall kontrolliert, das sei hier nicht wie in Zürich, hätten die Beamten gesagt.
Als er Fortbildungskurse an der Universität Konstanz besuchte, passierte er die Grenze jeweils zu Fuss. Die Grenzbeamten hätten ihn auch nach Wochen noch jeden Tag durchsucht. War er hingegen in Begleitung weisser Kollegen, sei dies selten geschehen.
In Zügen hätten sich Kontrollen durch Bahnpolizisten ausschliesslich auf ihn als einzigen Schwarzen im Waggon fokussiert, obwohl er völlig ruhig dagesessen habe.

Erschienen in «amnesty - Magazin der Menschenrechte» vom September 2007
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion