AI Aktiv Die Brückenbauerinnen

Seit Jahren engagieren sich Marjan Rossow und Christa Suliman in der AI-Gruppe Aarau für die Menschenrechte. Vor einem Jahr hat das Power-Duo zusätzlich die Länderkoordination für Israel und die besetzten Gebiete übernommen.

Die Brückenbauerinnen Marjan Rossow und Christa Suliman © AI

Gemütlich ist es im hellen und geräumigen Wohnzimmer von Marjan Rossow mit Blick auf den Garten. Auf einem langen Holztisch stehen einladend Kaffeetassen und Guetzli. Doch Marjan Rossow und Christa Suliman treffen sich hier nicht für Kaffeekränzchen – das zeigen die zahlreichen Dokumente von Amnesty International (AI), das Briefmaterial und der Laptop, die den Grossteil des Tisches beanspruchen.

Jeden Montag treffen sich die beiden engagierten Frauen, um Musterbriefe für Urgent Actions zu schreiben, Berichte aufzubereiten, Veranstaltungen zu organisieren und vor allem, um Briefe zu ihren Action Files zu schreiben – Menschen in Gefangenschaft, für die sie sich persönlich und teilweise über lange Zeit hinweg einsetzen. Wenn es nötig ist, und das ist oft der Fall, sehen sie sich sogar mehrmals pro Woche, telefonieren oder senden sich E-Mails.

«Als mein Sohn kürzlich gefragt wurde, was seine Mutter arbeite, sagte er ‹Amnesty›», lacht Christa Suliman, die eigentlich Pianistin und Klavierlehrerin ist. Kennen gelernt hat sich das Power-Duo in der Gruppe Aarau, wo Marjan Rossow seit mehr als zwölf Jahren aktiv ist und inzwischen die Leitung übernommen hat. Christa Suliman ist vor vier Jahren dazugestossen. «Ich wollte mich vor allem für die Menschenrechte in Israel und Palästina engagieren», sagt Christa Suliman, deren angeheiratete Verwandtschaft in Israel lebt. Auch Marjan Rossow hat eine enge Verbindung zu Israel und hat in jungen Jahren einige Zeit in einem Kibbuz verbracht.

«Unser wichtigstes Anliegen ist es, aufzuzeigen, dass auf beiden Seiten Menschenrechte verletzt werden und Menschen sich für den Frieden engagieren», sagt Marjan Rossow. Denn leider sei es so, dass der Konflikt oftmals in ein Schwarz-Weiss-Schema gedrückt werde: hier die armen Palästinenser, dort die bösen Israelis. Immer wieder versuchen die Koordinatorinnen deshalb, auch der israelischen Seite eine Stimme zu geben. Für den September haben sie beispielsweise die israelische Menschenrechtsverteidigerin Roni Hammermann für öffentliche Auftritte in die Schweiz eingeladen.

Auch von der scheinbaren Unlösbarkeit des Konflikts lassen sie sich nicht entmutigen. «Es ist die Liebe zu dem Land, die uns bei der Stange hält. Für uns haben Elend und Unrecht auf beiden Seiten ein Gesicht», sagt Christa Suliman.

Zurzeit setzen sie sich für einen 18-Jährigen Palästinenser und ein palästinensisches Ehepaar ein, die ohne gerichtliche Grundlage im Gefängnis sind. Mit ganz persönlichen Briefen fordern sie von den Behörden deren Freilassung, machen den Familien Hoffnung und zeigen den Betroffenen, dass sie nicht allein sind.

Und immer wieder antworten ehemalige Gefangene, die sich bedanken und sagen, wie diese Briefe ihnen Hoffnung gemacht und sie am Leben erhalten haben. Selbst der Bürgermeister von Jerusalem hat auf den persönlich an ihn gerichteten Brief geantwortet, mit dem sie sich für ein altes Ehepaar einsetzten, dessen Haus zum Abbruch bestimmt war – mit dem Resultat, dass die beiden bleiben durften. «In solchen Momenten kriegst du ganz dick Gänsehaut», sagt Marjan Rossow.

Erschienen in «amnesty - Magazin der Menschenrechte» vom September 2008
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion