Sport und Menschenrechte Sport im Korsett der Gesellschaft

Trägt Sport zur Förderung der Menschenrechte – zum Beispiel in China – bei? Die Geschichte des Sports zeigt, dass Frauen, Schwarze und Minderheiten zuerst einmal für die Gleichberechtigung im Sport selbst kämpfen mussten – und immer noch müssen. Zudem gehören «Säuberungen», Vertreibungen und Prügel zum Alltag im Vorfeld von Olympischen Spielen.

Sport im Korsett der Gesellschaft «Black Power» in Mexiko 1968 © ZVG

«Sport ist ein gelebtes Menschenrecht», erklärte kürzlich ein Sportler vor den Parlamentsausschüssen für Menschenrechte und für Sport des Deutschen Bundestags. Die Ausschüsse befassten sich mit der Frage, ob Sport helfen könne, die Menschenrechte zu fördern.

Der Gedanke, dass Sport nicht (nur) zur Durchsetzung von Menschenrechten taugt, sondern selbst ein Menschenrecht sein könnte, klingt nicht sonderlich spektakulär. Dabei ist der blosse Umstand, dass Menschen das Recht haben, Sport zu treiben, keine Selbstverständlichkeit. Dieses Recht musste in dem Teil der Welt, in dem wir leben, erst durchgesetzt werden. Und in anderen Teilen steht die Durchsetzung noch bevor oder muss verteidigt werden.

Diskriminierte Frauen

Ein paar Beispiele aus früherer und aus jüngster Zeit: Im 18. Jahrhundert wurde wegen der christlichen Leibfeindlichkeit kaum mehr in Flüssen und Seen gebadet. 1748 drohte ein Abt Eltern, deren Kinder badeten, mit einer Strafe von einem Pfund und vier Schilling, also einem mittleren Monatseinkommen. Erst mit dem Aufkommen der bürgerlichen Gesellschaft und ihren Hygieneerfordernissen wurde das Schwimmen wieder möglich.

Doch in den Vereinen, die im 19. Jahrhundert entstanden, durften Frauen und Mädchen noch lange nicht schwimmen. Wenn doch, dann nur schicklich gekleidet, was 1892 zur Folge hatte, dass ein Mädchen im Schwimmunterricht ertrank, weil sie zu viele Kleider trug. Auch als Frauen sich langsam den Schwimmsport erobert hatten, waren die «schamlosen Weiber» noch Restriktionen ausgesetzt: Erst 1920 durften sie Rückenschwimmen, was bis dahin als unzüchtig galt.

Bestimmte Sportarten wurden und werden Frauen bis heute vorenthalten: In der Leichtathletik mussten Frauen bis in die jüngste Zeit darum kämpfen, bei Stabhochsprung oder Hammerwurf mitkämpfen zu dürfen. Ähnliches gilt für Skispringen, Bobfahren und Boxen. All dies gerät schnell aus dem Blick, wenn man über die Verbote von Frauensport in anderen, oft islamisch geprägten Ländern spricht.

Männersache

Im Iran dürfen Frauen bis heute nicht in Fussballstadien gehen, um sich ein Männerspiel anzuschauen. Sportarten, in denen Iranerinnen bei Olympischen Spielen antreten dürfen, sind solche, bei denen sie verschleiert antreten können: Schach, Schiessen, Reiten, Kajak. Andere Sportarten finden für Frauen im Iran auch statt, aber unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Als die algerische Läuferin Hassiba Boulmerka 1991 Weltmeisterin und 1992 Olympiasiegerin wurde, mischte sich zum Stolz über die erste algerische Olympiasiegerin der Hass islamistischer Kräfte, dass Boulmerka zu freizügig angezogen sei: Sie musste, um weiter Sporterfolge zu erreichen, mit denen Algerien sich schmücken konnte, nach London umziehen, weil sie in ihrer Heimat ihre Trainingsläufe nicht mehr absolvieren konnte. In Afghanistan hatten die Taliban während ihrer Herrschaft nicht nur den Frauensport, sondern beinah jeden Sport, auch den der Männer, verboten.

All diese Beispiele machen deutlich: Dass Sport getrieben werden darf, gehört zum Katalog der zu erkämpfenden Rechte, ähnlich wie die Meinungsfreiheit, das Streikrecht, das Recht auf körperliche Unversehrtheit. Und die Entscheidung, wie, wo und in welchem Umfang Sport getrieben wird, liegt nie nur beim sportwilligen Individuum, sondern ist immer abhängig davon, wie viel Sport eine Gesellschaft erlaubt.

Olympischer Rahmen

Seit 1896 gibt es die Olympischen Spiele als Veranstaltung, die dem Weltsport einen Rahmen gibt und ihm alle vier Jahre ein Fest beschert. In den aktuellen Debatten über die Olympischen Spiele in Peking 2008 und die Winterspiele 2014 im russischen Sotschi wird oft von «dem Sport» gesprochen, und «der Sport» pflegt in diesen Debatten stets das Internationale Olympische Komitee (IOC) zu sein.

Das IOC, Organisator der wichtigsten Veranstaltung des Weltsports, präsentiert sich gern als Friedensbewegung, die durch die Universalisierung des Sports für die Durchsetzung der Menschenrechte sorgt. Dabei ist das IOC selbst keine demokratisch strukturierte Organisation. Seine Macht speist sich aus den Verwertungs- und Fernsehrechten an den Olympischen Spielen, mit einer bemerkenswert intransparenten Geschäftspolitik. Entsprechend schwer fällt es, die Olympischen Spiele als ein den Frieden, die Demokratie und die Menschenrechte förderndes Spektakel zu beschreiben.

Olympische Spiele sind immer ein Politikum, nicht nur dann, wenn sie in Peking stattfinden oder (1980) in Moskau oder (1936) in Berlin. Sie sind immer ein Grossereignis mit politischen, ökonomischen und sozialen Folgen. Um das zu belegen, können alle Olympischen Spiele der letzten 24 Jahre durchgegangen werden, die nach den Boykottspielen in Moskau stattgefunden haben. Immer wurden soziale und politische Menschenrechte nicht trotz, sondern wegen der Olympischen Spiele verletzt.

«Säuberungen» und Prügel

Vor den Olympischen Spielen 1984 in Los Angeles wurden Tausende von schwarzen jungen Männern präventiv inhaftiert. 1988, als die Spiele im südkoreanischen Seoul stattfanden, gingen ihnen brutale Knüppeleinsätze gegen Studentendemonstrationen voraus; und für die Umgestaltung der Stadt wurden über 700000 Menschen, zum Teil unter Gewaltandrohung, umgesiedelt.

1992, im spanischen Barcelona, wurden Roma aus der Stadt ausgewiesen, gegen Bettler und Prostituierte wurde mit Polizeigewalt vorgegangen. 1996, in Atlanta in den USA, baute das Organisationskomitee der Spiele ein neues Stadtgefängnis, in das Kleinkriminelle, Drogensüchtige, Prostituierte und Bettler gesteckt wurden. Im australischen Sydney im Jahr 2000 verloren Tausende von Menschen ihre Wohnungen. Ähnliches passierte 2004 in Athen, wo die Polizei nicht nur gegen Obdachlose, Kleinkriminelle und Prostituierte, sondern auch gegen MigrantInnen vorging.

Es muss nicht einmal auf das Jahr 1968 verwiesen werden, als die mexikanische Polizei zehn Tage vor Eröffnung der Spiele in Mexiko City eine Studentendemonstration niederschoss und fast 500 Menschen zu Tode kamen, um zu zeigen, dass Olympische Spiele an sich kein Mittel sind, um per se die Welt besser zu machen. Denn es fand kein Olympiaboykott eines Landes statt, sondern es gab bis heute ikonografisch wirkende Athletenproteste. Sie richteten sich nicht nur gegen den Rassismus in den USA, sondern die schwarzen US-Athleten forderten auch den Rücktritt des damaligen IOC-Präsidenten Avery Brundage.

Ob der Sport die Menschenrechte fördert? Diese Frage lässt sich nur positiv beantworten, wenn der Sport in sich demokratisch organisiert ist. Diesen Sport durchzusetzen, ist ein wichtiges Menschenrecht.

Erschienen in «amnesty - Magazin der Menschenrechte» vom Mai 2008
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion