Polen Zeichen der Versöhnung

Mehr als 60 Jahre nach der Schreckensherrschaft der Nazis arbeitet ein südpolnisches Dorf seine Geschichte auf. Nachfahren der vertriebenen jüdischen Bevölkerung kehrten für einige Tage zurück. Die Autorinnen berichten über den langen Gedenkmarsch und den latenten Antisemitismus.

Im ehemaligen galizischen «Schtetl» Rymanów in Südpolen wurde in den Jahren 1939 bis 1945 die gesamte jüdische Bevölkerung von den Nationalsozialisten vertrieben oder in den Tod geschickt. Ihre Kultur wurde vernichtet. Jüdische Menschen gibt es in Rymanów keine mehr. Im August 2008, mehr als 60 Jahre nach der Liquidierung des Ghettos, kehrten einige Überlebende und ihre Nachkommen aus dem Exil für Erinnerungstage zurück. Eine lokale Gruppe aus Rymanów hatte sie organisiert.

Auf dem Hauptplatz von Rymanów, dem Rynek, machten Plakate auf die Erinnerungstage aufmerksam. Zu sehen war ein sepiafarbenes Foto, verbotenerweise geknipst am 12. August 1942 von einem damals 12-jährigen Jungen. Niemand hätte sehen dürfen, was das Foto zeigt: die Deportation der jüdischen Bewohner und Bewohnerinnen.

Das Foto zeigt Menschengruppen, die ratlos auf dem Platz herumstehen oder zusammengekauert auf Bündeln und Koffern sitzen. Man liess sie über zwölf Stunden auf dem Dorfplatz warten, bevor sie selektiert wurden. Arbeitsfähige Männer wurden ins Arbeitslager Plaszów bei Krakau transportiert – wer Glück hatte, kam dort auf Schindlers Liste und war gerettet. 150 bis 200 Kinder und Alte wurden im nahen Wald erschossen. Die Übriggebliebenen, zwischen 500 und 800 Menschen, trieb die Wehrmacht auf den Fussmarsch zur 5 Kilometer entfernten Bahnstation Wróblik und transportierte sie ins Vernichtungslager Bezec in Ostpolen.

Gedächtnisorte

Die jüdische Geschichte von Rymanów ist heute nur noch am alten Friedhof und an der im Wiederaufbau begriffenen Synagoge abzulesen. Der jüdische Friedhof bot bis 2007 ein Bild der Vernachlässigung und der Verwüstung. Unter dem Druck von jüdischen Überlebenden aus den USA und als Ausdruck des seit ein paar Jahren wachsenden Wiedergutmachungsgedankens wurden die Grabsteine, die für den Strassenbau benützt worden waren, zurückgebracht und der Friedhof wiederhergestellt. Jetzt, nach 66 Jahren, konnte der aus den USA angereiste Rabbi Menachem Reich endlich die Totengebete für die Ermordeten sprechen. An seiner Seite, das jüdische Käppchen auf den weissen Haaren, betete auch der katholische Pfarrer des Ortes.

Ein endlos scheinender Gedenkmarsch führte im Sommer 2008 über die Felder zum Bahnhof der Nachbargemeinde Wróblik. Dort warteten grosse Gruppen von Männern, Frauen und Kindern auf dem Bahnsteig, wo ein historischer Güterwagen als Mahnmal des Schreckens hingestellt worden war. In solchen fensterlosen Wagen wurden nach zwei langen Tagen und Nächten des Wartens, in denen bereits viele vor Durst und Erschöpfung starben, die letzten jüdischen EinwohnerInnen von Rymanów ins Vernichtungslager Bełzec in Ostpolen transportiert. Dort schickten die Nazis sie sofort in die Gaskammer.

Schwierige Geschichte

Noch immer ist es in Polen vielerorts heikel, als Aussenstehende das Thema des latenten Antisemitismus, der Mittäterschaft oder des Wegsehens der polnischen Bevölkerung bei der Verfolgung und der Vernichtung der jüdischen Bevölkerung anzusprechen. Polen war zwar eine der grössten Opfernationen des Nationalsozialismus. Dies hinderte während der deutschen Besetzung manche Polen aber nicht daran, ihre eigene missliche Lage aufzubessern. Sie eigneten sich ungefragt Häuser und Wertgegenstände an oder erpressten und denunzierten versteckte Juden und Jüdinnen.

Antisemitische Pogrome gab es noch nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, zum Beispiel im südpolnischen Kielce. Heute wird der Antisemitismus vor allem von reaktionären Kreisen der katholischen Kirche geschürt – allen voran vom populären Sender Radio Maryja.

Aber es gibt offensichtlich Gegenkräfte, nicht nur in Rymanów. Zwar bestätigen der katholische Pfarrer und der Bürgermeister, dass es noch immer latent vorhandene antijüdische Ressentiments gebe. Beide bestehen jedoch darauf, dass diese am Abflauen seien. Dazu trage die bessere Bildung und Information bei. Im Wissen darum kämpft Pfarrer Mieczyslaw Szostak seit Jahren gegen Geschichtsvergessenheit. Die kulturelle Vielfalt des galizischen Grenzgebietes mit polnischer, ukrainischer, ungarischer, slowakischer, armenischer Kultur und vor allem mit der Jahrhunderte dauernden jüdischen Präsenz sei der eigentliche Reichtum in der Geschichte von Rymanów.

Noch vor einigen Jahren wäre es in Polen undenkbar gewesen, der Vertreibung und Vernichtung der jüdischen Bevölkerung in einem offiziellen Akt zu gedenken. Undenkbar auch, dass die Dorfbevölkerung mit ihrer Präsenz und ihrer Anteilnahme zu verstehen gegeben hätte, dass es da auch um ihre Geschichte geht.

Wir verliessen Rymanów mit der Hoffnung, dass sich das kollektive Gedächtnis an die über Jahrhunderte gelebte Multikulturalität erinnert. Möge es zusammen mit dem verbesserten Lebensstandard und der gesellschaftlichen Öffnung hin zum neuen Europa als Antidot gegen Fremdenfeindlichkeit wirken.

 

Erschienen in «amnesty - Magazin der Menschenrechte» vom Februar 2009
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion