Buch Grausames Klima

Harald Welzer zeichnet in seinem Buch «Klimakriege» ein düsteres Bild der globalen Zukunft – eine Welt, die verstrickt ist in den Kampf um knapper werdende Ressourcen. Für Welzer tobt in Darfur der erste Klimakrieg.

Darfur ist ein Synonym für Gewalt. Gegen zwei der Täter, den ehemaligen sudanesischen Innenminister Ahmad Harun und den Janjawid-Kommandeur Ali Kushayb, erliess der Internationale Strafgerichtshof (ICC) Haftbefehle. Und auch gegen den amtierenden sudanesischen Staatspräsidenten Omar Hassan al- Bashir hat der Chefankläger des ICC, Luis Moreno Ocampo, einen Haftbefehl beantragt. Ihnen werden Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen vorgeworfen. Die Anklage: Massaker an der Zivilbevölkerung in der westsudanesischen Provinz, Massenvergewaltigungen, Niederbrennen von Dörfern.

Einen anderen Blick auf die Gewalt in Darfur wirft Harald Welzer. Für ihn tobt dort der erste Klimakrieg. Bodenerosion und Dürre haben das traditionelle Zusammenleben sesshafter Bauern und nomadischer Viehzüchter unmöglich gemacht. Das Thema des Sozialpsychologen sind die sozialen Katastrophen, die der Klimawandel anheizt. «Klimakriege» heisst das Buch, und behält Welzer Recht, wird Darfur keine Ausnahme bleiben.

Der Kampf um Ressourcen wird wahrgenommen durch die ethnische Brille – in Darfur stehen damit «afrikanische» Bauern gegen «arabische» Nomaden. Wenn die gefühlte Bedrohung der Wir-Gruppe durch die Sie-Gruppe wächst, ist der organisierte Massenmord nicht mehr weit. Oft geht dieser über in einen Dauerkrieg – unter der wechselnden Herrschaft von Gewaltunternehmern. Ein Frieden würde nur deren Geschäfte mit Waffen, Rohstoffen, Geiseln und internationalen Hilfsgütern stoppen.

Die Folgen des Klimawandels sind ungleich verteilt. Sie treffen jene Gesellschaften am härtesten, die am wenigsten Treibhausgase verursachen. Die Industriestaaten bleiben vorerst verschont und halten sich die sozialen Folgen mit Gewalt fern.

Welzer beschreibt, wie die EU mit immer neuen Massnahmen versucht, Flüchtlinge aus Afrika abzufangen. Auch Leichen sollen möglichst nicht mehr europäische Küsten erreichen. Länder wie Marokko bekommen Finanzhilfe, um Menschen auf dem Weg nach Europa aufzuhalten. Ähnlich versuchen die USA, nicht nur die Grenze zu Mexiko gegen unerwünschte Menschen abzudichten, sondern die Kontrollen an die Südgrenze Mexikos vorzuverlagern.

Doch die Gewalt wird nicht an den Grenzen aufzuhalten sein, ist Welzer überzeugt. Die westlichen Kulturen hielten sich zwar «Humanität, Vernunft und Recht» zugute, hätten aber nicht aus der Geschichte gelernt, wie schnell diese Prinzipien der Gewalt weichen. Er gibt uns noch zwei, drei Generationen in Frieden – das wäre dann aber auch schon das Ende der Menschenrechte.

Zu Recht lenkt Welzer den Blick auf die Veränderungen des sozialen Klimas. Der Wandel des physikalischen Klimas hat seine Ursache in gesellschaftlichen Prozessen und wird nur dann zur Katastrophe, wenn die Gesellschaften mit Gewalt, Abschottung und wirtschaftlichem «Weiter-so» reagieren.

Leider neigt Welzer zur Pauschalisierung. So ist etwa für den Krieg in Darfur der Klimawandel zwar ein wichtiger Faktor. Wer aber die jahrelange Vernachlässigung der Provinz durch die Zentralregierung sowie die militärische Entscheidung, Streubomben über Dörfern abzuwerfen und die Janjawid zu bewaffnen, gar nicht erwähnt, wird den Geschehnissen nicht gerecht.

Dass Welzer wenig Hoffnung auf ein Happy End macht, kann man ihm nicht vorwerfen. Bisher ist nichts in Sicht, das den Klimawandel wirksam abbremsen würde und die schlimmsten sozialen Folgen verhindern könnte. Und ein Haftbefehl gegen die Klimakiller lässt sich nicht ausstellen.

Zum Buch

Harald Welzer: Kilmakriege. Wofür im 21. Jahrhundert getötet wird.
S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main 2008. 335 Seiten.
Ca. Fr. 35.-

 

Erschienen in «amnesty - Magazin der Menschenrechte» vom September 2008
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion