China «Das Bedürfnis nach Wandel ist gross»

Der Chinese Wang Youcai war einer der Anführer der Studentenbewegung von 1989 und Mitbegründer der ersten Demokratischen Partei Chinas 1998. Für sein Engagement für eine demokratische Öffnung sass der unermüdliche Aktivist fast sieben Jahren im Gefängnis.

«amnesty» Sie gehörten zu den Mitbegründern der ersten offiziellen demokratischen Partei Chinas. Wie ging diese Parteigründung vor sich?
Wang Youcai: Ich gehörte zu einer Gruppe von AktivistInnen, die 1998 erstmals in China eine Partei, die Demokratische Partei Chinas, offiziell registrieren liessen. Mit der Registrierung auf legalem Weg wollten wir klar signalisieren, dass wir nicht einen Umsturz planen, sondern eine schrittweise Demokratisierung fördern wollen. Daher konzentrierten wir uns auch auf die kommunale Ebene, um die Vormacht der Kommunistischen Partei auf nationaler Ebene nicht in Frage zu stellen. Wären wir nicht nach drei Monaten verbannt worden und wären nicht 100 führende Personen ins Gefängnis gesteckt worden, zu denen auch ich gehörte, wären wir sehr schnell gross geworden.

Glauben Sie, dass der Wandel trotz der Repression durch die Regierung unaufhaltbar ist?
Die Situation in China ist kompliziert geworden. Viele gewöhnliche Chinesen und Chinesinnen trauen der Regierung nicht mehr. Die Regierung spürt diesen Druck und erhöht ihrerseits die Repression ­– gerade im Hinblick auf die Olympischen Spiele zeigt sich das sehr deutlich.

Auf der anderen Seite nutzt sie die Medien, um ein möglichst positives Bild der aktuellen Situation und des Wirtschafts wachstums zu zeigen. Dieses stimmt jedoch in keiner Weise mit der Realität der Leute überein, was deren Misstrauen und Bedürfnis nach einer Veränderung noch verstärkt.

Von wem wird ein möglicher Wandel Ihrer Meinung nach ausgehen?
Das ist sehr schwer zu sagen. Ich denke, dass der Leidensdruck beim armen Teil der Bevölkerung auf dem Land, aber auch in den Städten besonders hoch ist. Doch fehlt es gerade dieser riesigen Bevölkerungsgruppe an den wirtschaftlichen Ressourcen und Mitteln, um gemeinsam gegen ihre prekäre Situation zu protestieren. Wer jedoch die Mittel dafür hätte, ist die Mittelklasse. Ein Teil davon ist von der Regierung abhängig, der ist nicht für eine Demokratisierung. Doch viele Personen haben ihr Geld nicht über eine politische Karriere, sondern über wirtschaftlichen Erfolg gemacht. Sie sind in andere Länder gereist und haben einen ganz neuen Blickwinkel auf ihr Land und die Welt erhalten. Ich glaube, vor allem mit der nächsten Generation von jungen, gut ausgebildeten und weltgewandten ChinesInnen wird sich in unserem Land ein Wandel vollziehen.

Wie verbreitet sind demokratische Ideen in China?
In meinem früheren Beruf als Manager eines Telekommunikationsunternehmens bin ich sehr viel durch das ganze Land gereist und habe mit Menschen aus allen Berufskreisen und sozialen Schichten gesprochen. Dabei habe ich festgestellt, dass viele den Ideen der Demokratie sehr viel Sympathie entgegenbringen. Vor 1979 hat die Parteipropaganda der Bevölkerung weisgemacht, dass wir in der besten aller Welten leben. Mit der Öffnung hat die Bevölkerung gemerkt, dass das Gegenteil wahr ist. Besonders gut ging es demokratischen Staaten. Vor allem Intellektuelle begannen daher, sich eingehender mit diesem Konzept zu befassen. In den 1980er Jahren war die Demokratiebewegung sehr aktiv, sogar ein Teil der Führungskräfte der Kommunistischen Partei hegte Sympathien dafür. Leider war es dann der harte Flügel der Konservativen, der sich durchsetzte und 1989 auf dem Tiananmen Platz die Demokratiebewegung blutig niederschlug. Seither sind die Ideen zwar in den Köpfen der Menschen, doch die meisten haben Angst, sie zu äussern oder sich dafür einzusetzen.

Die Angst ist nicht unbegründet. Sie selbst wurden wegen Ihres Engagements verschiedentlich über mehrere Jahre ins Gefängnis gesteckt und mussten China verlassen.
Ja, es ist zurzeit sehr schwierig, sich in China aufzulehnen. Die Kommunistische Partei hat riesige Angst vor Veränderungen und davor, die Kontrolle zu verlieren. Das ist sehr schade, denn die aktuelle Situation ist, gerade auch mit der wachsenden sozialen Kluft, alles andere als stabil.

Es wäre sehr viel besser für das ganze Land, wenn sich die politische Situation Ruf nach Demokratie in Hongkong: «Die Idee ist in den Köpfen.» Schritt für Schritt verändern würde und eine Entwicklung durchmachen könnte wie etwa in Taiwan. Auch wenn ich als solcher behandelt wurde, ich bin kein Dissident. Ich bin zwar gegen die Diktatur, aber ich bin für eine graduelle Öffnung. Demokratie kann man nicht von einem Tag auf den anderen einführen, es ist ein Lernprozess.

Seit Sie aus dem Gefängnis entlassen wurde, leben Sie in den USA. Sie haben aber immer wieder betont, dass Sie nach China zurückkehren möchten. Welche Rolle sehen Sie für sich persönlich in Bezug auf einen Wandel in China?
Ich geniesse sowohl in China wie auch in anderen Ländern eine relativ hohe Bekannt heit. Zudem verfüge ich über ein gutes soziales Netzwerk in China, auch zu hochstehenden Beamten. All dies hat mich auch während meiner Jahre im Gefängnis vor brutalen Misshandlungen geschützt. Gerade weil ich eine milde Position vertrete, konnte ich auch Mitglieder der Kommunistischen Partei von der Notwendigkeit des Wandels überzeugen. Ich glaube, dass ich einen Einfluss haben werde, sollte es zu einem Wandel kommen. Ich glaube, dass ich nur in China selber wirklich etwas verändern kann. Denn ich kann nur glaubwürdig für etwas einstehen, wenn ich dasselbe Risiko trage wie diejenigen, die ich zum Handeln bewegen will.

Erschienen in «amnesty - Magazin der Menschenrechte» vom Februar 2008
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion