Sport und Menschenrechte «Kritiker werden ausgegrenzt»

«Es ist wichtig, dass SportjournalistInnen Grenzbegehungen zu anderen Themen wagen», betont der langjährige Sportjournalist Urs Frieden, der vom Sport erwartet, dass er auch positiv in die Gesellschaft hineinwirkt.

«Kritiker werden ausgegrenzt» Urs Frieden © ZVG

«amnesty»: Wäre es nicht die Aufgabe der SportjournalistInnen, sich mit Themen zu befassen, die in Zusammenhang mit dem Sport stehen, beispielsweise mit Menschenrechtsverletzungen in China im Vorfeld der Olympischen Spiele?

Urs Frieden: Ja, diese Erwartung habe ich eigentlich immer gehabt. Leider gibt es nur ganz wenige JournalistInnen, die das auch machen. Ich habe als Sportchef der «Berner Zeitung» und als Vizesportchef von «Blick» und «Sonntagsblick» immer versucht, auch die Berichterstattung über das Umfeld des Sports zu fördern. Da sind mir die Grenzen rasch klar geworden. Einzelne haben diese Gelegenheit ergriffen, die meisten aber haben sich geweigert.

Das wird allerdings auch von der Ressortaufteilung in den Zeitungen gefördert: Während der Bericht über das Fussballspiel im Sportteil erscheint, wird über die Ausschreitungen am Rande im Lokalteil geschrieben. Es wäre Aufgabe der Redaktion, dafür zu sorgen, dass diese zusammenhängenden Ereignisse nicht völlig voneinander getrennt in der Zeitung abgehandelt werden.

Hängt diese Abneigung der SportjournalistInnen damit zusammen, dass sie sehr eng mit SportfunktionärInnen vernetzt sind? Besteht da eine Art Interessensgemeinschaft?

Ja, wenn beispielsweise die Fussballnationalmannschaft im Ausland ist, beispielsweise an der WM, ist der ganze JournalistInnen-Tross zusammen und wird vom Medienbeauftragten des Fussballverbandes betreut. Alle sind im gleichen Hotel, alle werden gemeinsam zum Training und wieder ins Hotel gebracht. Wer da ausschert, um zum Beispiel eine Land-und-Leute-Geschichte zu schreiben, der macht sich nicht unbedingt beliebt.

Die anderen sehen es nicht so gern, wenn Du nicht mit dem Strom schwimmst. Die besten Artikel zum Thema Doping finden sich oft nicht im Sportteil, sondern werden von Redaktoren beispielsweise in Wochenendbeilagen geschrieben.

Die sind dann in dem Sinn nicht gefährlich, keine Konkurrenz?

Genau, sie werden von den SportjournalistInnen auch nicht ernst genommen. Darum können Themen wie Doping im Radsport oder Korruption im Internationalen Olympischen Komitee (IOC) oder jetzt das Abwiegeln der Menschenrechtsverletzungen im Zusammenhang mit Peking 2008 sich so lange halten. Weil diejenigen JournalistInnen, die das anprangern müssten, Teil des Systems sind.

Und diejenigen, die ausscheren, die kritische Bücher über das IOC oder den internationalen Fussballverband (Fifa) schreiben, wie Jens Weinreich von der Süddeutschen Zeitung oder der Engländer Matthew Jennings, die werden ausgegrenzt. Sie werden aus Pressekonferenzen rausgeführt oder gar nicht zugelassen und mit Prozessen eingedeckt.

Woher kommt denn dieser krampfhafte Versuch, Sport als etwas von Politik Freies darzustellen? Wie die Geschichte der Olympischen Spiele zeigt, war Sport ja nie frei von Politik.

Ja, das stimmt. Historisch gesehen war der Höhepunkt 1936, als sowohl Olympische Sommer- als auch Winterspiele in Deutschland durchgeführt wurden und Adolf Hilter im gleichen Jahr zweimal Gelegenheit hatte, seine Ideologien zu präsentieren. Spätestens seit damals müsste allen klar sein, dass Sport und Politik nicht zu trennen sind. Diese Reibungspunkte zwischen Sport und Politik hat es immer gegeben und es ist mir ein Rätsel, wie es immer wieder gelungen ist, so zu tun, als ob man das trennen könnte.

Ausländische StudentInnen werden vor und während der Olympischen Spiele für zwei Monate aus China ausgewiesen. Zehntausende von StudentInnen, das ist eine weitere krasse Menschenrechtsverletzung. Das IOC sagt einmal mehr: «Das geht uns nichts an, das betrifft uns nicht.» Das ist der blanke Hohn. Vor allem unter Berücksichtigung, dass das IOC die Spiele dorthin vergeben hat.

Jetzt haben die Probleme ein derartiges Ausmass angenommen, dass sie nicht mehr unter den Teppich gekehrt werden können?

Ja, Berlin 1936 oder die Fussball-WM 1978 in Argentinien, als sich Spieler und Trainer geweigert haben, General Jorge Videla die Hand zu geben, das hat es immer wieder gegeben. Aber von den SportjournalistInnen kam nichts, sie haben weder Fakten gesammelt, noch aufgedeckt, begleitet oder bilanziert. Das haben immer andere gemacht. Es ist wichtig, dass SportjournalistInnen Grenzbegehungen zu anderen Themen wagen: Verbindungen zur Politik, zum Rassismus im Fussball, zum Dopingmarkt, zu Magersucht im Sport.

Es gibt ja auch auf Seiten der Funktionäre immer wieder Leute, die über den Sportbereich hinaus denken. Swiss-Olympic-Präsident Jörg Schild ist ja in Bezug auf Peking 2008 dadurch positiv aufgefallen, dass er immer wieder Druck auf das IOC ausgeübt hat. Da braucht es SportjournalistInnen, die diese Aussagen aufnehmen und sie thematisieren.

Ist denn da so etwas wie eine Trendwende in Sicht? Bewegt sich etwas bei den SportfunktionärInnen?

Mit jedem weiteren ähnlichen Fall wie Tibet wird diese Maxime, Sport und Politik gehörten nicht zusammen, unglaubwürdiger. Die alte Garde der Funktionäre, die diese Fahne noch hochhält, ist am Abdanken. Es kommen jüngere wie Michel Platini als Präsident des europäischen Fussballverbandes (Uefa), der 1993 in Palästina gegen die palästinensische Fussballmannschaft spielte, bevor sie von der Fifa anerkannt war. Ich hoffe, dass er jetzt im Fall Ko sovo auch vorangeht.

Die Strukturen für den Fussballbetrieb sind in diesem Land vorhanden: Es gibt eine Meisterschaft, Stadien, Juniorenteams. Aber es gibt keinen offiziellen Meister, es gibt keine Nationalmannschaft. Damit können sie nicht an internationalen Wettbewerben teilnehmen und die Fussballidole verlassen das Land. In einem solchen Land sind Idole enorm wichtig, um den Jugendlichen Wege aufzuzeigen und etwas Hoffnung zu geben. Ich verstehe Sport so, dass er nicht nur für sich schaut, sondern dass er auch in die Gesellschaft hineinwirkt.

Hätte die Uefa Kosovo einfach aufnehmen können?

Ja, die Uefa ist nicht an irgendwelche Uno-Beschlüsse gebunden. Da kann man ja das berühmte Beispiel der Ping-Pong-Diplomatie nehmen, das zeigte, dass der Sport vorangehen kann. An der Tischtennis-WM 1971 in Japan freundeten sich chinesische und US-amerikanische Tischtennisspieler an, was schliesslich zu Einladungen für die Spieler nach China führte. Es folgten Einladungen an Kissinger und Nixon und letztlich kam es zu einer Verbesserung der politischen Beziehungen.

Das Beispiel zeigt, dass der Sport auch vorangehen könnte und Zivilcourage zeigen in Bereichen, in denen die Politik bisher versagt hat.

Ja, der Sport kann helfen Situationen zu entkrampfen und er kann vielen Menschen Hoffnung geben. Wir haben ja 1998 ein Spiel zwischen dem FC Thun und dem FC Pristina und 2001 eines zwischen dem FC Pristina und einer Berner Auswahl organisiert. Das war sowohl für die Menschen in Kosovo als auch für uns ein unglaubliches Ereignis. Da haben wir gesehen, was durch den Sport möglich wäre.

Erschienen in «amnesty - Magazin der Menschenrechte» vom Mai 2008
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion