Malawi Überleben auf der Schattenseite

Überfüllte Gefängniszellen und menschenunwürdige Haftbedingungen sind in Malawi trauriger Alltag: Die landesweit 5000 Gefängnisplätze sind mit 11500 Gefangenen belegt. Besonders gefährdet sind Jugendliche, die oft wegen Bagatellen im Gefängnis landen.

Gefängnis – das heisst in Afrika oft: lernen zu überleben. Das «Maula»-Gefängnis liegt ausserhalb der malawischen Hauptstadt Lilongwe in Maisfeldern versteckt und von mehreren hohen Stacheldrahtzäunen umgeben. Manchmal sitzen die Gefangenen bis zu 15 Stunden pro Tag in der sengenden Hitze und warten auf den Abend, damit sie in ihre Zellen zurückkehren können.

Im Jahr 2005 ging ein World-Press-Foto mit Menschen in einer Zelle des Maula-Gefängnisses um die Welt, die mit aneinander gepressten Körpern auf dem Boden liegen. In den für 50 bis 60 Menschen konzipierten Zellen müssen sich bis zu 150 Gefangene zusammenpferchen. Nachdem das Bild weltweit für Furore gesorgt hatte, wurde JournalistInnen die Besichtigung der Gefängnisbaracken untersagt.

Überbelegt

In geduckter Haltung betreten zwei Jugendliche den Interviewraum in einem Nebengebäude, schleichen zur Wand und hocken sich auf den Boden. Ihre Kleidung ist zerrissen, Schuhe haben sie keine. Sie sind 28 und 24 Jahre alt, der Ältere heisst David, der Jüngere Fortune – auf Englisch bedeutet das Vermögen oder auch Schicksal.

Mit 120 Menschen würden sie in einem Raum schlafen, erzählen die beiden von ihrem Leben im Gefängnis. Decken dienten als notdürftige Unterlagen auf dem Betonboden. Wenn sich einer dreht, müssten sich alle drehen. Zu Essen gibt es nur einmal am Tag: «Nsima» (Maisbrei) mit Bohnen. Wie viel? Fortune formt seine Hände zu einer Schale. «Aber das Nsima hat zuviel Wasser drin, man wird nicht satt», fügt er hinzu. Andere Gefangene werden von ihren Angehörigen versorgt. Doch die Familien der beiden Jungen leben auf dem Land und wissen nicht, dass ihre Söhne im Gefängnis sind. Wahrscheinlich hätten sie auch nicht das Geld, um sie besuchen zu kommen.

Die unmenschlichen Bedingungen in den überbelegten Zellen sind in vielen afrikanischen Gefängnissen trauriger Alltag. Eine Anwaltsgruppe stellte laut einem Bericht der «New York Times» in 27 afrikanischen Staaten eine durchschnittliche Überbelegung von 141 Prozent fest. Zurzeit sind in den 28 malawischen Gefängnissen mit 5000 Plätzen rund 11500 Gefangene inhaftiert. Insgesamt sitzen im subsaharischen Afrika rund eine Million Menschen im Gefängnis. Doch die Anzahl steigt stetig. Hauptgrund ist die zunehmende Kriminalität, die fast immer der Überlebenssicherung dient. Oft sind es Jugendliche, die sich in der schwer zu überschauenden Matrix eines überforderten Rechtssystems verfangen.

Bagatelldelikte

So wurden auch die beiden jungen Männer aus dem «Maula»-Gefängnis wegen einer Lappalie eingesperrt. Sie arbeiteten als «Callboys» – junge Männer im Alter von zwölf bis 32 Jahren, die bei den Minibussen schreiend die Fahrtrichtungen ausrufen und dafür von den Bussfahrern bezahlt werden. Die malawische Regierung erklärte diese Praxis im Jahr 2005 für gesetzeswidrig. Seit Anfang 2006 werden die «Callboys» strafrechtlich verfolgt und mit einer Busse bis zu 20000 Kwacha (170 Franken) bestraft, was einem durchschnittlichen Pro-Kopf-Jahreseinkommen entspricht. Wer nicht bezahlen kann, dem blüht bis zu einem Jahr Gefängnis mit Arbeitslager. Zwei Wochen nach Inkrafttreten des Gesetzes waren bereits über 144 Jungen in ganz Malawi verhaftet.

Weder Fortune noch David erhielten in ihrem Prozess juristische Unterstützung. Ob sie wussten, dass sie das Recht auf einen von der Regierung bezahlten Anwalt hatten? «Nein», sagt Fortune. «Wir standen zum ersten Mal vor Gericht. Wir wissen nicht, wie das abläuft oder welche Rechte wir haben. Wir haben versucht, uns selbst zu verteidigen». Weil sie die Strafe nicht zahlen konnten, kamen sie ins Gefängnis.

Malawi ist eines der ärmsten Länder der Welt. Über die Hälfte der Menschen lebt unter der Armutsgrenze, 14 Prozent der Erwachsenen sind HIV-positiv, die durchschnittliche Lebenserwartung beträgt 43 Jahre. Die Gefängnisse sind häufig nur eine Station in der langen Kette von Armut, Kriminalität, Krankheit und Aids. Sie sind ein Abbild der schlechten Lebensbedingungen im südlichen Afrika und verstärken gleichzeitig diese Faktoren: Auf engstem Raum gedeihen hier Krankheiten wie Tuberkulose oder Krätze, auch das HI-Virus kann sich nahezu ungehindert verbreiten. Auf die Frage nach den Hygienebedingungen antwortet Fortune: «Wir teilen uns alle eine Toilette», 120 Gefangene in einer Grossraumzelle.

Keine Perspektive

Die Zahl der Inhaftierten, die ums Leben kamen, steigt gemäss Untersuchungen von Amnesty International stetig: Über 280 Gefangene starben im Jahr 2006 – fast doppelt so viele wie im Jahr 2005. Hauptursache ist die mangelhafte Ernährung.
Für Jugendliche und Kinder sind die Konsequenzen der Haftbedingungen besonders dramatisch. Wegen fehlender Bildung, Armut oder dem Verlust der Eltern sind sie der Behördenwillkür oft völlig ausgeliefert. Im Gefängnis werden Jugendliche nicht getrennt von Erwachsenen untergebracht. Häufig kommt es zu sexuellem Missbrauch, wie Amnesty International dokumentierte.

Eine Ausbildung erscheint für David und Fortune unerreichbar. Beide haben die Grundschule abgebrochen weil ihre Eltern das Schulgeld nicht zahlen konnten. Nach Aussagen malawischer Lehrer ein typischer Fall: Nur jedes zweite Kind in Malawi geht zur Schule. Viele Jugendliche verdingen sich als «Jumboboys», die Plastiktüten mit einem Gewinn von fünf Cent pro Tüte verkaufen, oder sie arbeiten als «Callboys» wie David und Fortune. Sie müssen erst gar nicht Wertgegenstände oder Essen stehlen, um eingesperrt zu werden. Was sie nach ihrer Haft erwartet? Ratlose Gesichter.

Erschienen in «amnesty - Magazin der Menschenrechte» vom November 2007
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion