Sport und Menschenrechte «IOC muss Stellung beziehen»

Die Schweizer Tennisspielerin Patty Schnyder gehört zu den wenigen SportlerInnen, die sich bereits seit längerer Zeit kritisch zur Vergabe der Olympischen Spiele nach China äussern. Ein Interview über die jüngsten Ereignisse, die Verantwortung des Sports und die Völkerverständigung als Oberziel der Olympischen Spiele.

«IOC muss Stellung beziehen» © ZVG

Sie werden diesen Sommer an den Olympischen Spielen in Peking teilnehmen. In jüngster Zeit geraten die Spiele wegen der gewaltsamen Niederschlagung der friedlichen Proteste in Tibet immer mehr in Verruf. Was halten Sie davon?

Patty Schnyder: Natürlich finde ich es schlimm, dass China die tibetische Bevölkerung unterdrückt und gewaltsam gegen friedliche Demonstrierende vorgeht. Doch für mich sind die jüngsten Vorfälle in Tibet nicht schlimmer als jede andere Menschenrechtsverletzung auf dieser Welt.

Sie äussern sich schon seit Längerem kritisch in Bezug auf die Vergabe der Olympischen Spiele nach China. Warum?

Dass die Menschenrechte in China teilweise krass verletzt werden, ist ja nichts Neues. Darüber wird in den Medien immer wieder berichtet. Auch Organisationen wie Amnesty International weisen seit Langem auf die Menschenrechtsprobleme in China hin. Deshalb war ich damals sehr überrascht, als die Sommerspiele 2008 nach China vergeben wurden.

Haben Sie eine Ahnung, was damals den Ausschlag gegeben hat?

Ich kenne die genaueren Umstände nicht. Aber ich bin davon überzeugt, dass die Verantwortlichen gut darüber informiert waren, wie es um die Menschenrechte in China steht. Entsprechend war es ja auch von Anfang an ein Anliegen, dass die Vergabe der Spiele nach China zur Verbesserung der Menschenrechtssituation beitragen sollte. Ich denke, es ist ein offenes Geheimnis, dass wirtschaftliche Interessen bei der Vergabe der Spiele eine wichtige Rolle gespielt haben.

Das IOC hat sich lange Zeit standhaft dagegen gewehrt, sich zur Menschenrechtslage in China zu äussern.

Ich fände es sehr wichtig, dass das IOC angesichts der aktuellen Entwicklungen Stellung beziehen würde. Der Entscheid, die Spiele in China stattfinden zu lassen, kann nicht mehr rückgängig gemacht werden. Deshalb ist es umso wichtiger, dass die Verantwortlichen jetzt nicht die Augen vor der Realität verschliessen.

Oft wird in dem Zusammenhang gesagt, dass Politik und Sport nicht vermischt werden dürfen. Wie sehen Sie das?

Es ist klar, dass es eine Trennung zwischen Sport und Politik braucht. Wir sind nun mal Sportler und Sportlerinnen, der Sport ist unsere Hauptsache. Aber das darf uns nicht daran hindern, mit offenen Augen durch die Welt zu gehen und uns gezielt auch für anderes zu engagieren. Ich denke nicht, dass sich Sportlerinnen und Sportler an Aktionen wie den Demonstrationen in Paris oder San Francisco beteiligen sollen. Doch sie können als öffentliche Personen Anstösse geben und zum Denken anregen.

Sind Menschenrechte für Sportlerinnen und Sportler überhaupt ein Thema?

Es ist schwer, darauf eine generelle Antwort zu geben. Tatsache ist, dass wir sehr selten zu solchen Themen befragt werden. Die wenigsten Sportjournalisten und -journalistinnen gehen bei Interviews auf gesellschaftliche Probleme ein. Andererseits gibt es natürlich auch viele Spieler und Spielerinnen, die nicht über solche Dinge befragt werden wollen. Doch wenn mehr Anregungen kämen, wären Sportler und Sportlerinnen auch mehr gefordert, sich diesbezüglich Gedanken zu machen. Veränderungen sind letzten Endes nur möglich, wenn wir uns alle mit Menschenrechtsfragen auseinandersetzen. Deshalb tragen wir auch alle als Teil der Gesellschaft ein Stück Verantwortung dafür.

Bisher haben sich sehr wenige Sportler oder Sportlerinnen kritisch in Bezug auf die Olympischen Spiele in Peking geäussert. Wie erleben Sie es in Ihrem sportlichen Umfeld?

In meinem eigenen Bekanntenkreis wird sicherlich über solche Themen gesprochen. Allgemein ist es jedoch so, dass es gerade im Tennis sehr viele junge Athletinnen gibt. Die meisten stehen am Anfang ihrer Karriere und sind vor allem aufs Tennis fokussiert. Auf der anderen Seite gibt es bei uns wie überall auch viele Menschen, die sehr egoistisch durchs Leben gehen.

Und wie steht es mit Menschenrechtsthemen bei Vorbereitungstreffen auf die Olympischen Spiele?


Wir Tennisspieler und -spielerinnen sind da etwas ein Spezialfall. Wir sind sehr stark auf uns allein gestellt und müssen alles selber organisieren. Wir haben wenig Kontakt zu Athletinnen und Athleten anderer Sportarten. Die World Tennis Association macht zwar in Zusammenhang mit unseren Touren schon das eine oder andere – sie hat uns etwa eine Dokumentation zum Thema «Sicherheit» abgegeben. Doch grundsätzlich besteht noch ziemlich Nachholbedarf.

Haben Sie aufgrund Ihrer Äusserungen auch schon negative Reaktionen von Sponsoren oder von Fans erhalten?

Nein, gar nicht. Bis jetzt hat mir kein Sponsor gesagt, dass ich übers Ziel hinausgeschossen hätte. Auch von den Fans habe ich diesbezüglich bis jetzt vor allem positive Rückmeldungen erhalten. Die Leute finden es gut, dass ich mich äussere.

Der ehemalige Uno-Sonderbeauftragte für Sport, Adolf Ogi, hat jüngst in einem Interview die Befürchtung geäussert, dass angesichts der jüngsten Ereignisse «der Sport einmal mehr das Opfer der Politik» werden könnte. Was denken Sie darüber?

Ich kann mir nicht vorstellen, dass Sportler und Sportlerinnen in ihren Ländern wegen der aktuellen Kritik weniger gefeiert oder die Übertragungen darunter leiden werden. Natürlich erhalten die anderen Probleme durch den Sport eine Plattform – aber das beisst sich meines Erachtens nicht. Ich sehe da keine Gefahr, dass Sportarten oder Sieger und Siegerinnen darunter leiden werden.

Swiss-Olympic-Präsident Jörg Schild hat eine deutliche Stellungnahme des IOC zu den Vorfällen in Tibet gefordert. Damit hat Swiss Olympic als eines von wenigen nationalen Komitees klare Kritik am Schweigen des IOC geübt. Unterstützen Sie diese Haltung?

Ich finde es super, dass Jörg Schild so klar Stellung bezogen hat. Nicht zuletzt auch deshalb, weil die Schweiz bei internationalen Belangen sonst immer eher neutral und zurückhaltend ist.

Das oberste Anliegen der Olympischen Charta ist die Völkerverständigung. Findet diese wirklich auch statt?

Ich habe bereits zweimal an Olympischen Spielen teilgenommen. Für mich war es beide Male ein extrem schönes Erlebnis, so viele und vielfältige SportlerInnen zu treffen. Das Leben im Olympischen Dorf habe ich immer sehr friedlich und freundschaftlich erlebt. Es ist völlig egal, aus welchem Land und aus welcher Region ein Sportler oder eine Sportlerin kommt. Es ist nur der Mensch, der zählt. Vielleicht können wir diesbezüglich auch eine gewisse Vorbildfunktion übernehmen.

Erschienen in «amnesty - Magazin der Menschenrechte» vom Mai 2008
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion