Buch «Wir brauchen mehr Intoleranz»

«Es ist an der Zeit, zu Intoleranz gegen Rassismus aufzurufen», erklärt Noah Sow. Die Radio- und Fernsehmoderatorin setzt sich für eine rassismusfreie deutsche Öffentlichkeit ein – auch mit ihrem kürzlich erschienen Buch «Deutschland Schwarz Weiss».

«Wir brauchen mehr Intoleranz» Noah Sow © Dirk Eusterbrock

«amnesty»: Einige Ihrer Geschichten sind so absurd, dass sie fast komisch sind. Darf man über Rassismus lachen?
Noah Sow: Ich finde das sehr wichtig und kann selbst schwierige Situationen ohne Humor kaum ertragen. Auf meinen Lesungen lache ich mit dem Publikum über Sprüche und vor allem über die Leute, die sie absondern. Das befreit, verbindet und senkt die Hemmschwelle, eigene Fehler einzugestehen. Bei der Konzeption der Tonalität des Buches fand ich es sehr wichtig, dass die unfreiwillige Komik mancher Situation auch deutlich wird.

Im Kampf gegen Rassismus wird häufig Toleranz gefordert – Sie fordern Intoleranz.
Toleranz bedeutet, «ein gegen sich gerichtetes Übel zu ertragen». Aber was gibt es zu ertragen, wenn schwarze oder türkische Nachbarn einziehen? Es ist an der Zeit, zu Intoleranz gegen Rassismus aufzurufen. Die Mechanismen müssen beim Namen genannt und nicht mit harmloseren Begriffen verschleiert werden. Es kann mir niemand erzählen, dass Weisse Rassismus nicht bemerken. Sie denken nur, sie müss¬ten nichts dagegen tun. Wird schon jemand am Nachbartisch reagieren, ich selbst sehe lieber weg. Das ist  eine Form der Toleranz, die ich sehr lahm finde.

Wie hat sich Rassismus in Deutschland in den letzten Jahren entwickelt?
Es gibt zwei Tendenzen. Zum einen reagiert die Öffentlichkeit auf jeden Erfolg, zum Beispiel das Ersetzen des N-Wortes beim Schokokuss, mit reaktionären Angriffen. Im TV gab es noch nie so viele rassistische Witze mit dem N-Wort wie heute. Offensichtlich wird «political correctness» als Zumutung empfunden. Zum anderen wird der öffentliche Rassismus subtiler, zur Ausgrenzung werden neue Codes geschaffen. Man spricht nicht mehr von «dunklen Arabern», sondern von MigrantInnen. Aber damit sind nie Nordeuropäer gemeint, sondern immer nur ganz bestimmte Gruppen. Auch Migrationshintergrund ist so ein getarntes Wort. Die Übersetzung ist einfach »Nicht-Arier«. Warum sollten Menschen, deren Grossväter aus Schweden, Kambodscha oder dem Senegal hier mal eingewandert sind, eine Gruppe sein?

Warum sind weisse Deutsche so gute Rassisten?
Erziehung, Tradition und eine Nicht-Aufarbeitung der Kolonialgeschichte. Ich war vor Kurzem an einer Konferenz, und nach meinem Beitrag über Rassismus stand ein bekannter deutscher Historiker auf und sagte, die deutsche Belastungsgeschichte sei vor allem der Holocaust, und ich solle lieber darüber reden. Es ist bezeichnend, dass sogar Historiker die Kolonialgeschichte verdrängen dürfen. Deswegen werden wir aus dem Ausland belächelt. Es fällt eben auf, dass wir nicht mit Zähnen und Klauen versuchen, den Rassismus endlich loszuwerden, um wirklich demokratisch und zivilisiert zu leben.

Gab es mal eine Zeit, in der Sie keine Lust mehr hatten, für Antirassismus zu streiten?
Das ist eine Frage aus einer sehr weissen Perspektive. Ich versuche Streit eigentlich zu vermeiden. Die Fakten sind klar, es gibt keine Kontroverse. Meistens wollen diejenigen streiten, die sich nicht wirklich mit dem Thema auskennen und eigentlich über sich selbst reden wollen. Das Thema ist sehr komplex, mir geht es vor allem um Informationsvermittlung. Es wäre viel schwieriger, meine Analyse für mich zu behalten.

In Ihrem Buch gibt es eine Liste dummer Sprüche, die Sie nicht mehr hören wollen. Ist seit Veröffentlichung des Buches einer dazu gekommen?
Es gab einige absurde Kommentare: «Müssen Sie alles so genau erklären, das macht mich wütend», oder: «Warum haben Sie denn keine Biografie geschrieben?» «Sie sind aber wütend», habe ich auch oft gehört. Besonders absurd finde ich die Frage: «Woher wissen sie denn, was sie da geschrieben haben?» Einen Koch fragt ja auch keiner, warum er kochen kann.

Eine Leserin schreibt, sie habe nun das Gefühl, beim Kontakt mit Schwarzen alles falsch zu machen. Besteht die Gefahr, dass Gespräche nach der Lektüre Ihres Buches sehr verkrampft ablaufen?
Ganz sicher besteht vor der Lektüre des Buches die Gefahr, dass Unterhaltungen einseitig grenzüberschreitend verlaufen. Die Zuschrift der Frau ist ein Beispiel für ein klassisches weisses Verhaltensmuster. Sobald nicht mehr alles erlaubt ist, wird die eigene Befindlichkeit in den Vordergrund gestellt. Man wird selbst zum Opfer, weil man jetzt nachdenken soll, bevor man redet.

Erschienen in «amnesty - Magazin der Menschenrechte» vom September 2008
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion