Sport und Menschenrechte «Frauenfussball ist im Iran ein Tabu»

Ein Fussballspiel zwischen dem iranischen Frauennationalteam und einem Berliner Frauenfussballteam? Zunächst war das die fixe Idee einiger junger Filmemacher – bald jedoch wurde sie in die Tat umgesetzt. Der Film «Football Under Cover» des 31-jährigen Regisseurs Ayat Najafi dokumentiert die Widrigkeiten bei der Umsetzung des Projekts, zeigt das Leben der Spielerinnen im Iran und in Deutschland und das ersehnte Spiel vor mehr als tausend jubelnden Frauen in Teheran.

«Frauenfussball ist im Iran ein Tabu» Autogrammstunde: Deutsche Spielerinnen, iranische Fans © Football under Cover

«amnesty»: Sie mussten viel Überzeugungsarbeit leisten, um den Film drehen zu können. Jetzt ist er im Iran verboten.

Ayat Najafi: Frauenfussball ist im Iran ein Tabu. Man möchte nicht, dass die iranische Öffentlichkeit etwas darüber erfährt. Zunächst wurde sogar behauptet, es gäbe im Iran gar keinen Frauenfussball. Wir mussten das erst beweisen! Schliesslich bekamen wir die Drehgenehmigung – aber mit der klaren Vorgabe, dass der Film nicht im Iran gezeigt wird.
Es gibt in allen Disziplinen weibliche Teams, im Basketball, Volleyball, selbst im Taekwondo. Das einzige weibliche Team, das nach wie vor grosse Probleme hat, ist das Frauenfussball-Nationalteam. Es wird komplett ignoriert.

Das heisst, die Fussballerinnen aus dem Iran werden den Film nie zu Gesicht bekommen?
Jeder Film ist auf dem Schwarzmarkt erhältlich. Und ich bin sicher: Sobald es eine DVD von «Football Under Cover» gibt, werden die Menschen den Film sehen, obwohl er offiziell verboten ist. Alle Iraner schauen zensierte Filme.
Die Kluft zwischen öffentlichem und privatem Leben im Iran ist riesig.
Das Regime versucht krampfhaft, die Türen geschlossen zu halten, aber die Menschen schaffen sich ihre eigene Privat-sphäre. Selbst auf dem Land ist zu spüren, dass wir in einer globalisierten Welt leben. Es gibt Satellitenfernsehen, Internet, Filme, die das Leben der Menschen verändern. Gleichzeitig verstärken sich Repression und Kontrolle.

Das hört sich so an, als lehne die Mehrheit der Bevölkerung die Regierung ab. Und doch haben die Konservativen die Parlamentswahlen im März klar gewonnen.

Wir dürfen keinem totalitären Regime trauen. Vieles spricht dafür, dass die Wahlen gefälscht wurden. Anhand der Wahlergebnisse können wir uns jedenfalls kein Urteil über die iranische Gesellschaft erlauben. Das geht erst, wenn wir offene Wahlen durchführen, mit internationaler Wahlbeobachtung.

Was denken iranische Männer über kickende Frauen?
Die Fundamentalisten sind natürlich strikt dagegen. Aber in der Bevölkerung habe ich noch nie einen Mann getroffen, der etwas gegen Frauen hat, die Fussball spielen.

Trotzdem haben Frauen keinen Zugang zu Fussballstadien.
Es ist unlogisch, aber wahr: Frauen dürfen sich – in abgetrennten Bereichen – Basketball- oder Volleyballspiele ansehen. In ein Fussballstadion dürfen sie keinen Fuss setzen.

Es gibt Frauen im Iran, die für einen Zugang von Frauen zu Fussballstadien kämpfen. Ihr Engagement ist Teil der «Kampagne für Gleichberechtigung».

Die Frauenbewegung im Iran ist stark. Viele Frauen kämpfen für ihre Rechte, während das Regime versucht, ihre Rechte immer mehr zu beschneiden. Jetzt soll Männern schon erlaubt werden, mehrere Frauen zu haben. Und 65 Prozent der SchülerInnen im Iran sind weiblich – diese Zahl soll auf 30 Prozent reduziert werden.

Sie leben seit vier Jahren in Deutschland. Waren Sie im Iran politisch aktiv?

In der Stadt Isfahan gab es einen Intellektuellen, an dessen Kursen ich regelmässig teilgenommen und von dem ich sehr viel gelernt habe. Er war mein Vorbild und er hat mich ermutigt, Themen wie Menschenrechte in meinen Film- und Theaterstücken zu reflektieren. In den frühen 90er-Jahren begann das Regime, das Land von «subversiven Kräften» zu reinigen. Rund 70 Intellektuelle wurden ermordet, darunter auch er.

Hatten Sie nie Angst, Ihnen könnte das Gleiche zustossen?
Natürlich – aber meine Generation hat gelernt, mit Angst umzugehen. Ich war vier, als der Iran-Irak-Krieg ausbrach und Teheran bombardiert wurde. Ich habe immer in Angst gelebt. 1999 führten wir Shakespeares «Midsummer Night’s Dream» auf. Regierungstruppen stürmten die siebte Vorstellung. Wir wurden geschlagen und verhaftet. Der Regisseur wurde vor Gericht gebracht und gezwungen, das Land zu verlassen.
Uns wurde ein Schreiben vorgelegt, mit dem wir unsere Schuld bekennen und uns entschuldigen sollten. Ich weigerte mich, zu unterschreiben. Von da an hatte ich grosse Probleme im Iran. Nach der Uni gründete ich eine unabhängige Theatergruppe, aber jede Aufführung meiner Stücke wurde verboten. Also spielten wir an privaten Orten, bei mir zu Hause oder in ausländischen Botschaften.
Das ist die Erfahrung meiner Generation. Wir akzeptieren das Regime nicht, aber wir können auch nicht als direkte Opposition bestehen. Also versuchen wir, mit zivilen Aktivitäten für einen Wandel einzutreten. Das heisst oft, sich über die eigene Angst hinwegzusetzen.

Wird das iranische Frauenfussball-Nationalteam jemals an einer Frauenfussball-WM teilnehmen?
Das hängt von den Regeln der FIFA ab. Gegenwärtig dürfen ausser dem Trikot keine weiteren Kleidungsstücke am Körper getragen werden. Frauen mit Kopftuch dürfen deshalb nicht mitspielen.

An dieser Regelung wird die FIFA festhalten, genauso wie die islamischen Sittenwächter darüber wachen werden, dass sich die iranischen Frauen verschleiern.

Ich bin komplett gegen das Kopftuch. Trotzdem möchte ich, dass Frauen mit Kopftuch Fussball spielen. Die Fussballspielerinnen sind sehr jung und ich glaube an ihre Zukunft. Einmal angenommen, die iranischen Frauen müssten in vier Jahren kein Kopftuch mehr tragen, dann hätten sie immerhin schon vier Jahre Trainingserfahrung. Bei der Frauenfussball-WM könnten sie die grosse Überraschung sein. Davon träume ich oft.

Erschienen in «amnesty - Magazin der Menschenrechte» vom Mai 2008
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion