Vertreibungen Millionen umgesiedelt

2 Million Menschen wurden in China für den Bau des Drei-Schluchten-Staudamms unter Zwang umgesiedelt, weitere 4 Millionen müssen in den nächsten Jahren ihre Häuser verlassen. China hat seit 1949 für den Bau von Staudämmen über 20 Millionen Menschen umgesiedelt.

Jiang Yongchang und Fu Xiuqiong leben in einer notdürftigen Hütte am Ufer des Drei-Schluchten-Stausees. Als ihr Haus Ende 2006 von Baggern niedergerissen wurde, um den steigenden Fluten des sich füllenden Stausees Platz zu machen, mussten sie hilflos zuschauen. Das Geld, das ihnen für die Wiederansiedlung in einer anderen Gegend versprochen worden war, haben sie nicht erhalten. Deshalb mussten sie am See bleiben.

Gegen 2 Millionen AnwohnerInnen des Jangtse mussten ihr Land, ihre Häuser und ihre Wohnungen in der Provinz Hubei verlassen, um dem Drei-Schluchten-Staudamm Platz zu machen. Umgesiedelt wurden sie teilweise in höher gelegene Gebiete am Fluss, teilweise in weit entfernt liegende Regionen. Für das grösste Staudammprojekt der Welt wurden seit 1993 13 Städte, darunter Wanxian mit 140000 EinwohnerInnen und Fuling mit 80000 EinwohnerInnen, Hunderte von Dörfern und über 600 Fabriken zerstört.

Leere Versprechungen

Zwar wurden die Städte oberhalb des neuen Stausees wieder aufgebaut, den Vertriebenen wurde für die Wiederansiedlung eine Entschädigung versprochen und sie erhielten zum Teil neues Land zugewiesen. Aber viele der Versprechungen wurden nicht eingehalten, und die Lebensbedingungen der Umgesiedelten haben sich häufig massiv verschlechtert.

Durch die Zwangsumsiedlung wurden Hunderttausende von Menschen arbeitslos. Gemäss Probe International, einer kanadischen Nichtregierungsorganisation, die Dammgrossprojekte auf der ganzen Welt beobachtet, haben allein bis Ende 2002 über 100000 ArbeiterInnen wegen des Drei-Schluchten-Staudamms ihre Arbeit verloren, 80000 Bauern und Bäuerinnen mussten ihr Land verlassen. Der See überflutet bei normalem Wasserstand ein Gebiet von 24000 Hektar Land.

Angesichts der daraus resultierenden Landknappheit wurde den Bauern oft weniger Land zugewiesen, als sie vorher bebaut hatten. Zudem warf das Land, das ihnen in höher gelegenen Regionen zugewiesen wurde, bis zu fünf Mal weniger Ertrag ab als das fruchtbare Schwemmland an den Ufern des Jangtse. In entlegenen Regionen, in die Leute zwangsumgesiedelt wurden, kam es zu ethnischen Spannungen und zu Landkonflikten zwischen der ansässigen Bevölkerung und den NeuzuzügerInnen.

Wie Jiang Yongchang und Fu Xiuqiong haben zahlreiche Opfer der Zwangsumsiedlung die zugesagten Entschädigungen nicht erhalten. Millionen von US-Dollar an Ent­schä­digungszahlungen wurden von korrupten Beamten auf allen Ebenen – vom Staat über die Provinz und die Regionen bis zu den Städten und Dörfern – in die eigene Tasche gesteckt.

Im letzten September haben hohe chinesische Funktionäre an einer Tagung in Wuhan erstmals öffentlich über die enormen Probleme gesprochen, die der Drei-Schluchten-Staudamm verursacht. Ohne vorbeugende Massnahmen könne das Projekt zu einer Katastrophe führen, berichtete die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua und bestätigte da­mit, wovor mutige KritikerInnen wie die Journalistin Dai Qing schon seit Mitte der 80er-Jahre immer wieder gewarnt hatten.

Erdrutsche und Wellen

Der enorme Druck der Wassermassen auf die Talseiten hat bereits im ersten Jahr zu 91 Erdrutschen auf einer Gesamtlänge von 36 Kilometern geführt, wie Tan Qiwei, einer der Vizebürgermeister der 7-Millionen-Metropole Chongqing gegenüber der chinesischen Nachrichtenagentur Xinhua erklärte. Die in den See stürzenden Erdmassen führten zu bis zu 50 Meter hohen Wellen, die am gegenüberliegenden Ufer zu weiteren Schäden führten. Dabei liegt die Seehöhe erst bei 156 Metern, wenn der See voll ist, werden es 175 Meter sein. Trotz weiterer drohender Erdrutsche wollen die Betreiber des Wasserkraftwerks den See im kommenden September bis zur Maximalhöhe füllen.

Die Neuansiedlungen in Regionen oberhalb des Sees haben zu einer Überbevölkerung und zu einer starken Zunahme der Bodenerosion geführt. Um eine ökologische Katastrophe zu verhindern, sollen bis 2020 weitere 4 Millionen Menschen aus den Uferregionen in die Nähe der oberhalb des Sees gelegenen Stadt Chongqing umgesiedelt werden. Für viele wird es die zweite Zwangsumsiedlung innert weniger Jahre sein. Mit dieser Massnahme soll entlang des Sees ein Grüngürtel geschaffen und die weitere Erosion und Verschmutzung gestoppt werden.

Weitere Grossprojekte

Weitere Zwangsumsiedlungen sind am Oberlauf des über 6000 Kilometer langen Jangtse und an seinen Zuflüssen schon programmiert. Dort sind vier grosse Staudammprojekte im Bau oder in Planung, die nach ihrer Fertigstellung doppelt so viel Strom liefern sollen wie der Drei-Schluchten-Staudamm. Der Hunger nach Energie der aufstrebenden Wirtschaftsmacht China ist noch lange nicht gestillt.

Während es vor der Gründung der Volksrepublik 1949 in China nur etwa 220 grosse Staudämme (mit einer Dammhöhe von mehr als 15 Metern) gab, wurden gemäss Probe International seither rund 22000 grosse Staudämme gebaut. 20 Millionen Bauern und Bäuerinnen wurden wegen dieser Dämme nach Regierungsangaben zwangsweise umgesiedelt. Da in dieser Zahl die aus den Städten vertriebenen Menschen nicht mitgezählt sind, gehen KritikerInnen von weit höheren Zahlen aus. Dai Qing rechnet mit 40 bis 60 Millionen Menschen, die für Dammprojekte Haus und Hof verlassen mussten. Zwei Drittel dieser wegen Staudammprojekten entwurzelten Menschen leben immer noch unter der offiziellen Armutsgrenze.

Erschienen in «amnesty - Magazin der Menschenrechte» vom Februar 2008
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion