Israel/Besetzte Gebiete Langsam kriecht die Angst ans Tageslicht

Erst nach dem Ende der israelischen Militäroffensive im Gazastreifen ist das wahre Ausmass der angerichteten Schäden sichtbar geworden. Tausende von Häusern, Moscheen, Schulen und Spitälern wurden zerstört. Sicher fühlt sich auch nach dem Krieg niemand und zurück bleibt eine traumatisierte Generation von Jugendlichen ohne Perspektive.

Das Gästehaus des palästinensischen Präsidenten liegt in Gaza Stadt. Der ehemalige US-Präsident Bill Clinton hat dort übernachtet und vor dem Krieg blühten Mandel- und Zitrusbäume im Garten. Die israelische Luftwaffe hat das Anwesen am zweiten Kriegstag bombardiert. Jetzt sind Gästehaus und Garten zerstört. Gleich daneben liegen die Büros für die Koordination humanitärer Angelegenheiten der Uno (OCHA). Die Bombensplitter haben auch Teile der Büros zerstört.

Hamada al-Bayari, der seit Jahren für OCHA arbeitet, zog nach der Bombardierung vorübergehend in ein neues Gebäude. Während den Kriegstagen fuhr er täglich in der dreistündigen Feuerpause mit einem gepanzerten Wagen zur Arbeit, um seinen Kollegen in Jerusalem Berichte über die aktuelle Lage zu schicken. «Jeden Mor­gen dachte ich: ‹Ich schaff das nicht, ich kann meine Familie nicht alleine lassen.› Und dann ging ich doch hin. Wer hätte sonst die Berichte verfasst?», fragt er.

Nach der Arbeit kehrte al-Bayari je­weils in die Wohnung seiner Mutter zu­rück. Dorthin war er mit seiner Familie geflohen, nachdem die israelische Luft­waffe in seiner unmittelbaren Nach­barschaft ein Haus bombardiert hatte. Bei der Explosion barsten alle Fenster­scheiben seiner Wohnung, ein Zimmer wurde teilweise zerstört. Auch al-Bayaris Schwester suchte bei der Mutter Unter­schlupf. Ihr Haus in einem Aussen­quar­tier von Gaza hatte die israelische Armee mit Bulldozern zerstört. Und dann wohnte auch noch eine befreundete Familie, die nach einer Bombenwarnung der israelischen Armee geflohen war, mit den al-Bayaris. 47 Personen in einer Dreizimmer-Wohnung. Strom gab es keinen, deshalb funktionierten auch die Handys nicht mehr. Das Trinkwasser war knapp rationiert. Man habe die Minu­ten gezählt und sei dankbar gewesen, um jede einzelne, die vorbei war, erinnert sich Hamada al-Bayari.

Kein Baumaterial


Jetzt ist al-Bayari mit seiner Familie in seine alte Wohnung zurückgezogen. Tagsüber arbeitet er wieder in einem der OCHA-Büros neben dem präsidentiellen Gäste­haus. Zuerst haben die OCHA-Mitar­bei­ter die Büroräume vom Schutt befreien müssen. Die Nächte in der eigenen Woh­nung sind bitterkalt. Glas, um die Fens­ter­scheiben zu ersetzen, gibt es nicht. Glas gilt nicht als humanitäres Hilfsgut. «Nahrungsmittel und Medika­men­te sind jetzt wieder vorhanden. Das grösste Problem aber ist Baumaterial», sagt al-Bayari und verweist auf Tausende von Familien, die bei ihren Verwandten Unterschlupf suchen mussten, weil ihre Häuser zerstört worden sind. Noch kennt niemand das genaue Ausmass der Zerstörung, aber laut Schätzungen wurden 3500 Häuser komplett zerstört, 5000 teilweise und Hunderttausende leicht. Auch Schulen, Spitäler, Regie­rungs­gebäude, Fabriken fielen den Bom­ben und Bulldozern zum Opfer.

Brian Dooley, Mitglied einer Untersu­chungs­delegation von Amnesty Inter­national (AI), die kurz vor Beginn des Waffenstillstands am 18. Januar 2009 in den Gazastreifen eingereist war und während knapp zwei Wochen die Kriegs­schäden im Streifen untersucht hat, berichtet von kilometerlangen Stras­senzügen, die in Schutt und Asche ge­bombt worden sind. Nach ein paar Tagen seien die Geflohenen zu ihren alten Häusern zurückgekehrt, um im Schutt nach noch Brauchbarem zu suchen. Wieder ein paar Tage später hätten sie Stofffetzen zusammengeknotet und daraus Zelte geknüpft. «Jetzt sind sie daran, die Betonbrocken übereinanderzulegen, um sich eine Unterkunft zu zimmern», erzählt Dooley. Auch die Strassen sind kaputt. Und überall liegen Granat- und Bombensplitter.

Phosphorgranaten


Noch sei es zu früh, von Kriegsverbrechen zu sprechen, gibt sich Dooley vorsichtig, aber im Namen von AI fordert er eine genaue Untersuchung. Anzeichen zu Kriegs­verbrechen gäbe es jedoch. Zum Beispiel hat die AI-Untersuchungs­delegation überall Überreste von Phosphorgranaten gefunden. «Diese gelten zwar per se nicht als verbotene Waffen, sie dürfen jedoch nur dann eingesetzt werden, wenn beispielsweise eine Kampftruppe in ihrem Schutz fliehen muss», erklärt Dooley. Explodieren Phosphorgranaten, führt dies zu einer sofortigen Rauch­entwicklung, da der Phosphor beim Kon­takt mit Sauerstoff zu brennen beginnt. Es ist verboten, Phosphor­gra­naten auf den Feind oder auf die Zivilbevölkerung abzufeuern. «Wir haben überall in zivilen Gebieten Überreste von Phosphor­granaten gefunden. Leute wurden von ihnen getötet und Ärzte erzählten, wie sie ganze Gliedmassen amputieren mussten, weil die Verbrennungen nicht heilten», kritisiert Dooley das Vorgehen der israelischen Armee.

Als die Phosphorgranate einschlug, sass Eyad Sarraj mit seinen Kindern zu Hause. «Plötzlich war überall nur noch Rauch, schwarzes Pulver und die Angst, gleich daran zu ersticken», erinnert sich der Psychiater, der das Community Men­tal Health Programme in Gaza leitet, das auch von der Schweiz unterstützt wird. Auch in seinem Zentrum sind die Fenster zerbrochen, ist die Innenein­richtung von Granatsplittern zerstört worden. Dieser Krieg, sagt Sarraj, sei kein Krieg gegen die Hamas gewesen, sondern einer gegen die Zivilbe­völ­kerung, und die stehe unter Schock. Nur langsam kriechen die Angst und die Emotionen, die mit den Menschen in den Häusern verbarrikadiert waren, ans Tageslicht. Dann, vor zwei Tagen, hat sich das Gerücht verbreitet, die israelische Armee würde wieder angreifen. Da erstarrte Gaza erneut, die Menschen verschwanden von den Strassen. Niemand fühlt sich heute mehr sicher. Nur Wut, das fühle jeder, und dass mit Israel kein Friede mehr möglich sei, erklärt Sarraj.

 

Traumatisierte Generation


Er hat 1'000 MitarbeiterInnen in die Dörfer und Häuser geschickt, um die Leute zum reden zu ermutigen. «Sie müssen ihre Gefühle und Erlebnisse in Worte fassen, um zu verarbeiten. Aber viele Kinder erzählen mir vom Krieg, als ob sie nicht dabei gewesen wären. Emotional völlig losgelöst. Bald werden wir Tausende ha­ben, die an Posttrauma­tischer Belas­tungs­störung leiden. Und wir müssen uns auf eine Generation militanter Jugendlicher gefasst machen. Sie haben ihre Väter oder Brüder als Beschützer verloren. Sie suchen neue starke Vor­bilder und finden sie bei der Hamas.»

Hamada al-Bayari hat zwei Söhne. Karim, der ältere, ist fünf Jahre alt. Die US-amerikanische Schule, die er besuchte, wurde dem Erdboden gleichgemacht. Aber das hat al-Bayari seinem Sohn noch nicht gesagt. Karim hat jeden seiner Schulkollegen angerufen, um sich zu vergewissern, dass sie noch am Leben sind. Seinen Vater hat er gefragt: «Was ist mit meinen Schulbüchern und wo sind meine Farbstifte?» Der jüngere Sohn Mohammed ist dreieinhalb Jahre alt. Er will nicht aufhören, seinen Vater zu fragen, was mit den Toten und Verletzten passiert ist. Und immer wieder will er wissen: «Papa, wenn wir sterben, gehen wir dann nach Kairo?»

Erschienen in «amnesty - Magazin der Menschenrechte» vom Februar 2009
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion