In «Birdwatchers» prallen verschiedene Lebensweisen aufeinander © ZVG
In «Birdwatchers» prallen verschiedene Lebensweisen aufeinander © ZVG

Film Land bedeutet Leben

Lebensentscheidender Streit um Land: Der Spielfim «Birdwatchers» zeigt den Konflikt zwischen der indigenen Bevölkerung und den Grossgrundbesitzern im brasilianischen Regenwald.

Im Mato Grosso do Sul, dem einst riesigen Urwaldgebiet in Brasilien, führt Regisseur Marco Bechis zwei verschiedene Welten zusammen: Da ist einerseits die indigene Gemeinschaft der Guarani-Kaiowá und anderseits die Siedlerfamilie mit ihrem Grossgrundbesitz. Zu sehen ist in diesem sehr menschennahen Film, was es heisst, im eigenen Land unerwünscht zu sein; was es bedeutet, zur Urbevölkerung zu gehören – schlicht, was Trostlosigkeit bedeuten kann. Markanten Anteil daran haben die Hauptdarsteller und Hauptdarstellerinnen: Die Rolle der Guarani-Kaiowá-Gemeinschaft übernahm eine Gruppe aus dem Südwesten Brasiliens gleich selbst.

Schauplatz des am Filmfestival in Venedig gezeigten Filmes von Marco Bechis ist der brasilianische Bundesstaat Mato Grosso do Sul, welcher an der Grenze zu Bolivien und Paraguay liegt. Eine kleine Gruppe der Guarani-Kaiowá-Gemeinschaft verlässt nach dem Selbstmord zweier Teenager das Reservat. Sie lässt sich am Rande des Ackers eines Grossgrundbesitzers nieder. Das Stück Land hat die indigene Gemeinschaft zuvor, als es noch Urwald war, schon einmal bewohnt. Der Grossgrundbesitzer versucht sie zu vertreiben, was sich jedoch als nicht so ganz einfach erweist.

Die Beziehung zwischen den beiden Parteien ist vorbelastet; schon viel ist passiert. So wenig sie sich über den Weg trauen, so schlecht ist auch die Kommunikation zwischen ihnen. Sie sind anders, also können sie nicht Freunde sein.

Realer als die Realität

Einzig die Bekanntschaft der Farmertochter Maria mit dem jungen Indigenen Ireneu lässt das Publikum für einen kurzen, schönen Augenblick von einem Leben träumen, in dem die Urbevölkerung und die Grossgrundbesitzer Seite an Seite glücklich zusammenleben. Doch schon bald lebt man wieder in der Realität.

«Birdwatchers» ist zwar ein Spielfilm, was jedoch nicht bedeutet, dass auch kürzere Szenen einer realen Grundlage entbehren. Dass zum Beispiel einige Teenager aus der indigenen Gemeinschaft Suizid begehen, ist nicht etwa als Allegorie für ihre aussichtslose Situation gedacht, sondern ist in Guarani-Kaiowá-Gruppen zur traurigen Realität geworden.

Die Sprache der Bilder

Die Art und Weise der Kameraführung und die oft schlicht und nüchtern gestalteten Szenen geben dem Publikum die Möglichkeit, die Thematik schon in den Bildern selbst zu lesen. Wenn die Kamera den saftig-grünen Wald zeigt und das Ackerland daneben mit einem einzelnen Baum mitten im Feld, spürt man gleich, wo die Auseinandersetzung ihren Ursprung findet. Der Wald, Lebensraum der indigenen Gemeinschaft, der Acker, Arbeitsplatz und Einkommensquelle der Grossgrundbesitzer.

Durch die oft lange gleichbleibenden Kameraeinstellungen kommt das Publikum den Guarani-Kaiowá sehr nahe. Dies sagt wohl auch etwas über die Nähe von Marco Bechis zur indigenen Bevölkerung aus. Auf welcher Seite er steht, wird schon durch den auf Italienisch gewählten Titel «La terra degli uomini rossi», «Die Erde der roten Menschen», klar. Darum spielen die Guarani-Kaiowá ihre Rolle auch gleich selbst. Die Rollen der Grossgrundbesitzer dagegen sind mit professionellen Schauspielern besetzt.

Die Reise von Marco Bechis

Zufall ist es jedenfalls nicht, dass Marco Bechis für die Indigenen mehr Zeit und Mitgefühl übrig hat als für die Grossgrundbesitzer. Geboren 1955 in Santiago de Chile, siedelte Marco Bechis später mit seiner Familie nach Argentinien um. Unter Jorge Rafael Videlas Militärdiktatur kam er in Haft und in ein Folterlager. Auf Druck seiner Eltern wurde er zehn Tage später in ein normales Gefängnis überstellt und emigrierte drei Monate später nach Italien. Darauf folgten lange Aufenthalte in New York, Los Angeles and Paris. Mit seinem Freund und Mentor Enrique Ahriman sprach er 2002 in Buenos Aires bei vielen Gelegenheiten über die Eroberung Amerikas, die Bechis als «einen der grössten Völkermorde der Menschheitsgeschichte» bezeichnet. Im darauf folgenden Jahr führte ihn eine lange Reise zum ersten Kontakt mit der indigenen Bevölkerung Südamerikas. Er verfolgte die Survival-Kampagnen zur Unterstützung der indigenen Gruppen und erfuhr im Laufe der Zeit von der Selbsttötung der jungen Guarani-Kaiowá und vom Kampf zur Zurückgewinnung ihres Landes.

Für Marco Bechis war die Sache klar: Mit Laptop, einer 35-mm-Kamera und Kassettenrekorder machte er sich auf den Weg nach Dourados. Dort ging es mit dem Menschenrechtsanwalt Nereu Schneider weiter zu der indigenen Gemeinschaft von Ambrosio Vilhalva. Ereignisse aus dessen Lebensgeschichte bildeten eine wichtige Inspirationsquelle für das Drehbuch. Ambrosio Vilhalva spielte später die Hauptrolle in «Birdwatchers».

Bechis’ Erkundungsreise resultierte in einem aufrüttelnden Film über das Schicksal der Guarani-Kaiowá-Gemeinschaft zwischen Tradition und Hoffnungslosigkeit.

Erschienen in «AMNESTY - Magazin der Menschenrechte» vom Mai 2009
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion