Sport und Menschenrechte Der Kick zur Selbstbestimmung

Mit viel Engagement und Geduld hat ein deutscher Trainer den Fussball in Afghanistan wieder aufgebaut. Er hat es geschafft, dass in dem islamischen Land heute auch einige Frauen kicken dürfen.

Der Kick zur Selbstbestimmung © ZVG

Es gibt wenig Positives zu melden aus Afghanistan: Zahlreiche Menschen sterben bei Selbstmordanschlägen, Polizisten werden bei Angriffen der Taliban getötet, Mitarbeiter von Hilfsorganisationen entführt. Der Wiederaufbau geht schleppend voran, die Taliban sind nach wie vor stark, die Zivilgesellschaft schwach.

So gut es geht, versucht die internationale Gemeinschaft, das Land am Hindukusch, das nach dem Sturz der Taliban 2001 ins Chaos gestürzt ist, zu stabilisieren und wiederaufzubauen. Eine internationale Schutztruppe wurde stationiert, Strassen, Schulen und Brunnen wurden gebaut.

Doch Wiederaufbau geht auch anders: Seit 2003 fördern der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) und der Deutsche Fussballbund (DFB) mit Gel¬dern des Auswärtigen Amts den afghanischen Fussball. Klaus Stärk, Trainer des DFB, und der deutsch-afghanische Trainer Ali Askar Lali bilden das Team an der Spitze des ehrgeizigen Projekts.

«Die Menschen in Afghanistan sind sportvernarrt und haben früher viel Fussball gespielt», sagt Stärk. Unter den Taliban war fast jeder Sport verboten, Fussball durfte nur unter Einhaltung strenger Regeln gespielt werden: Die Männer mussten lange Bärte und lange Hosen tragen, lautes Anfeuern war untersagt. Heute trainiert das Duo die afghanische Männernationalmannschaft, gründete zahlreiche Jugendmannschaften, bildet Fussballtrainer aus und berät den afghanischen Fussballverband.

Stärk nennt das «Aufbau von Strukturen» und spricht von seiner «Funktion als Berater». Der 54-Jährige hat ein rundes, freundliches Gesicht und eine Halbglatze. Entwicklungspolitische Fussball-einsätze brachten ihn schon nach Pakistan, Kasachstan, Südafrika, in den Libanon und in die Mongolei. Durchschnittlich sechs bis sieben Monate im Jahr arbeitet er in Kabul, die restliche Zeit lebt er im Schwarzwald.

Tabu gebrochen

Für seinen Job braucht er viel Energie, Ausdauer und Optimismus. Besonders für den schwierigsten Part, den Frauenfussball, bei dem es neben dem Toreschiessen vor allem auch darum geht, den afghanischen Frauen ein selbstbestimmteres Leben zu ermöglichen. Unter dem Taliban-Regime war Frauensport strengstens verboten, ohne die Begleitung eines Mannes durften Frauen das Haus nicht verlassen. Frauen, die Fussball spielen? Das war zu Beginn des Projekts ein absolutes Tabu.

Und so schienen auch die Widerstände anfangs beinahe unüberwindbar. Mitarbeiter des Erziehungsministeriums drohten Sportlehrerinnen mit der Entlassung, wenn diese Fussballtraining gaben. Väter hatten Angst um ihre Töchter und verboten ihnen das Training. Stärk besuchte die Familien zu Hause, versuchte in oft mühsamen Gesprächen Vermittler zu sein zwischen Tradition und Moderne. Was für ihn zählte, war die Begeisterung der jungen Frauen und das Selbstvertrauen, das der Sport ihnen gab.

Inzwischen haben viele Frauen gelernt, in ihren Familien selbstbewusst für das Recht aufs Toreschiessen zu kämpfen, und es geschafft, einige der verknöcherten Strukturen aufzubrechen. Inzwischen gibt es ausgebildete Fussballtrainerinnen und sogar eine Frauenfussballabteilung innerhalb des afghanischen Fussballverbands. Rund 400 Spielerinnen im Alter von 12 bis 23 Jahren trainieren in den rund 22 offiziell registrierten Frauenteams.

Zuschauen erlaubt

«Viele Afghanen sind heute sogar ein bisschen stolz auf den Frauenfussball», sagt Stärk. Gute Spielerinnen seien bekannt, in vielen Fällen eröffneten sich ihnen berufliche Perspektiven. Wer Fussball spiele, komme über den Sport mit anderen Menschen in Kontakt und könne sich wichtige Netzwerke aufbauen. Ein absolutes sportliches Highlight für die jungen Frauen des afghanischen Nationalteams sei das Trainingslager in Deutschland gewesen: Im Februar dieses Jahres durften sie für zwei Wochen in einer Sportschule in der Nähe von Stuttgart trainieren.

Unter freiem Himmel und vor ZuschauerInnen – etwas, das in Afghanistan noch immer streng verboten ist. Dort müssen die jungen Frauen hinter verschlossenen Türen kicken, in Schulen und Universitäten oder auf dem Gelände der internationalen Schutztruppe. Statt kurzer Trikots tragen sie lange Hosen und Kopftücher oder Baseball-Käppis.

«Wir machen kleine Schritte», sagt Stärk zurückhaltend. Spielerinnen gebe es nur im Raum Kabul, und in einem Land mit 4,5 Millionen EinwohnerInnen sei das nicht viel. «Die Frauen auf dem Land erreichen wir erst gar nicht. An der Unterdrückung der meisten hat auch der Fussball nichts geändert.» Daran, den Frauenfussball landesweit einzuführen, ist nicht zu denken.

Die Sicherheitslage hat sich so dramatisch verschlechtert, dass Stärk nur noch in Kabul arbeiten darf. Keine Versicherung will ihn mehr für ganz Afghanistan versichern. Doch auch die Hauptstadt Afghanistans ist nicht sicher. Einmal schlugen in der Nähe seines Gästehauses Raketen ein, ein anderes Mal wurde das Internetcafé, vom dem aus er immer E-Mails verschickt hat, in die Luft gesprengt.

Tägliches Risiko

Auch für die Spielerinnen ist der Weg zum Training ein tägliches Risiko, denn viele müssen mit dem Bus einmal quer durch die Stadt fahren. «Es lässt sich nicht sagen, wohin sich Afghanistan entwickeln wird und ob sich die Sicherheitslage weiter verschlechtert. Sollten Fundamentalisten einen Anschlag auf die Spielerinnen verüben, wäre das Projekt von heute auf morgen vorbei.»

Unklar ist auch, ob das Auswärtige Amt das Projekt weiter finanzieren wird, darüber entschieden wird im Sommer. Da das «Fussballprojekt Afghanistan» aber als besonders erfolgreiches Projekt gilt, ist eine Weiterfinanzierung wahrscheinlich. Auf Stärk warten indes neue Aufgaben in Sri Lanka und Kasachstan, seine Zeit als Trainer in Afghanistan läuft im Juni aus. «Wir haben viel auf die Beine gestellt», sagt Stärk. «Jetzt müssen die Afghaninnen und Afghanen selbst am Ball bleiben.»

Erschienen in «amnesty - Magazin der Menschenrechte» vom Mai 2008
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion