Film Ein Film aus China bricht Tabus

Mit «Night Train» hat der chinesische Regisseur Yinan Diao einen poetischen und tiefgründigen Film geschaffen. Als einer der ersten wagt er es, Themen wie die Todesstrafe anzusprechen, und zeichnet mit seinem Werk ein schnörkelloses Bild der chinesischen Gesellschaft.

Ein Film aus China bricht Tabus Immer mehr verflechten sich die Lebensgeschichten von Wu Hongyan und Li Jun © trigon-film

1916 lautet die Nummer des Zuges, mit dem die 30-jährige Wu Hongyan Wochenende für Wochenende in eine andere Stadt fährt, um am organisierten Abendprogramm einer Partnervermittlungsagentur teilzunehmen. Und Wochenende für Wochenende wird ihre leise Hoffnung enttäuscht, bleibt sie unbeachtet auf ihrem Stuhl sitzen.

Trotzdem sind diese Abende die einzigen Lichtblicke im Leben von Wu Hongyan, die an einem Gericht in der Provinz Shaan xi arbeitet, wo sie unter anderem zum Tode verurteilte Frauen hinrichtet. Den Rest ihres Lebens verbringt sie in ihrer tristen Blockwohnung, wo sie regelmässig Zeugin von den Liebesabenteuern ihrer Nachbarin wird, einer Tänzerin in einem Striplokal.

Immer tiefer windet sich Wu Hongyan in den Strudel von Sehnsucht und Selbstisolierung, bis sie eines Tages auf dem Weg nach Hause vom hübschen jungen Li Jun verfolgt wird. Aus Neugier und mit der Überzeugung, sowieso nichts zu verlieren zu haben, lässt sie sich auf die Verfolgung als Spiel ein, welche schliesslich in einer berauschendbrutalen Liebesnacht endet. Erst beim Besuch im Wachthäuschen des Stauwehrs einer Stahlfabrik, wo Li Jun arbeitet, erkennt sie den Grund für die Verfolgung: Auf einem Bild entdeckt sie Li Jun mit einem kleinen Kind und einer jungen Frau – die sie selbst vor kurzer Zeit hingerichtet hat.

Gegen moralischen Zerfall

«Night Train» des chinesischen Regisseurs Yinan Diao, der am Filmfestival in Cannes 2007 mit dem Preis «un certain regard» ausgezeichnet worden ist, ist eine tiefgründige und kritische Innenansicht des heutigen China und eines Teils seiner Gesellschaft. So wagt es Yinan Diao als einer der ersten chinesischen Filmemacher, das heikle Thema der Todesstrafe anzusprechen, welche im Reich der Mitte so häufig wie in keinem anderen Land vollstreckt wird: vom Gerichtssaal, wo die schuldig Gesprochene nach ihrer Verurteilung in Ohnmacht fällt, bis hin zur Vollstreckung des Urteils, vor dem die Verurteilte noch Anweisungen erhält, Bewegungen einzuüben, damit die Erschiessung weniger schmerzt.

Sein Film sei nicht als Plädoyer gegen die Todesstrafe zu verstehen, sagte Yinan Diao in einem Interview. «Ich wollte, dass die Zuschauer dazu ermutigt werden, zu verzeihen. Gerade in einer Gesellschaft, die sich wie die unsere in einem ständigen Wandel befindet, steht es um moralische Grundpfeiler immer schlechter.» Dass Yinan Diao mit «Night Train» nicht nur ein ausländisches Publikum anvisiert, ist vor dem Hintergrund des engen Korsetts der Zensur umso bemerkenswerter.

Doch dass sich China auch diesbezüglich im Wandel befindet, zeigt nicht zuletzt die Tatsache, dass die Gerichtsszenen in einem richtigen Gericht und mit authentischem Personal gedreht werden durften. «Heute reicht es, wenn man die richtigen Leute bezahlt, um an einem bestimmten Ort zu drehen – das war vor einigen Jahren noch nicht der Fall», sagt Diao.

Bedrückende Bildsprache

Über die Todesstrafe hinaus bildet die Auseinandersetzung mit dem heutigen China die Grundkonstante von «Night Train», vor dessen Hintergrund sich die Lebens geschichten von Wu Hongyan und Li Jun immer mehr miteinander verflechten. Dabei sind es vor allem Bilder, mit denen Yinan Diao eine Atmosphäre der Unterkühlung, der Fremd bestimmung und Einsamkeit schafft – etwa, wenn die Kamera in langen Einstellungen über triste Wohnblöcke schweift, durch graue Industrielandschaften zieht oder Wu Hong yan und ihre Mitarbeiter auf der Suche nach einem neuen Hinrichtungsterrain begleitet.

Mit «Night Train» hat Yinan Diao keine leichte Kost geschaffen – doch einen Film, der den Zuschauer durch seine kunstvolle und symbolhafte Bildsprache in den Bann zieht. Und mit einer Handlung, die so diskret ist, dass sie den Betrachter zum aktiven Interpreten des Geschehens macht – wie etwa am Schluss des Films, dessen Auflösung dem Einzelnen überlassen wird.

Erschienen in «amnesty - Magazin der Menschenrechte» vom Februar 2008
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion