Buch Frauen als Ware

Der Menschenhandel mit Frauen aus Afrika ist eine Form der Sklaverei. Aber der Kreislauf aus Gewalt und Ohnmacht ist nur schwer zu durchbrechen. Zu diesem Schluss kommen Corinna Milborn und Mary Kreutzer in ihrem Buch «Ware Frau».

Frauen als Ware Mary Kreutzer (r.) und Corinna Milborn (l.) mit Joana Adesuwa Reiterer, die betroffene Frauen betreut © Ecowin

Am ersten Abend ging ich auf die Strasse. Es kamen Autos auf mich zu, aber ich wusste nicht, was ich tun sollte. An diesem Tag hatte ich keine Kunden», erzählt die 26-jährige Blessing, die aus einem Dorf in der Nähe von Benin-City in Nigeria stammt. Ein Studium und einen Job hatten ihr die Menschenhändler versprochen – als Zwangsprostituierte landete sie auf dem Strassenstrich an der Adria. «Die Ma¬dame wurde böse und schrie», berichtet sie weiter. «Dann kamen die ersten Kunden. Ich war nicht mehr Blessing. Die, die ich einmal gewesen war, war tot.»

Monatelang recherchierten Mary Kreutzer und Corinna Milborn zum Thema, waren im Milieu unterwegs und trafen ausgebeutete und gequälte Frauen. Wer glaubt, Sklaverei sei in Europa abgeschafft, muss sich bei der Lektüre eines Besseren belehren lassen. Rund 500000 Frauen werden Schätzungen zufolge jährlich in Europa Opfer von ZuhälterInnen und MenschenhändlerInnen. Sie kommen aus Osteuropa, Asien oder Afrika. Mit leeren Versprechungen hierher gelockt, werden sie brutal zur Prostitution gezwungen, ausgebeutet und derart eingeschüchtert, dass sie sich nicht an die Behörden oder an Frauenhäuser zu wenden trauen.

Lukratives Geschäft

Das Geschäft mit Frauen ist lukrativ. Mit Frauenhandel und Zwangsprostitution wird mehr Geld umgesetzt als mit Drogen- und Waffenhandel.

Das Buch konzentriert sich auf die Schicksale verschleppter nigerianischer Frauen. Die Route der MenschenhändlerInnen führt von Nigeria und anderen afrikanischen Ländern direkt nach Italien. Seit den achtziger Jahren breitet sich der Frauenhandel von Turin als Umschlagplatz ins übrige Europa aus. Dabei ist die Schweiz als Nachbarland Italiens besonders betroffen. 100'000 Nigerianerinnen sollen in Europa als Prostituierte arbeiten. «Sie müssen exorbitante Beträge abzahlen und werden in dieser Zeit wie Sklavinnen behandelt. Ihre Peiniger und Besitzer waren meist selbst vorher Opfer: Es sind Frauen.»

Das Phänomen der «Madames», selbst zwangsprostituiert und dann in einem perfiden Unterdrückungssystem zu Zuhälterinnen aufgestiegen, wird genauso beschrieben wie der Rassismus der Freier. Nur sehr wenigen der Betroffenen gelingt der Ausstieg oder die Flucht. Denn für den Fall, dass sie es wagen zu fliehen, wird ihnen damit gedroht, dass der in Nigeria verbliebenen Familie etwas angetan wird.

Unentrinnbarer Kreislauf

Beschrieben wird ein schier unentrinnbarer Kreislauf aus Zwängen, Hilflosigkeit und brutalen Strafen bei Aufbegehren: «Ein Mädchen wurde mit kochendem Wasser überschüttet und ist daran gestorben», berichten die Autorinnen. «Es gibt Mädchen, die mit heissen Bügeleisen ermordet wurden.» Selbst wenn sich die Opfer zu Aussagen durchringen, wird den Vorwürfen des Menschenhandels von den Behörden oft nicht nachgegangen; es drohen Abschiebehaft, Repressalien und der Verlust aller noch so geringen Habe.

Was kann getan werden? Eine klare Trennlinie zwischen Tätern und Opfern existiere oftmals nicht, schreiben Kreutzer und Milborn. Viele Opfer würden aus Angst mithelfen, die Menschenhändler zu decken. Konkret schlagen die Autorinnen unter anderem einen umfassenden Opferschutz vor, ohne den Zwang, aussagen zu müssen, und die Erteilung von Aufenthalts- und Arbeitserlaubnissen für die Opfer. Das Problem aber ist ein globales: «Frauenhandel ist eine Konsequenz aus Sexismus, Rassismus und globaler wirtschaftlicher Ausbeutung. Wer ihn stoppen will, muss sich mit diesen grossen Themen auseinandersetzen.»

Erschienen in «amnesty - Magazin der Menschenrechte» vom September 2008
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion