Buch 30 literarische Texte zum Jubiläum

Zum 60. Geburtstag der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte haben 30 Schweizer AutorInnen Texte geschrieben – einen zu jedem Artikel der Erklärung. Ulrike Ulrich und Svenja Herrmann, die Herausgeberinnen, über Idee, Entstehung und Ziele dieses besonderen Geschenkes.

Ulrike Ulrich und Svenja Herrmann

Zum 60. Geburtstag der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte haben 30 Schweizer AutorInnen Texte geschrieben – einen zu jedem Artikel der Erklärung. Ulrike Ulrich und Svenja Herrmann, die Herausgeberinnen, über Idee, Entstehung und Ziele dieses besonderen Geschenkes.

Die Frage ist während des Wahl­kamp­fes zu den National- und Stän­derats­wahlen 2007 aufgetaucht, als Plakate mit schwarzen Schafen und Inserate mit rassistischen und diskriminierenden In­halten die Schweiz europaweit in die Schlag­zeilen brachten.

«Wie steht es denn mit dem Engagement von Schwei­zer Autoren und Autorinnen?» Die Gele­gen­heit zu einer Antwort bot der 60. Ge­burtstag der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Ein Text, der für die beiden Schriftstellerinnen Svenja Herr­mann und Ulrike Ulrich sehr wichtig ist, weil er in ihren Augen die Grund­lage einer funktionierenden men­sch­­lichen Gesellschaft darstellt. Es interessierte sie, wie eine literarische Aus­ein­ander­set­zung damit ausfallen könnte.

Die beiden Herausgeberinnen haben sich etwas ganz Besonderes ausgedacht: Sie haben 30 Schweizer AutorInnen eingeladen, zu je einem der 30 Artikel der Menschenrechtserklärung einen Text beizusteuern, als literarisches Geburt­s­tags­geschenk zum 60. Jubi­läum. «Ein passendes Geschenk», finden die beiden.

Begeisterte Reaktionen

Die­se Meinung haben offensichtlich viele der angefragten AutorInnen geteilt. «Vie­le haben zugesagt und sich für die Idee begeistert», erinnert sich Ulrike Ulrich. Sie hätten aber auch festgestellt, dass die Aufgabe sehr anspruchsvoll sei. Tatsächlich, die Vorgabe hatte es in sich: Den AutorInnen wurde einer der 30 Arti­kel der Menschenrechtserklärung zugelost, sie konnten nicht frei wählen. Zu­dem sollte der Text einen Bezug zur Schweiz haben. Svenja Herrmann und Ulrike Ulrich sind sich bewusst, dass die­se Aufgabe eine echte Heraus­forderung bedeutet hat.

Dass für jeden Menschenrechtsartikel eine andere Autorin oder ein anderer Autor die Patenschaft übernommen hat, war eine organisatorische Herausforde­rung für die beiden Herausgeberinnen und den Salis Verlag. «Aber wir haben es schliesslich geschafft», sagt Ulrike Ulrich. Entstanden ist schliesslich eine Anthologie mit 30 sehr vielfältigen Tex­ten. An einen Artikel der Menschen­rechts­erklärung herangewagt haben sich Autorinnen und Autoren von Irena Brezná oder Markus Bundi über Franz Hohler und Milena Moser bis Sabine Wang und Suzanne Zahnd.

Und wie war das mit den Erwar­tun­gen der He­raus­geberinnen, haben die sich erfüllt? Svenja Herrmann erklärt, sie sei wirklich offen gewesen für das, was da an Texten zurückkommen würde. Ulrike Ulrich antwortet: «Ich habe schon gehofft, dass die Texte nicht an den Arti­keln der Menschenrechtserklärung vorbeigehen. Auch weil ich es mir schwierig vorgestellt habe, einen guten literarischen Text zu schreiben und gleichzeitig dem Artikel gerecht zu werden». Ihre Hof­fnung wurden nicht enttäuscht: «Ich war überrascht und finde es toll, wie viele verschiedene Zugänge die AutorInnen zum Thema gefunden haben.»

Während bei einzelnen Texten eine grosse Nähe zum entsprechenden Men­schenrechtsartikel zu sehen ist, ist er bei anderen weniger offensichtlich. Aber diese Offenheit macht gerade auch die Qualität der Texte aus. Für Svenja Herr­mann war ein ganz besonderer Aspekt, dass sie sich zu zweit an dieses Projekt gewagt haben. Ulrike Ulrich ergänzt: «Das gab uns die Möglichkeit, uns über die Texte und die Bezüge kontinuierlich auszutauschen.» Damit sind die beiden Herausgeberinnen das beste Beispiel dafür, dass sie eines ihrer Ziele erreicht haben. Die Texte in ihrer Anthologie re­gen zum Denken und zu lebhaften und vertieften Diskussionen über die Men­schenrechte an.

Von Lyrik bis Prosa

Dazu trägt sicher auch die Vielfalt der Textsam­m­lung bei. Die verschiedensten literarischen Formen sind hier unter dem Stichwort Menschenrechte versammelt, von Lyrik über Prosa und Essay bis zu journalistischer Prosa und experimen­tellen Texten. Auch der Grad der Fiktionali­­sierung in den Texten ist sehr unter­schiedlich: Von sehr realitätsnahen Schil­derun­gen, zum Beispiel einer Per­sonen­kon­trolle an der Zürcher Lang­stras­se, über ein Partygespräch bis zur sehr abstrakten Verteidigung der Mei­nungs­freiheit.

«Die Texte sind wirklich Dialoge mit den einzelnen Menschenrechtsartikeln», erklärt Svenja Herrmann. «Eine Szene, eine Situation, eine überraschende Idee oder Assoziation kann zu völlig neuen Einsichten führen.» Es wird sichtbar, dass in den Menschenrechtsartikeln viel mehr steckt, als es auf den ersten Blick den Anschein macht. «Dazu trägt we­sent­lich bei, dass in der Anthologie 30 verschiedene Stimmen versammelt sind», ist Ulrike Ulrich überzeugt. «Im Buch selbst ist schon so etwas wie eine Diskussion eingefangen.»

«Gutes Gefühl»

Die Frage nach dem Engagement der Schweizer Schrift­stellerinnen und Schriftsteller ist insofern beantwortet, als jetzt 30 Autorinnen und Autoren in ihrem ureigenen Be­reich, der Literatur, aktiv geworden sind und sich engagiert haben. «Das ist ein sehr gutes Gefühl», zeigen sich die He­raus­geberinnen glücklich über ihr Ge­burts­tagsgeschenk für die Menschen­rechtserklärung. «Das Thema lag den Autorinnen und Autoren sehr am Her­zen», davon sind Ulrike Ulrich und Sven­­ja Herrmann überzeugt, «sonst wären nicht derart gute und engagierte Texte entstanden».

Erschienen in «amnesty - Magazin der Menschenrechte» vom November 2008
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion