Buch Wenn aus «China» Menschen werden

Chinas Dimensionen übersteigen immer wieder unser Fassungsvermögen: Mit seinen einfühlsamen Geschichten über einzelne Menschen erschliesst uns der Journalist Janis Vougioukas in seinem Buch, «Wenn Mao das wüsste», nichts weniger als das gegenwärtige China.

Wenn aus «China» Menschen werden Ruhepausen gibts im China des 21. Jahrhunderts nur selten © AI

1.3 Milliarden Menschen, 270 Millionen davon teilen sich die drei Nachnamen Li, Wang und Zhang, über hundert Städte mit mehr als einer Million EinwohnerInnen: Chinesische Grössenordnungen ziehen uns regelmässig in  ihren Bann. Ehrfürchtig stehen wir vor diesen Zahlen wie vor einem riesigen Gebäude,  zu dem wir uns keinen Eintritt verschaffen können.

Mit seinem Griff zum Mikroskop öffnet uns Janis Vougioukas in 23 Reportagen die Türe zu einem besseren Verständnis des Reichs der Mitte. Anstelle grosser theoretischer Abhandlungen porträtiert er einfühlsam und detailliert Menschen im heutigen China. Er berichtet über ihre Vergangenheit, über ihren oftmals beschwerlichen Alltag, ihre Träume und Hoffnungen. Es ist ein Land der unmittelbaren Gegensätze, ein Land im Umbruch, welches uns in jeder Zeile auf vielfältige und überraschende Art und Weise begegnet. Der Wandel vom streng dirigierten Kommunismus zum ungezügelten Kapitalismus und das dadurch verursachte Auseinanderdriften der sozialen Schichten lassen sich durch nackte Wirtschaftszahlen nur ungenügend nachvollziehen. Persönliche Schicksale öffnen uns da schon eher die Augen für die Wirkung des rasanten Wandels auf den einzelnen Menschen.

Die von Vougioukas dokumentierten Personen könnten unterschiedlicher nicht sein: Da ist die schüchterne Zhang Yin, die sich mit dem Sammeln von Altpapier zur reichsten Selfmade-Unternehmerin der Welt hinaufgearbeitet hat. Demgegenüber versucht Parteisekretär Wang Hongbin in seinem Dorf Nanjie krampfhaft, Planwirtschaft und Kollektivismus nach alten Mustern zu bewahren. Er kann nicht zugeben, dass der «gute Kommunismus» gescheitert ist. Der Privatdetektiv Wie Wujun seinerseits hilft Chinas betrogenen Ehefrauen zu ihrem Recht in Form von finanziellen Entschädigungen, indem er ihre Männer in flagranti mit deren Konkubinen erwischt. Und Zhang Youdai, das DJ-Urgestein Chinas, der schon die Beatles und die Rolling Stones über den Plattenteller laufen liess, legt heute für Pekings Nachtschwärmer Techno-Rhythmen auf.

Für Heiterkeit sorgt schliesslich die Geschichte der zierlichen Ji Yueling, die als «Zugführerin» im Cockpit des neuen Transrapids durch Shanghai rast, obwohl dieser von einem unterirdischen Kontrollzentrum aus gesteuert wird. «Eigentlich mache ich hier gar nichts», sagt sie. Das Cockpit sei nur dazu da, die Touristen zu beruhigen.

Tradition und Moderne

Einige Schicksale handeln vom gewaltigen Bruch mit der Tradition. So Chen Yan, die Bauerntochter, die von Fabrik zu Fabrik und von Fliessband zu Fliessband reist, ohne gross etwas zu verdienen – aber für ein Handy und Schuhe mit hohen Absätzen reicht es. Sie versucht mit aller Kraft, Teil der neuen Welt zu werden. Nur einmal im Jahr kehrt sie zu ihren Eltern aufs Land zurück und bemerkt dabei, dass das Leben im Dorf ihr nicht weniger Glück bringen würde als dasjenige in den grossen Fabrikstädten an der Küste. Aber die Hoffnung auf etwas mehr Wohlstand treibt sie fortwährend weiter.

In seinen Reportagen porträtiert Vougioukas seine Figuren mit einer Sorgfalt, die an Zärtlichkeit grenzt. Dadurch, dass er stets das Persönliche und Eigene hervorhebt, gibt er den Menschen die Intimität zurück, welche angesichts chinesischer Grössenordnungen oft verloren zu gehen droht. Erstaunlicherweise beschleicht den Leser aber nie das Gefühl, eine x-beliebige Allerweltsgeschichte vorzufinden. Vielmehr duften die Geschichten förmlich nach China und wecken die Neugierde für dieses faszinierende Land.

Nichtsdestotrotz setzt sich Janis Vougioukas als freier Journalist auch mit den dunkleren Seiten Chinas auseinander. So dokumentiert er die Lebensgeschichte von Zeng Jinyan, für Amnesty International längst keine Unbekannte mehr: Ein von der Regierung vertuschter Skandal in den 1990er-Jahren veränderte das Leben der in der Provinz Fujian aufgewachsenen Frau von heute auf morgen. Zu dieser Zeit verkauften Zehntausende arme Bauern ihr Blut an skrupellose Geschäftemacher und infizierten sich dabei mit dem HI-Virus. Zeng Jinyan begann, sich für die Rechte dieser Bauern zu wehren, und wurde dadurch für die Anliegen der Menschenrechte sensibilisiert. Seitdem setzt sie sich zusammen mit ihrem Mann Hu Jia für die Opfer des politischen Systems in China ein.

Wie jede im Buch geschilderte Geschichte nimmt auch die Geschichte von Zeng Jinyan und Hu Jia ihren Lauf, wenn auch zunächst einen unschönen: Im Januar 2008 legte Hu Jia dem Europaparlament per Videoschaltung Zeugnis ab über die anhaltende Missachtung der Menschenrechte im Vorfeld der Olympischen Spiele. Wenig später wurde er festgenommen und im April nach einem unfairen Prozess zu dreieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Zeng Jinyan steht seither mit ihrem Baby unter Hausarrest.

Amnesty International fordert von der chinesischen Regierung die bedingungslose Freilassung von Hu Jia und die Aufhebung des Hausarrests von Zeng Jinyan und ihrem Kind.

Erschienen in «amnesty - Magazin der Menschenrechte» vom September 2008
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion