Simbabwe Der nackte Kaiser im Trümmerstaat

Simbabwe versinkt im Chaos. Die Cholera verbreitet sich angesichts der desolaten hygienischen Zustände in Windeseile, derweil die Inflation die Ersparnisse der Menschen auffrisst. Die Regierung glänzt in dieser Krisenzeit durch Abwesenheit und Verblendung.

Der Himmel färbt sich violett, der Mond geht auf, ein warmes Wind­chen weht. Wir sitzen auf einem Fels­hügel irgendwo mitten in Simbabwe, von dessen Besuch die Botschaften westlicher Staaten dringend abraten, und lassen unseren Blick über das 60000 Hek­tar grosse Wildreservat eines europäischen Geschäftsmanns schweifen. Vom Flussbett dringt das heisere Bellen von Pavianen herauf, ein Schlangenadler zieht am Himmel seine Kreise, als Sun Dow­ner wird Gin und Tonic gereicht. Son­nenuntergang im Paradies.


Der Grossgrundbesitzer kann mit dem vergangenen Jahr zufrieden sein. Sein Reservat wurde von den Kriegs­ve­te­ra­nen, dem Schrecken simbabwischer Far­mer, weitgehend in Ruhe gelassen. Trotz der turbulenten Zeiten lassen sich die vor allem aus den USA stammenden Grosswildjäger von einer Pirsch ins afrikanische Abenteuerland offenbar nicht abhalten.
Für ihr Hobby geben sie pro Tag 1400 US-Dollar aus – was in der Landes­währung 7 Billiarden Dollar ent­spricht (wenn Sie am Ende dieses Ar­ti­kels angelangt sind, werden es allerdings schon fast 10 Billiarden sein) – und lassen sich mit Köstlichkeiten aus dem Nachbarland Südafrika verwöhnen. Eine Schlaraffen­insel mitten im Trüm­mer­staat, der im Elend, im Chaos und im Kot versinkt.

Schon wenige Kilometer von der Lu­xus­lodge entfernt, gleich jenseits des Zauns zum Wildgehege, herrscht die Ver­zweif­lung. In einem Dorf, das für einen Werk­tagmorgen verblüffend leblos erscheint, sit­zen zwei Mädchen reglos vor ihrer stroh­bedeckten Hütte, in der ihr vermutlich aidskranker Vater auf einer Stroh­matte im Dunkeln liegt. Ihre Mutter hat sich bereits im Mor­gen­grau­en auf den Weg gemacht, um etwas Ess­ba­res zu finden. Die beiden Schwestern kön­nen wie alle anderen Dorfbewohner höchstens mit täglich einer Mahlzeit rech­nen: Maisbrei, der noch verdünnt wird, um den Bauch besser anzufüllen. Wenn sie Glück haben, wird ihre Mutter ein paar Wurzeln oder einen noch nicht ge­­plünderten Termitenhügel finden: Dann werden die bleichen Ameisen als In­sekten-Ragout auf dem Feuer geröstet. «Wir leben wie wilde Tiere in ständiger Suche nach Nahrung», sagt der Dorfchef deprimiert.


Machtlos gegen Cholera


Aus dem Nachbardorf werden die ersten Fäl­le von Cholera gemeldet. Die Epidemie brei­­tet sich wie ein Lauffeuer über das Land aus: Nach Schätzungen von Unicef werden bald 60000 Simbabwer und Sim­­babwerinnen infiziert sein. Mehr als 2800 Menschen fielen der Seuche be­rei­ts zum Opfer, es könnten allerdings auch schon 3500 sein – so genau weiss das kei­­ner, weil die Gesundheitsversorgung des Landes zusammengebrochen ist und die meisten Kranken unregistriert in ih­ren Hütten sterben. Die grossen Spi­tä­ler Sim­babwes haben schon vor Monaten dichtgemacht und die Patienten – in wel­­­chem Zustand auch immer – nach Hause geschickt, weil kaum noch An­ge­stel­lte und keine Medikamente mehr vor­handen sind.

Das noch im Land verbliebene medizi­nische Personal, das in der Hauptstadt Ha­rare auf die Strasse ging, um ein Ge­halt zu fordern, von dem wenigstens die täg­liche Busfahrt zum Hospital und ei­n Sack Maismehl bezahlt werden können, wurde von der Polizei mit Knüp­peln zu­sammengeschlagen. Gesund­heits­minis­ter David Parirenyatwabe rief die Bevöl­ke­rung unterdessen dazu auf, ihre Ge­pflo­genheiten zu ändern und sich zum Gruss nicht mehr die Hand zu geben – mehr fällt den Regierenden in Sim­­babwe nicht mehr ein.
In den Townships von Harare, wo die Epi­demie begonnen hat, quillt unterdessen der Kot aus den berstenden Ab­fall­roh­ren. Schon seit zwei Jahren gibt es in den meisten Armenvierteln der Zwei­mil­lio­nenstadt kein fliessendes Wasser mehr. Im Township Mbare staut sich die Klo­ake zwischen Müllhalden und Markt­ständen, auf denen noch die eine oder andere Tomate angeboten wird. An den Wänden mehrstöckiger Appart­ment­häu­ser trieft das Abwasser herab und quillt in den Mukuvisi-Fluss, der einst die Stadt mit Trinkwasser versorgte.

Geschäft mit Wasser


Als den Stadtwerken auch noch die Che­mikalien zur Wasseraufbereitung aus­gingen, wur­de die Versorgung selbst in den Wohn­vier­teln der Reichen eingestellt. Wer über kein Bohrloch verfügt, ist seit­dem auf­geschmissen. Geschäfts­tüch­ti­ge wissen aus ihrem Bohrloch Gewinn wie aus ei­ner Ölquelle zu schlagen: Sie ver­kaufen die kostbare Flüssigkeit für 1 US-Dol­lar pro Liter – oder 5 Bil­lio­nen Dol­lar in der Landeswährung. Selbst Villenbewohner haben sich da­ran gewöhnt, das kostbare Nass erst zum Ba­den, dann zum Klei­der­waschen und schlies­slich in der Toi­letten­spülung zu ver­wenden: Wer zum Pinkeln nicht in den Garten geht, gilt als unanständig. Die einst parkähnlichen Garten­anla­gen vieler Vil­len verwandeln sich in kleine Bau­ern­höfe – mit Hüh­ner­stall und kleinem Maisfeld.

Gesprächsthema Num­mer eins bleibt in­des­sen das Geld. Nachdem die Zen­tral­bank im vergangenen Juli 10 Nullen von der Währung streichen liess, ist der sim­babwische Dollar inzwischen schon wie­der auf 5 Bil­lio­nen zum US-Dollar ge­stürzt – einschliesslich der 10 Nul­len wä­ren es heute 50 Trilliarden. Of­fi­ziell ist die Inflation bei 235 Mil­lio­nen Pro­zent an­gelangt, doch US-Wirt­schafts­wis­sen­schaf­t­ler Steve Han­ke will kürzlich ausgerechnet haben, dass es sich in Wahrheit um 650 Okt­de­zi­l­lionen Pro­zent (65 plus 107 Nullen) handelt: alle 24,7 Stunden verdoppelten sich in Sim­babwe die Preise. Damit hätte das Land der Weimarer Republik den welt­his­to­risch­en Infla­ti­ons­rekord mit grossem Ab­stand streitig gemacht. Zen­tral­bank­chef Gi­deon Gono lies un­ter­des­sen die ersten Noten der Welt­ge­schich­te mit 14 Nullen dru­cken und stellte ein von ihm ge­schrie­benes Buch mit dem Titel «Sim­ba­b­wes Kasino-Ökonomie» vor. Der Mann scheint im­mer­hin Humor zu ha­ben.

Unter solchen Umständen verwundert es nicht, dass die sogenannte Re­gie­rung zähneknirschend die harten Dol­lar­noten der verhassten Supermacht USA als Parallelwährung zulassen musste. In­zwischen nimmt fast jeder Supermarkt nur noch die Greenbacks entgegen, selbst der «Herald», das Propagandablatt Mu­­gabes, wechselt auf den Stras­sen von Ha­rare für 1 US-Dollar oder 10 süd­afrikanische Rand den Besitzer. Dieses Zugeständnis werde sich noch als eigentlicher Todesstoss des Regimes er­wei­sen, ist ein Diplomat überzeugt: So wür­den nämlich Begehr­lichkeiten ge­weckt, die sich bald auf höchst gewalttäti­ge Weise entladen könnten.

Sein eigener Job, die Verbindungen zur Regierung zu pflegen, ist nach den Worten des Diplomaten eigentlich obsolet geworden – allein schon, weil es eine Regierung im eigentlichen Sinn gar nicht mehr gibt. Ein simbabwischer Bekannter, der Erkundungen über seine Rente einholen wollte, fand sowohl im Erziehungs-, als auch im Finanz­minis­te­ri­um so gut wie keine Menschenseele mehr vor. Denn auch die öffentlichen Be­diens­te­ten können sich die Fahrt zum Ar­beits­platz längst nicht mehr leisten. Das US-Magazin «Foreign Policy» stufte Sim­ba­bwe in seiner jüngsten Hitliste der «ge­scheiterten Staaten» hinter Somalia und dem Sudan an dritter Stelle ein.

Nur die Geheimpolizei CIO funktioniert noch tadellos. Ende des Jahres wurden wieder zahllose Oppositions­mit­glie­der abgegriffen. Als Rechtsanwältin Bea­tri­ce Mtetwa einen gerichtlichen Eil­an­trag stellen wollte, um die Polizei zur Auf­klärung des Verbleibs ihrer entführten Kollegin Jestina Mukoko zu zwingen, konnte sie keinen Richter mehr ausfindig machen, der über ihren Antrag hätte befinden können. Vor diesem Hin­ter­grund ist verständlich, dass sich die ge­samte Oppositionsführung öfters im Aus­land als zu Hause aufhält, auch wenn diese Tatsache von der Bevöl­ke­rung mit Missmut aufgenommen wird. Prä­sident Morgan Tsvangirai, der bei je­der Reise auf das Wohlwollen seines Gast­­lands angewiesen ist, weil ihm die Be­hörden seines Landes keinen Pass aus­stellen, weilte über Monate im Nach­bars­taat Botswana, während sich sein Ge­­neralsekretär, Tendai Biti, in Aus­tra­lien aufhielt.

Eingeigelt


So hat Robert Mu­ga­be seinen Trüm­mer­staat immer wieder ganz für sich al­lein. Der zunehmend sku­­rrile Autokrat igelt sich im State House von Harare ein, das über Bohr­loch, Generatoren und Sa­tel­liten­schüs­seln verfügt, und macht das Aus­land für den erbärmlichen Zustand seines Lan­des verantwortlich.
Mit den San­ktionen, bei denen es sich in Wahr­heit lediglich um Reisebe­schrän­kungen für die Mu­gabe-Clique handelt, suche der Westen die stolzen Simbabwer in die Knie zu zwingen, wettert der 84-Jäh­rige: Die Europäer hätten sogar die Cholera ins Land gebracht, um einen Vorwand für eine militärische Inter­­vention zu finden. Längst habe die Regie­rung die Seu­che jedoch fest unter ihre Kontrolle ge­bracht, dekretiert der Präsident auf dem Höhe­punkt der Epidemie. Der nackte Kai­ser wähnt sich im Brokatgewand.

Erschienen in «amnesty - Magazin der Menschenrechte» vom Februar 2009
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion