«Museum der Erinnerungen» in Paraguay © Gerhard Dilger
«Museum der Erinnerungen» in Paraguay © Gerhard Dilger

Recht auf Meinungsfreiheit «Ich will, dass sich etwas ändert»

Paraguay spielte bei der «Operation Condor», der Zusammenarbeit der Militärdiktaturen Lateinamerikas zur Unterdrückung jeder Opposition, eine Schlüsselrolle. Martín Almada, selbst Opfer des Stroessner-Regimes, engagiert sich seit seiner Rückkehr nach Paraguay für die Demokratisierung und trägt mit seinem «Museum der Erinnerungen» in Asunción viel zur Aufarbeitung der Zeit der Militärdiktaturen in Lateinamerika bei.

Hinter den Gräueln der Militärregime im Chile des Augusto Pinochet (1973-1990) und im Argentinien der Juntageneräle (1976-1983) verblasst die Diktatur des deutschstämmigen Generals Alfredo Stroessner in Paraguay (1954-1989). Doch bei der «Operation Condor», der Zusammenarbeit der Unterdrückungsapparate in den siebziger Jahren, spielte das dünn besiedelte Land im Herzen Südamerikas eine Schlüsselrolle. Heute ist Paraguay führend bei der Aufarbeitung der Verbrechen – nicht zuletzt dank der unermüdlichen Arbeit des Aktivisten Martín Almada.

Kurz nach seinem Amtsantritt im August 2008 nahm Präsident Fernando Lugo den fast 2000 Seiten starken Abschlussbericht der nationalen «Kommission für Wahrheit und Gerechtigkeit» entgegen. «Ich bitte im Namen der paraguayischen Nation um Vergebung für all die Ungerechtigkeiten, denen Sie unterworfen waren», sagte der frühere Bischof zu den anwesenden Überlebenden der Diktatur und Angehörigen von «Ver-schwundenen» und fügte hinzu: «Vergebung für all die Einsamkeit, die die Verfolgten durchleiden mussten. Vergebung für jeden Zentimeter des Schmerzes, der Körper, Geist und Seele der Kämpfer für unser neues Vaterland zerrissen hat, während ein anderes Land die gefühllose Siesta des Zusammenlebens mit einer schändlichen Diktatur schlief.»

In der ersten Reihe verfolgte ein zierlicher Mann mit Schnurrbart aufmerksam die Worte Lugos: Martín Almada, 71, der prominenteste Menschenrechtsaktivist Paraguays. Wochen vor dem Festakt hatte er trotzig verkündet, er werde die Medikamente absetzen, die die Folgen seines posttraumatischen Schocks lindern sollten, denn: «Gerechtigkeit ist die einzige Quelle der Gesundheit für alle, die Opfer von Menschenrechtsverletzungen wurden». Den Wahlsieg Lugos hatte er mit den Worten begrüsst: «Jetzt kommen die Menschenrechte an die Macht».

«Historischer» Bericht

Seine Frau, die argentinische Pädagogin María Stella Cáceres, lobte den Bericht als «historisch»: «In dem Bericht werden 640 Unterdrücker namentlich identifiziert.» 423 Fälle von «Verschwindenlassen» oder politischem Mord sind aufgelistet, ebenso die Namen von 3470 ParaguayerInnen, die ins Exil gezwungen wurden. Die tatsächlichen Zahlen liegen um ein Vielfaches höher, und die von Stroessners Colorado-Partei beherrschte Justiz hat bislang kaum durchgegriffen: Zwar waren zwischen 1989 und 2006 3583 Klagen wegen schwerer Menschenrechtsverletzungen hängig, doch lediglich eine Handvoll Polizeibeamter wurde zu Haftstrafen verurteilt.

Allein in Argentinien «verschwanden» zwischen 1976 und 1978 mindestens 71 Paraguayer. Die 1975 auf Betreiben des chilenischen Geheimdienstchefs Manuel Contreras institutionalisierte Zusammenarbeit bei der grenzüberschreitenden Verfolgung Oppositioneller durch die Geheimdienste Argentiniens, Boliviens, Brasiliens, Chiles, Paraguays und Uruguays ging als «Operation Condor» in die Geschichte ein.

Verhöre und Folter

Kaum jemand hat mehr zur Aufklärung dieses einmaligen, von Washington zunächst wohlwollend begleiteten Terrorsystems beigetragen als Martín Almada, dem dafür 2002 der Alternative Nobelpreis verliehen wurde. Das Stroessner-Regime betrachtete den gewerkschaftlich engagierten Grundschullehrer, studierten Juristen und frisch promovierten Reformpädagogen als «intellektuellen Terroristen». Am 26. November 1974 wurde er von der politischen Polizei direkt von seinem Arbeitsplatz verschleppt. Anschliessend verhörten ihn nicht nur Paraguayer, sondern auch argentinische, brasilianische und bolivianische Militärs. Seine damalige Frau Celestina Pérez überlebte den Terror nicht. «Zehn Tage nach meiner Verschleppung weckten sie sie um Mitternacht auf, damit sie die ‹Leiche des subversiven Lehrers› abhole», erzählt Almada. «Die Nachricht löste bei ihr einen Herzinfarkt aus. Schon vorher hatten sie die Folterer angerufen. Sie liessen sie meine Schreie und mein Heulen in der Folterzelle anhören. Sie ist gestorben, weil sie keine ärztliche Versorgung erhielt – aus Angst vor der Repression trauten sich die Ärzte nicht, ihr zu helfen.»

Knapp drei Jahre später wurde Almada nach einer grossen Kampagne von Amnesty International aus der Haft entlassen. Nach seiner Flucht in die Botschaft Panamas konnte er Anfang 1978 zusammen mit seinen drei Kindern in das zentralamerikanische Land ausreisen. Nach dem Sturz Stroessners kehrte er aus dem Pariser Exil zurück und engagierte sich bei der Demokratisierung Paraguays. Im August 2006 konnten Almada und María Stella Cáceres endlich das «Museo de las Memorias» (Museum der Erinnerungen) eröffnen – Stunden, nachdem Stroessner im Alter von 93 Jahren unbehelligt in Brasília gestorben war.

In dem unscheinbaren Haus im Stadtzentrum von Asunción, das während der Diktatur die Zentrale des Polizeigeheimdienstes beherbergte, wurde Almada 1974 gefoltert. Jetzt gehört es dem Erziehungsministerium, und das Museum wird von María Stella Cáceres gemanagt, die auch Vorsitzende der «Stiftung Celestina Pérez de Almada» ist.

Immer wieder führen Almada und Cáceres Besucher aus dem In- und Ausland durch die Ausstellungsräume. Einige sind im Originalzustand belassen, wie die winzigen Zellen im Hinterhof oder das Büro des Folterchefs Pastor Coronel, hinter dessen Schreibtisch ein riesiges Stroessner-Porträt prangt. Eine Paraguay-Karte aus der Diktaturzeit ist mit roten Punkten übersät – jeder steht für ein Gefängnis. Im Nebenraum ist die Badewanne zu sehen, die die Folterer mit Fäkalien füllten, um anschliessend ihre Opfer hineinzutauchen. An den Wänden hängen Bilder mit den Lebensgeschichten einiger «Verschwundener».

«Archiv des Terrors»

Almada bleibt vor einem Foto stehen, das den wohl historischsten Moment in seinem Leben festhält – wie er am 22. Dezember 1992 in einem Hinterhof eines Polizeigebäudes in einem Vorort von Asunción das «Archiv des Terrors» entdeckte. Inmitten Abertausender von Akten und Notizen, Aufzeichnungen und Dokumenten fand er detaillierte Aufzeichnun-gen über die Verschleppten, Gefolterten und Ermordeten aus 35 Jahren Diktatur in Paraguay, seine eigene Karteikarte mit Foto und Fingerabdrücken und ein US-Handbuch mit dem Titel «Wie man Gefolterte am Leben erhält». Vor allem jedoch enthält das «Archiv des Terrors» viele Dokumente und Briefe aus dem In-nenleben der «Operation Condor». Es gilt als wichtigste Sammlung dokumentierten Staatsterrorismus, die je gefunden wurde. Mittlerweile ist es geordnet und im Justizministerium für die Öffentlichkeit zugänglich. «Unser Fund war die Krönung von 15 Jahren Forschungsarbeit», sagt Almada stolz. «Die frühesten Dokumente ab dem Jahr 1929 zeigen die Verfolgung der Anarchisten, später kamen die Sozialisten und Kommunisten hinzu.» Seine Führung wird zur Geschichtsstunde. Bei der Galerie der paraguayischen Präsidenten bleibt er stehen und zeigt auf den bärtigen General Francisco Solano López: «Das war unser Fidel Castro. Auf Betreiben Englands ist das hochentwickelte Paraguay von 1864 bis 1870 von Brasilien, Argentinien und Uruguay so verwüstet worden, dass es sich bis heute noch nicht davon erholt hat.»

Die Rolle der USA

Auch die von US-Aussenminister Henry Kissinger gebilligte Repression der siebziger Jahre hat eine Vorgeschichte: «1956 schickte das Pentagon einen Oberst namens Robert Thierry nach Paraguay, um bei der Kommunistenverfolgung zu helfen», erzählt Almada. «Mit Hilfe Thierrys ist hier das erste moderne Folterzentrum Lateinamerikas entstanden.»

Mitte Oktober nahm Almada an einem Hearing des brasilianischen Kongresses teil und forderte die Öffnung der Militärarchive, um die Rolle Brasiliens bei der «Operation Condor» zu erhellen. «Über 50 Brasilianer wurden in Paraguay vernommen und gefoltert», erklärte der Menschenrechtler. «In Argentinien, Chile und Uruguay wurden bereits einige Militärs verurteilt, aber in Brasilien gibt es wegen des Boykotts der Streitkräfte nicht einmal einen Prozess »

Hat Almada nicht zwischendurch Lust verspürt, in der Regierung Lugo ein Amt zu übernehmen? «Tja, am liebsten wäre ich oberster Polizeichef geworden, um auszumisten», sagt er schmunzelnd. Doch gleich wird er wieder ernst: «Nein, ich will keinen Posten, ich will, dass sich etwas ändert.»

Erschienen in «amnesty - Magazin der Menschenrechte» vom November 2008
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion