Standpunkt Billigkleider um jeden Preis?

Standpunkt von Bernhard Herold, Vertreter der Fair Wear Foundation in der Schweiz.

Die schlechten Arbeitsbedingungen in der globalen Bekleidungsindustrie kommen nicht aus den Schlagzeilen. Immer wieder liest man über Kinderarbeit, 80-Stunden-Wochen, die Nichtrespektierung von Gewerkschaftsrechten, aber auch über Brandkatastrophen oder einstürzende Fabrikdächer. Seit Jahren fordert die Clean Clothes Campaign von Mode- und Sportartikelfirmen sowie vom Detailhandel, ihre Mitverantwortung für die Einhaltung der Arbeitsnormen bei der Herstellung im Ausland wahrzunehmen. Der anhaltende Druck hat dazugeführt, dass viele Unternehmen damit begonnen haben, sich dieser Verantwortung zu stellen. Oft fehlt allerdings eine Überprüfung ihrer Anstrengungen durch eine unabhängige Institution, die nicht nur von der Unternehmensseite, sondern auch von Gewerkschaften und NGOs getragen wird. Eine solche Organisation ist die Fair Wear Foundation. Die 1999 gegründete niederländische Stiftung ist seit 2007 auch in der Schweiz aktiv. Zu ihren rund 40 Mitgliedern gehören Switcher, Hess Natur und Mexx. Leider gibt es aber noch immer viele Mode firmen, die punkto Sozialnormen wenig bis nichts getan haben.

Was haben die vielen Verhaltenskodizes der Firmen den Näherinnen in den Fabriken in China, Vietnam, Bangladesh oder Indien bisher gebracht? Was haben die Hunderten von Sozialaudits bewirkt? Am meisten Verbesserungen gab es bei ganz praktischen Problemen im Bereich Sicherheit und Gesundheit: Feuermelder und Feuerlöscher wurden installiert, verstellte Fluchtwege freigemacht, sanitäre Installationen verbessert. Das sind wichtige, oft lebensrettende Errungenschaften. Doch bei den Kernproblemen hat sich nicht viel bewegt. Das anerkennt auch die Branche. Von einem existenzsichernden Lohn kann vielerorts nicht die Rede sein. Im Verhaltenskodex, den viele Grossverteiler befolgen, heisst es dazu lediglich, dass Unternehmen «ermutigt» werden, ihren MitarbeiterInnen einen existenzsichernden Lohn zu zahlen. Ein weiteres Problem ist die weit verbreitete Überzeit. In vielen Fabriken wird darüber weder korrekt Buch geführt, noch wird ein angemessener Zuschlag entrichtet.

Eine der Ursachen für die tiefen Löhne und die überlangen Arbeitszeiten sind die Einkaufspraktiken der hiesigen Firmen. Wenn es darum geht, die Kosten beim Einkauf von Bekleidung aus Fernost zu senken und viel zu kurze Bestellzeiten durch zusetzen, spielen Verhaltenskodizes plötzlich keine Rolle mehr. Oder die Verantwortung für deren Missachtung wird allein auf die Lieferanten abgewälzt. Das dritte heisse Eisen sind «Versammlungsfreiheit und Recht auf Kollektiv verhandlungen», besonders in China. Dort werden die entsprechenden völkerrechtlich verbindlichen Kernkonventionen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) nach wie vor nicht respektiert Olympische Spiele hin oder her.


Bernhard Herold ist ursprünglich Agrarökonom und war früher beim Staatssekretariat für Wirtschaft (seco), bei der Erklärung von Bern und bei Brot für alle tätig. Seit Mai 2007 vertritt er im Auftrag von Brot für alle, Fastenopfer und der Max Havelaar-Stiftung (Schweiz) die niederländische Fair Wear Foundation in der Schweiz und akquiriert für diese neue Mitgliedfirmen. en.fairwear.nl

Erschienen in «amnesty - Magazin der Menschenrechte» vom Februar 2008
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion