Recht auf Sicherheit Valdênia Paulinos Kampf gegen Gewalt

Seit 20 Jahren kämpft die Anwältin Valdênia Paulino in ihrer Heimat Brasilien gegen Gewalt und brutale Polizisten. Ihre Gegner scheuten nicht davor zurück, Vivaldis Musik zu missbrauchen, um ihr Engagement zu bestrafen. Nun musste Valdênia das Land aus Sicherheitsgründen verlassen.

Valdênia Paulino © AI Valdênia Paulino © AI

Sie ist klein und zierlich, hat dunkles Haar und dunkle Augen. Ihr Äusseres verrät nicht, welche Geschichte Valdênia Aparecida Paulino schon erlebt hat. Doch als sie zu sprechen beginnt, mit tiefer, klarer und klangvoller Stimme, lässt sich die Kraft erahnen, mit der sie ihren täglichen Kampf führt. Die 41-Jährige engagiert sich gegen jede Form von Gewalt in den brasilianischen Armensiedlungen: Polizeigewalt, Gewalt im Drogenkrieg und in der Prostitution sowie häusliche Gewalt.

Seit 20 Jahren ist die Anwältin Menschenrechtsaktivistin und legt sich dabei mit der Polizei an. Ihre Klagen brachten 30 Polizisten zu Fall. Sie wurden aus dem Polizeidienst entlassen oder mussten ihre Karriere begraben. Deshalb wird Paulino selbst immer wieder zur Zielscheibe von Drohungen, Gewalt und Mordversuchen. Als «amnesty» sie für diesen Artikel trifft, befindet sich Paulino in Bern, auf dem Weg in ein vorübergehendes Exil in Spanien im Rahmen eines Schutzprogramms von Amnesty International.

Paulino stammt aus Sapopemba, der zweitgrössten Agglomeration von São Paulo mit 300000 Einwohnerinnen und Einwohnern. In diesem Stadtteil gibt es 32 Favelas. Schon früh begann das Engagement Paulinos in kirchlichen Basisorganisationen. Sie kämpfte für Obdach, Wasser, Elektrizität und sanitäre Installationen. Doch bald wurden sich die AktivistInnen bewusst, dass sie zuallererst eine Antwort auf die vielen Formen von Gewalt finden mussten.

Paulino gründete zusammen mit ihren KollegInnen das Centro de Direitos Humanos (Zentrum für Menschenrechte) von Sapopemba. Es deckt Menschenrechtsverletzungen auf und klagt die Verursacher an. Mit Broschüren klären die Zentrumsleute die Bevölkerung über ihre Rechte auf. Speziell für Frauen suchen sie nach alternativen Einkommensquellen, damit sie sich aus dem Teufelskreis von Drogenhandel und Prostitution befreien können. Alle drei Sekunden wird in Brasilien eine Frau Opfer von Gewalt, wie Paulino berichtet. Die Behörden des Bundesstaates São Paulo glänzen mit Abwesenheit. Deshalb stellen die Drogenhändler ihre eigenen Regeln auf.

Folter mit Vivaldi

In diesen Strudel der Gewalt geriet auch Paulino. Ihr Einsatz für die Menschenrechte erweckte den Zorn der Polizei. Als junge Frau, die aus dem Nordosten stammt und in der Favela gross geworden ist und die es als eine der wenigen an die Universität geschafft hatte, brachte sie alle vorherrschenden Autoritätsregeln durcheinander. Paulino wurde Opfer von Verfolgungen. Ihr Auto wurde von der Strasse abgedrängt, in den Innenhof ihres Hauses wurden tote Tiere geworfen, und die Polizei suchte immer wieder die Organi-sation heim, für die sie arbeitete.

2004 besetzte die Polizei die Favela mit Waffen, Pferden und Hunden und suchte in den Häusern nach «gefährlichen Personen». Sie stellte Lautsprecher auf und liess Musik von Vivaldi ertönen. Die klassische Musik übertönte die Grausamkeiten, welche die Polizei gleichzeitig in der Favela verübte. Paulinos Organisation reichte Klage dagegen ein. Danach klingelte jeweils um 2 Uhr morgens das Telefon bei Paulino zu Hause. Niemand sprach, stattdessen hörte sie Musik von Vivaldi.

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Zunehmender Druck

Im letzten Jahr nahm der Druck auf Paulino zu. In Zeitungen wurde vermeldet, sie sei kriminell, Drogenhändlerin und gehöre der Bande ‹O Comando da Capital› an. Sie wurde ständig vorgeladen. Innerhalb von drei Monaten musste sie 37 Mal aussagen. Nur dank ihrem guten Ruf als Universitätsprofessorin landete sie nicht im Gefängnis. Aber das Risiko wurde zu gross, und ihr blieb nichts anderes übrig, als Brasilien vorübergehend zu verlassen.

Es gibt in der brasilianischen Justiz Fortschritte zu verzeichnen. So wurden Polizeiposten für Frauen eingerichtet, wo Opfer von häuslicher und sexueller Gewalt Anzeige erstatten können. Dank eines neuen Gesetzes aus dem Jahr 2006 müssen Frauen, die Opfer von häuslicher Gewalt werden, nicht mehr ihr Heim verlassen und das Sorgerecht über ihre Kinder aufs Spiel setzen. Vielmehr müssen die Männer diesen Schritt tun und sich vor Gericht verantworten. Zuvor waren informelle Gerichte zuständig, als Strafe musste der Mann seinem Opfer einen Lebensmittelkorb übergeben.

«Diese Fortschritte sind ein erster Schritt», sagt Paulino, aber die Anwendung des Gesetzes ist nicht selbstverständlich. Häusliche Gewalt wird immer noch als Privatsache angesehen. Auch wenn die Regierung sich bemühe, etwas zu ändern – ihre Macht reiche nicht bis in die Polizei der Bundesstaaten hinein: «Straflosigkeit ist der Krebs Brasiliens.»

Die Polizeiposten für Frauen sind zahlenmässig unterdotiert, die Beamtinnen schlecht ausgebildet. Paulino wurde selbst zwei Mal Opfer von sexueller Gewalt. Das erste Mal konnte sie nicht Anzeige erstatten, weil die Delegacia noch nicht existierte. Beim zweiten Mal wurde sie so erniedrigend behandelt, dass sie sich ein drittes Mal vergewaltigt fühlte.

Paulino nützt ihre Zeit im vorübergehenden Exil, um über Gewalt in ihrer Heimat zu berichten. Nachdem sie sich körperlich und psychisch erholt haben wird, wird sie zurückkehren. Allerdings nicht nach São Paulo, wo die Lebensbedingungen für sie unhaltbar geworden sind. Sie wird im Nordosten des Landes neu beginnen und den Kampf aufnehmen – gegen die gleichen Probleme.

Erschienen in «amnesty - Magazin der Menschenrechte» vom November 2008
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion