Friedliche Demonstranten auf dem Tiananmen-Platz, Mai 1989 © 1989 Hei Han Khiang
Friedliche Demonstranten auf dem Tiananmen-Platz, Mai 1989 © 1989 Hei Han Khiang

China «Tiananmen-Mütter» fordern Gerechtigkeit

In der Nacht vom 3. auf den 4. Juni 1989 rückte die chinesische Armee mit Panzern in Peking ein und setzte auf dem Tiananmen-Platz der Demokratiebewegung ein gewaltsames Ende. Seit Jahren kämpfen die «Tiananmen-Mütter» für Aufklärung und Gerechtigkeit.

«Ein Mensch hat die Wahl zwischen verschiedenen Optionen. Ich habe mich dafür entschieden, den Tod zu dokumentieren», erklärte Ding Zilin, die Gründerin der «Tiananmen-Mütter», vor zehn Jahren.

Die 73-jährige einstige Professorin für Ästhetik hat in der Nacht zum 4. Juni 1989 ihren Sohn verloren, als die chinesischen Truppen die Demokratiebewegung blutig niederschlugen. Jiang Jiealian war gerade erst 17 Jahre alt, als er von den chinesischen Truppen erschossen wurde, die mit Panzern gegen die friedliche Menge von Studierenden und gegen die Zivilbevölkerung vorgingen, die seit Wochen auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking für politische und wirtschaftliche Reformen demonstrierten.

Licht ins Dunkel

Schon kurz nach den tragischen Ereignissen kam sie in Kontakt mit einer anderen Mutter, deren Sohn ebenfalls umgebracht worden war.

Weitere Begegnungen mit Verwandten von Opfern folgten und 1995 wurde die Bewegung der «Tiananmen-Mütter» gegründet. Eines der Ziele der Bewegung ist es, Licht ins Dunkel der Ereignisse vom 3./4. Juni 1989 zu bringen, das die chinesische Regierung nach wie vor totschweigt.

In akribischer Kleinarbeit haben sich die über 150 Angehörigen, die sich der Bewegung angeschlossen haben, auf die Suche nach Opfern und Verwandten gemacht. Bis heute haben sie über 194 Opfer identifizieren können. «Dies ist nur die Spitze des Eisbergs», betont Ding Zilin, die die Zahl aller Opfer des 4. Juni auf über 1000 schätzt.

Die Bewegung fordert von der chinesischen Führung, dass die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden. Die «Tiananmen-Mütter» haben humanitäre Hilfsgüter für die Familien der Opfer bereitgestellt. In Petitionen fordern sie, dass die betroffenen Familien endlich die Möglichkeit erhalten, öffentlich zu trauern.

Hoher Preis

Für ihr Engagement bezahlen die Mitglieder der Bewegung einen hohen Preis: Ding Zilin und andere Mütter wurden bereits mehrmals inhaftiert. Die Mitglieder der Bewegung werden regelmässig vor dem Jahrestag unter Hausarrest oder Überwachung gestellt.

Von solchen Druckversuchen lassen sie sich nicht einschüchtern. Sie verlangen, dass die Verfolgung der Familien der Opfer endlich beendet wird und alle, die 1989 inhaftiert worden sind, freigelassen werden.

Amnesty International geht davon aus, dass noch immer Dutzende von damals verhafteten Personen im Gefängnis sind.

19 der Frauen, die den ersten Protestbrief 1995 unterzeichnet haben, sind bereits gestorben. Der Ruf nach Gerechtigkeit zum 20. Jahrestag des Massakers auf dem Platz des Himmlischen Friedens ist eindringlich. Es ist höchste Zeit, dass eine umfangreiche öffentliche Untersuchung der Ereignisse des 4. Juni 1989 eingeleitet wird und Opfer und Angehörige Wiedergutmachung erhalten.

Erschienen in «AMNESTY - Magazin der Menschenrechte» vom Mai 2009
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion