AI Aktiv Ein Leben für die Menschenrechte

Seit 38 Jahren engagiert sich Marta Fotsch für Amnesty International. Heute als Länderexpertin für Kolumbien tätig, hat sie in den vergangenen Jahrzehnten verschiedenste Facetten der Men­schen­rechts­arbeit miterlebt.

Marta Fotsch © Nora Rupp Marta Fotsch © Nora Rupp

Eben fällt in der Schweiz der erste Schnee, und Marta Fotsch ist von ei­nem weiteren Aufenthalt in Ko­lumbien zurückgekehrt. Die Länder­expertin reist zwei Mal jährlich in das südamerikanische Land. Seit 1988 arbeitet sie ehrenamtlich zu Kolumbien – als Full-Time-Job.

Für Amnesty International (AI) ist die engagierte Frau aber schon viel länger aktiv: «Ich trat AI im Dezember 1970 bei, knapp zwei Monate nach der Grün­dung der Schweizer Sektion am 25. Ok­to­ber 1970», erzählt sie. Was hat sie dazu bewogen, einen grossen Teil ihrer Zeit dem Engagement für die Men­schen­rech­te zu widmen? «Mein Gerechtig­keits­sinn, das Interesse an sozialen Fragen und ganz einfach die Liebe zu den Men­schen. Nachdem ich einen Film über die Ju­denverfolgung im Zweiten Welt­krieg ge­sehen hatte, entschied ich mich, etwas ge­gen so horrendes Unrecht zu tun», erinnert sich Marta Fotsch.

Ein langes Engagement für AI

Im Lauf der Zeit hat sie ganz unterschiedliche Ämter bei AI ausgeübt: Sie war zwischen 1975 und 1985 Vize­präsi­den­tin. Bis 2006 betreute sie den von den Genfer Gruppen 1969 geäufneten Fonds d’Aide, der heute unter dem Na­men «Human Rights Relief Funds» läuft. Zwischenzeitlich verschrieb sie sich den Ländern des Co­no Sur mit Schwer­punkt Argentinien, bevor sie ihr ganz enormes Engagement für Ko­lum­bien antrat.

Als Aktivistin der ersten Stunde hat sie den Wandel in der Menschen­rechts­arbeit hautnah mitbekommen: «Die ersten Jahre waren noch vom Kalten Krieg geprägt, Menschen­rechtsarbeit war für viele ‹subversiv›. Im Westen und Osten wurden wir argwöhnisch betrachtet. Kri­tik von beiden Seiten war immer gut; wir wussten dann, dass wir auf dem richtigen Weg waren», blickt Marta Fotsch zu­rück.

Setzte sich AI in den Anfangs­jah­ren vor allem für die politischen und bürgerlichen Rechte ein, ist heute auch das Enga­gement für die wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte fester Bestandteil des Mandats. «Uns sind fast keine Grenzen mehr gesetzt», sagt Marta Fotsch. Da­für sei AI zu «harter Priorität» gezwungen, um sich nicht zu verzetteln. Das ist für die Kolumbien-Expertin manchmal schmerzlich.

Menschenrechte sind keine Selbstverständlichkeit

Auch 60 Jahre nach der Proklamation der Allgemeinen Erklärung der Men­schen­rechte hat dieses historische Do­ku­ment für Marta Fotsch keineswegs an Bedeutung verloren, «im Gegenteil»: Men­schenrechte seien keine Selbst­verständ­lichkeit, sie müssten immer neu er­strit­ten und weiterentwickelt werden.

Ist sie nie frustriert, wenn es wieder ir­gen­dwo auf der Welt zu Men­schen­rechts­verletzungen kommt? Sie habe von An­fang an gewusst, dass Menschen­rechts­arbeit viel Ausdauer und Geduld voraussetze und dass man sich oft mit bescheidenen Resultaten zufrieden ge­ben müs­se, erklärt Marta Fotsch.

Na­tür­lich empfinde sie auch manchmal Wut, Trauer und Enttäuschung. «Aber ich sa­ge mir immer wieder: Die kriegen mich nicht so schnell unter.» Daran erinnert sie ein kleiner Zettel, der an ihrem Com­puter klebt. Darauf steht ein Ausspruch des chilenischen Schriftstellers Pablo Ne­­ruda: «Sie können zwar alle Blumen schneiden, aber den Frühling können sie nicht aufhalten.»

Erschienen in «amnesty - Magazin der Menschenrechte» vom November 2008
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion