Sport und Menschenrechte Rote Karte für Rassismus

«Affengeschrei» und Hitlergruss: Rassismus und andere Formen der Diskriminierung im Fussball sorgen immer wieder für Schlagzeilen. Doch viele Klubs, Fanprojekte und Gemeinden kämpfen mit viel Engagement dagegen an.

Rote Karte für Rassismus Spieler der Berner Young Bois gegen Rassismus © ZVG

2006: Fans von Saragossa quittieren jede Aktion des Kameruners Samuel Eto’o vom Gästeklub Barcelona mit «Affengeschrei». 2007: Anhänger des FC Basel machen bei der Anreise zum Spiel in Luzern den Hitlergruss und rufen «Sieg heil». Fans von Lazio Rom beschimpfen Rumäniens Adrian Mutu als «Zigeuner». 2008: Hooligans von Paris Saint-Germain vergleichen Nordfranzosen mit Pädophilen. Bei einem deutschen Oberliga-Spiel erschallen «Juden Jena»-Rufe – die Auflistung ist bei weitem nicht vollständig.

«Gewalt und Rechtsextremismus im Fussball sind ein gesamteuropäisches Phänomen», schreibt der deutsche Historiker und Soziologe Joachim Wolf. Probleme mit Rassismus in den Stadien hätten unter anderem Italien, Frankreich, Spanien und Polen. Wo die Situation besonders gravierend ist, ist aber nicht einfach einzuschätzen, wie Kurt Wachter von der Anti-Diskriminierungs-Initiative FairPlay in Wien betont. Mal gebe es vermehrt Medienberichte aus Spanien, dann wieder aus Deutschland oder – wie in den letzten Monaten – aus Frankreich. «Aber es gibt keine Statistiken.»

Privilegien statt Rausschmiss

Lange wurde das Problem ignoriert – oder schlimmer: Fremdenfeindliche Fangruppen wurden von den Vereinen als besonders «treu» umhätschelt und erhielten Privilegien. So durften die offen faschistisch und judenfeindlich auftretenden «Irriducibili Lazio» Fanartikel im Stadion verkaufen. In Österreich herrschte noch vor zehn Jahren in vielen Fankurven eine «rassistische Tradition» vor, erinnert sich Wachter. «Als wir im Jahr 1997 FairPlay lanciert haben, wurden ‚Urwaldlaute’ noch nicht als rassistisch gebrandmarkt.» Heute gebe es diesbezüglich ein verändertes Bewusstsein. Es ist ein erster Erfolg der vielen Akteure, die den Kampf gegen den Rassismus im Fussball aufgenommen haben.

Die grössten Fortschritte erzielt hat in den letzten Jahren England. Seit den 70er-Jahren waren die englischen Fanblöcke Hort der brutalsten Hooligans Europas gewesen. Manche von ihnen hatten Verbindungen zu rechtsextremen politischen Parteien wie der British National Front. Heute sind rassistische Ausfälle in den Stadien die Ausnahme. Erreicht wurde dies mit einer «beeindruckenden Deutlichkeit und gesellschaftlichen Bandbreite, mit der in England gegen Rassismus im Fussball Stellung genommen wird», wie Michaela Glaser und Silke Schuster von der Arbeitsstelle Rechtsextremismus im Deutschen Jugendinstitut loben.

Ein mögliches Mittel ist die Repression. Wer sich diskriminierend benimmt, schadet dem eigenen Club. Denn die Ligen bestrafen die fehlbaren Spieler und Clubs mit Sperren, Punktabzügen und «Geisterspielen». Dazu kommt das Strafrecht. Ein Fan der Blackburn Rovers wurde beispielsweise zu einer Busse von 1000 Pfund und einem fünfjährigen Stadionverbot verurteilt, weil er den dunkelhäutigen Spieler Dwight Yorke rassistisch beschimpft hatte.

Auch Frankreich setzt derzeit stark auf Sanktionen: Innenministerin Michèle Alliot-Marie löste zwei Fanclubs aus Paris und Metz auf. Besonders die «Boulogne Boys», Anhänger von Paris Saint-Germain, hatten immer wieder mit rassistischen und antisemitischen Ausfällen von sich reden gemacht. Aber nicht überall geht die Justiz konsequent vor: Giuliano Bignasca, der Präsident der Tessiner Rechtspartei Lega dei Ticinesi, durfte straflos schreiben, es gebe «zu viele Schwarze» in der Schweizer Nationalmannschaft.

Das Gespräch suchen

Konsens herrscht, dass Übergriffe durch Personen im öffentlichen Leben – Fussballer, Funktionäre, Politiker – bestraft werden müssen. Bei den Fans machen häufig andere Massnahmen mehr Sinn. «Wir bevorzugen die edukative und präventive Komponente, indem wir antirassistische Aktionen stärken», sagt Kurt Wachter von FairPlay. E

ine davon ist die europaweite jährliche Aktionswoche von Football Against Racism in Europe (FARE). Dabei sagen Fussballfans mit Transparenten, besonderer Bekleidung und Choreographien «Nein» zum Rassismus. Über 60 0000 Fans in den Stadien und Millionen an den Bildschirmen bekamen im Oktober 2007 diese Botschaft mit. Ausgelöst werden dadurch – so die Hoffnung von FARE – Diskussionen und Aktionen auf lokaler Ebene.

Grosse Bedeutung hat der Kampf gegen Gewalt und Rassismus in den Fanprojekten, die meist von Vereinen, Fans und Kommunen gemeinsam getragen werden. Dort wird den meist jugendlichen Fans ein soziales Umfeld zur Verfügung gestellt. Man diskutiert im Treffpunkt über Fussball, reist begleitet an Auswärtsspiele und organisiert eigene Plauschturniere. Die Fanprojekte bieten auch niederschwellige Sozialberatung, zum Beispiel zu familiären, schulischen oder beruflichen Problemen. Anti-Diskriminierungs-Initiativen sind in einem solchen vertrauten Rahmen wirkungsvoll – erst recht, wenn sie von engagierten Profispielern vermittelt werden, die das Fanprojekt besuchen und mit «gefährdeten» Jugendlichen sprechen.

Problem Amateurfussball

Im Unterschied zu den obersten Ligen sind offen geäusserter Rassismus und Diskriminierung im Amateurfussball nach wie vor Alltag. «Je weiter unten, umso grösser die Problematik», zitiert Wachter aus einer finnischen Studie. Hauptursache ist dort die fehlende Integration. «In den städtischen Fussballclubs im Regionalfussball sind die meisten Spieler Migranten, das Drumherum – Schiedsrichter, Verbandsleute – wird von Einheimischen gemacht», sagt Wachter. Für die Vereine der Einwanderer gebe es keine Trainingsplätze, keine Kabinen usw. «Sie werden immer als Letzte bedient».

Auf dem Spielfeld ist Fussball ethnisch gemischter als die Gesellschaft, doch an den Schaltstellen der Macht dominiert eine Hautfarbe: «Trainer, Vorstand, Manager, VIPs sind meist Weisse», sagt Wachter. Auch diesem «strukturellen Rassismus» sagen FairPlay und seine Partner den Kampf an. Er wird noch länger dauern als der Kampf gegen das «Affengeschrei».

Erschienen in «amnesty - Magazin der Menschenrechte» vom Mai 2008
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion