Film «Ich will nicht Richter spielen»

Fernand Melgar, der Regisseur des Dokumentarfilms «La Forteresse», spricht im Interview über den Blick hinter die Kulissen eines Empfangszentrums für Asylsuchende und über seine Vision einer humanitären Schweiz.

Fernand Melgar © ZVG Fernand Melgar © ZVG

«amnesty»: Wieso haben Sie sich entschie­­den, einen Film über ein Empfangs- und Verfahrenszentrum für Asylsuchende zu drehen?

Fernand Melgar: Nach der Abstimmung zum Asylgesetz im Jahr 2006 hatte ich das Gefühl, dass die Bevölkerung die Ver­bin­dung zu den Flüchtlingen in unserem Land verloren hat. Ich wollte zeigen, wie die Situation jener Menschen ist, die ganz frisch in unser Land gekommen sind.

War es einfach, die Bewilligung für den Film zu erhalten?

Nein, ganz und gar nicht, es war auf verschiedenen Ebenen sehr kompliziert. Das Bundesamt für Migration (BFM) war um die Sicherheit der Asylsuchenden besorgt. Man wollte nicht, dass diese Menschen durch den Film in Gefahr kommen könnten, vor allem jene, die einen negativen Ent­scheid erhielten und in ihr Hei­mat­land zurückkehren mussten. Ich habe sechs Monate gebraucht, um die Behör­den zu überzeugen.

Was haben Sie selbst unternommen, um die ProtagonistInnen zu schützen?

Alle, die im Film zu sehen sind, haben im Voraus schriftlich ihre Zustimmung gegeben. Wir richteten während dem Dreh im Zentrum ein kleines Studio ein. Die Bewohner und Bewoh­ner­innen konnten sich dort das gedrehte Material anschauen und sagen, dass wir eine Szene wieder löschen sollten, auch wenn sie im Vor­aus ihre Zustimmung gegeben hatten. Im Film kommen keine Nach­namen vor. Wenn Namen fallen, dann haben wir sie geändert.

Sie haben während 60 Tagen im Em­p­fangs­zentrum Vallorbe gedreht und kon­n­ten nicht voraussehen, was dann passieren wird. Ein Drehbuch gab es deshalb nicht. Wie konnten Sie dennoch eine Dra­ma­­turgie schaffen?

Ich habe vor den Dreharbeiten rund sechs Monate in Vallorbe verbracht und den Alltag im Zentrum miterlebt. Ich war auch nicht alleine, hinter dem Film steht ein Team. Wir haben uns im Vorfeld Ge­dan­ken gemacht, wie die Dramaturgie aus­sehen könnte. Während dem Dreh haben wir alle zwei Tage das Material visioniert und entschieden, welche Ge­schich­ten wir weiter verfolgen und welche wir fal­len lassen.

Ihr Film wertet nicht, er enthält keine Kom­mentare. Hatten Sie keine Angst, dass das Publikum das Gezeigte nicht einordnen kön­nte?

Ich habe Vertrauen. Natürlich habe ich auch negative Reaktionen erhalten. Die aller­erste Vorführung des Films war vor Aysl-AktivistInnen, die sich in einem radi­kalen Sinn für Ayslsuchende einsetzen. Sie mochten den Film nicht: Sie dachten, dass er zu negativ sei, weil auch Asyl­su­chen­de zu sehen sind, die mit Drogen dea­­len. Ich wollte aber keinen Film machen, der den Leuten vorschreibt, was sie denken sollen, und ich wollte keinen Kam­pag­nen-Film machen. Letzteren würden sich nur jene anschauen, die sowieso schon eine grosszügige Haltung haben. Dann würde ich aber ganz viele Men­schen nicht erreichen, gerade auch die kon­servativen Kreise. Zentral war für mich, dass wir voneinander Kenntnis erhal­ten, dass die Schweizer Bevölkerung über­haupt sieht, wie das Leben in einem Em­pfangszentrum aussieht. Ich will nicht Richter sein, sondern Zeugenaussagen lie­fern.

Sind Sie noch in Kontakt mit den damaligen Bewohnern und Bewohnerinnen?

Ja, natürlich. Während einem Filmdreh wird man ein Stück weit zur Familie. Man sagt nicht einfach «Danke, auf Wie­der­se­hen» und geht. Der junge Iraker, den man zu Beginn des Films sieht, erhielt kein Asyl (siehe Kasten). Er bat in Schweden um Asyl, danach kam er in die Schweiz zu­rück und lebte eine Weile bei mir.

Wissen Sie von BewohnerInnen, die nun nach einem abschlägigen Entscheid als Sans-Papiers in der Schweiz leben?

Ja klar, viele. Wer einen negativen Ent­scheid erhält, wird beim Empfang des Zen­trums instruiert, was jetzt passiert. Die Angestellten sagen: «Sie haben 48 Stun­den Zeit, um das Land zu verlassen.» Das klingt, wie wenn das Ver­kaufs­per­so­nal in der Migros sagt: «Das macht 4 Franken 80, vielen Dank und Adieu.» Die Leute werden auf die Strasse gestellt. Es ist offensichtlich, dass viele im Unter­grund leben werden.

Wie war Ihr Verhältnis zu den Ange­stel­l­ten im Zentrum?

Die Leute machen hervorragende Ar­beit. Auch die Sicherheitskräfte kümmern sich. Sie mögen sich mal ärgern über die Asylsuchenden, aber sie sind menschlich. Ein Securitas-Angestellter sagte zu mir: «Wer Rassist ist, hält hier nicht lange durch.» Der Zentrumsleiter war für mich ein Sinnbild dafür, wie widersprüchlich wir Menschen sind. Er ist po­litisch konser­vativ eingestellt, aber er ist sehr herzlich zu den Leuten und bleibt auch mal in seiner Freizeit im Zentrum.

Was halten Sie von der geplanten Ver­schär­fung des Asylgesetzes?

Ich kam selbst in meiner Jugend als Aus­länder hierher, ich lebte eine Weile als Sans-Papier. Mittlerweile bin ich Schwei­zer und ich teile die hiesigen Werte. Einer davon ist das Recht auf Asyl. Weltweit sind Millionen von Menschen auf der Flucht. Ich verstehe, dass wir nicht das Elend der ganzen Welt auf uns nehmen und alle Flüchtlinge beherbergen können. So utopisch bin ich nicht. Aber pro Jahr klop­fen lediglich etwa 10000 Asyl­su­chende an unsere Tür; letztes Jahr waren es etwas mehr, rund 16000. Von ihnen erhalten etwa 10 Prozent definitiv Asyl. Wir sprechen also von 1500 Menschen pro Jahr. Da ist doch Spielraum, wir könnten ein wenig grosszügiger sein.

 

Erschienen in «amnesty - Magazin der Menschenrechte» vom Februar 2009
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion