Kenia Die kenianische Lektion

Die Krise in Kenia zeigt, wie fragil afrikanische Staaten eigentlich sind, die als Musterschüler gelten. Wegen der Massenarmut lassen sich soziale Probleme leicht ethnisch aufladen. Auch Nigeria und Südafrika sind bedroht.

«Die Hölle im Paradies», titelte eine deutsche Tageszeitung, als nach der gestohlenen Präsidentschaftswahl in Kenia blutige Unruhen ausbrachen. Der Titel ist reisserisch, fasst aber gut zusammen, wie Kenia bis vor Kurzem von aussen wahrgenommen wurde. Es war das Afrika «jenseits von Afrika», ein Land ohne Krieg und Chaos, mit freundlichen Menschen und grandioser Natur, aufstrebender Wirtschaft, wachsender Mittelschicht und einer aufmüpfigen Presse.

So stabil schien dieses afrikanische Musterland, dass die EU, mit Verweis auf ihre beschränkten Mittel, ernsthaft erwog, gar nicht erst Wahlbeobachter hinzuschicken. Umso schockierender die Bilder, die in den letzten Tagen um die Welt gingen.

Machtcliquen

Es hätte allerdings Warnzeichen gegeben: Auch im aufstrebenden Kenia hat sich die Massenarmut verschlimmert. Vier Jahrzehnte nach der Unabhängigkeit lebt weit mehr als die Hälf e der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze, und weniger als 10 Prozent aller Schulabgänger finden eine Arbeitsstelle. Von 1978 bis 2002 bereicherten sich der Autokrat Daniel Arap Moi und seine Clique, seither ist es der mit dem Versprechen der Korruptions bekämpfung angetretene Mwai Kibaki mit seiner Entourage.

Korruption bedeutet Misswirtschaft, Machtmissbrauch und schwache Institutionen. Es bedeutet, dass sich der Aufschwung auf die Hauptstadt Nairobi konzentriert, während in den ländlichen Gebieten so bittere Armut herrscht, dass die Menschen vielerorts wegen Vieh, Weideland und Wasser aneinandergeraten. Und sich in der Bevölkerung eine enorme Frustration darüber aufstaut, immer das Nachsehen zu haben.

Ursache Armut

Diese Frustration hat sich in Kenia nach den Wahlen vielerorts ethnischen Linien entlang entladen. Wörter wie «ethnische Linien» und «Stammesgruppen» sind gefährliche Begriffe, Reizwörter, die gerade in Kenia mit seinen rund 40 verschiedenen Bevölkerungsgruppen viele mit Recht als rassistisch empfinden. Denn es schwingt darin die Überzeugung mit, dass Afrika allen «zivilisatorischen Bemühungen» zum Trotz am Ende eben weiterhin das «Herz der Finsternis» bleibe, ein Ort, wo sich feindliche Stämme aus für Aussenstehende unerklärlichen Gründen seit jeher bis aufs Blut bekämpfen.

Doch auch die Ausschreitungen zwischen Kikuyu und Luo haben weit mehr mit Armut und von interessierter Seite geschickt angeheizten Frustrationen zu tun, mit fehlender Machtteilung und Diskriminierung der ländlichen Regionen in einem Vielvölkerstaat. Man stelle sich vor, in der Schweiz würde seit Jahrzehnten die eine oder die andere Sprachregion alle wichtigen Schaltstellen in Wirtschaft und Politik besetzen, ohne den übrigen Regionen das geringste Mitspracherecht einzuräumen.

Strassen und Schulen würden einzig im Landesteil der Regierenden gebaut, und nur dort gäbe es Arbeitsstellen und Aufstiegschancen. Unter solchen Umständen würde sich wohl auch bei uns das Wählerverhalten weniger an politischen Inhalten als an der regionalen Zugehörigkeit der KandidatInnen orientieren, würden Wahlen hauptsächlich als Mittel verstanden, endlich der eigenen Gemeinschaft Einfluss zu verschaffen. Und irgendwann würden Ohnmacht und Wut darüber, dass die regierende Clique einmal mehr die Wahlresultate zu ihren Gunsten fälscht, zu Ausschreitungen führen.

Fragiler Aufschwung

Allen Unkenrufen zum Trotz: Afrika ist im Aufwärtstrend. Die Wirtschaft kommt voran, und zwar nicht allein des Rohstoff booms wegen. Vielerorts stabilisiert sich die Demokratie. Besonders im urbanen Afrika wächst eine besser ausgebildete, engagierte Zivilgesellschaft heran. Doch das Beispiel Kenias zeigt, wie fragil dieser Aufschwung selbst in Ländern bleibt, deren wirtschaftliches Potenzial und regionales Gewicht sie zu Hoffnungs trägern des Kontinents macht.

Das Grundübel der wachsenden Massenarmut unterhöhlt Stabilität und demokratischen Fortschritt. Es seien nicht Armut oder niedrige Entwicklung an und für sich, notiert der Schweizer Friedens- und Konfliktforscher Günther Bächler, welche zwingend Gewalt hervorriefen. Doch wenn sie durch die gezielte Akzentuierung ethnischer, tribaler oder regionaler Identitäten «beziehungsmässig aufgeladen» würden, könnten Konflikte um wirtschaftliche und politische Ressourcen «massive Formen» annehmen.

Diese Gefahr bedroht auch die zwei wirtschaftlich stärksten afrikanischen Länder, Nigeria und Südafrika. Und auch Afrikas Wachstumswunder Angola, in dessen Hauptstadt Luanda Angestellte ausländischer Ölfirmen monatliche Mieten von 15000 US-Dollar zahlen, während in den Slums am Stadtrand Malaria, Tuberkulose und Cholera grassieren.

Nigeria wird trotz seinem ungeheuren Ressourcenreichtum von Korruption, einem enormen Wohlstandsgefälle und den daraus resultierenden Spannungen zwischen verschiedenen Regionen, insbesondere zwischen dem islamischen Norden und dem christlichen Süden, gebremst. In Südafrika hat die wachsende Frustration darüber, dass über ein Jahrzehnt nach Ende der Apartheid mehr Menschen unterhalb der Armutsgrenze leben als zuvor, massgeblich zur Wahl des von Korruptionsvorwürfen belasteten Populisten Jacob Zuma an die Spitze des regierenden ANC beigetragen.

Es ist eine Wahl, die für den Afrika-Kenner Michael Holman «Zweifel auf die künftige Stabilität von Afrikas Vorzeigestaat wirft». Und es liegt ihr eine Unzufriedenheit zu grunde, welche die Partei nicht nur in ein rechtes und ein linkes, sondern auch in regionale Lager gespalten hat: Kwa ZuluNatal auf der Seite Zumas; die OstkapProvinz, das Stammland der Xhosa, auf der Seite Mbekis. Noch sind das in Mandelas Regenbogenland nicht mehr als regionale Identitäten.


Christine D'Anna-Huber ist Afrikakorrespondentin des «Tages-Anzeigers». Der Artikel ist im «Tages-Anzeiger» vom 10. Januar 2008 erschienen. Abdruck mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.

Erschienen in «amnesty - Magazin der Menschenrechte» vom Februar 2008
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion