Buchbesprechung Tschetscheniens vergessene Kinder

Jahrelang hat der Fotograf Musa Sadulajew den Alltag tschetschenischer Kinder mit der Kamera begleitet. Entstanden ist daraus ein Bildband, der das Leben dieser vergessenen Kinder zwischen Grauen und Hoffnung dokumentiert.

Tschetscheniens vergessene Kinder © ZVG

Im Jahr 2000 wurde der Krieg in Tschetschenien von russischer Seite offiziell für beendet erklärt. Seither ist das Schicksal der Bevölkerung, insbesondere der Kinder Tschetscheniens, weitgehend in Vergessenheit geraten. Eine ganze Generation ist ohne Kindheit aufgewachsen, wurde verstümmelt und verletzt an Körper und Seele, in Trümmern und Verwüstung zurückgelassen.
Erstmals ist jetzt ein Bildband erschienen, der das Schicksal der vergessenen Kinder Tschetscheniens dokumentiert. Seit Jahren hat der Fotograf Musa Sadulajew den Alltag der tschetschenischen Kinder mit der Kamera begleitet. In seinen Bildern geben sich Grauen und Hoffnung die Hand. Zum einen dokumentieren sie ein in Schutt und Asche liegendes Land, zum anderen zeigen sie Kinder, die von einer besseren Zukunft träumen. Musa Sadulajew ist durch zahlreiche Ausstellungen bekannt geworden.

Die Autorin und Journalistin Andrea Jeska hat den Menschen eine Stimme verliehen und beschreibt eindrücklich und sensibel den Alltag der Kinder und ihre Lebenswelt. Andrea Jeska beeindruckt durch Texte, die den Spagat zwischen politischer und emotionaler Darstellung schaffen. «Häuser kann man wieder aufbauen, Menschen nicht. Und Kindheiten, die genommen wurden, kann man nicht nachholen. Weil der Krieg zu Ende ist und niemand schiesst, kein Feuer mehr vom Himmel fällt, kann man noch lange nicht die Spiele lernen, die niemand mit einem spielte», schreibt die Autorin in ihrem Prolog. «Tschetscheniens Kinder wissen, welche Wunde welche Waffe reisst, wie verwesende Leichen riechen, wie sich Angst anfühlt. Sie spielen auf ausgebrannten Panzern, sie laufen nicht aufs Feld ohne Bewusstsein, es könnten Minen dort liegen.»

Es habe einige Besuche gebraucht, bevor sie in Tschetschenien die Hoffnung gesehen habe, schreibt Jeska. «Jene, die Musa Sadulajew zeigt, wenn er ein Kind im geborgenen Schein einer Lampe fotografiert und ein anderes beim Schmücken eines Weihnachtsbaums.»

Musa Sadulajew: Tschetschenien vergessene Kinder. Brendow Verlag, 2007. CHF 35.90

Erschienen in «amnesty - Magazin der Menschenrechte» vom November 2007
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion