Frauen trauern um ihre Angehörige © AI
Frauen trauern um ihre Angehörige © AI

Irak Gefangen in der Gewalt

Erschienen in «AMNESTY - Magazin der Menschenrechte» vom Mai 2009 Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion
Obwohl sich die politische Lage in den letzten Jahren stabilisiert hat, sind Frauen im Irak zunehmend gewalttätigen Übergriffen ausgesetzt. Traditionelle Moralvorstellungen und diskriminierende Gesetze tragen dazu bei.

Der Tatort: Basra, im Südosten des Irak. Das Opfer: die 17-jährige Rand ‘Abd al Qader. Die junge Frau wurde von ihrem Vater ermordet, weil sie sich mit einem britischen Soldaten angefreundet hatte. Ihre beiden Brüder haben bei der Tat geholfen.

Das war am 16. März 2008. Leila Hussein, die Mutter von Rand ‘Abd al Qader, verliess daraufhin ihren Ehemann und zeigte ihn wegen des Mordes an der Tochter an. Zwei Monate später wurde sie auf offener Strasse erschossen.

Einzelfälle? Ein im März dieses Jahres veröffentlichter Bericht von Amnesty International (AI) zeigt ein ganz anderes Bild: «Irakische Frauen und Mädchen sind systematischer Gewalt ausgesetzt.» Obwohl sich die politische Lage im Land stabilisiert habe, sei das Mass an Gewalt gegen Frauen weiterhin hoch, stellt AI im Bericht «Trapped by Violence – Women in Iraq» («Gefangen in der Gewalt – Frauen im Irak») fest. Auch im autonomen Nordirak hat sich die Situation nicht entschärft. Die kurdische Regionalregierung spricht allein für den Zeitraum zwischen Juli 2007 und Juli 2008 von 102 ermordeten Frauen.

Einschüchterung

Die Hintergründe für die Aggressionen sind vielfältig: Irakerinnen und Kurdinnen werden vom Vater oder Bruder angegriffen, weil sie sich einer Zwangsheirat entziehen oder einen von der Familie nicht akzeptierten Mann heiraten wollen.

Bewaffnete islamistische Gruppen gehen gegen Frauen vor, die ihnen als Politikerinnen, Journalistinnen, Feministinnen oder Andersgläubige ein Dorn im Auge sind. «Zudem werden Frauen an schiitischen oder sunnitischen Kontrollstellen eingeschüchtert und schikaniert, weil sie die strenge Kleiderordnung missachten oder alleine ein Auto fahren», heisst es im AI-Bericht.

Nur in den wenigsten Fällen werden die Täter strafrechtlich verfolgt. Auch die Mörder von Rand ‘Abd al Qader und Leila Hussein sind auf freiem Fuss. Die Polizeibeamten zeigten Verständnis für die Tat des Vaters und liessen den Mann nach einem zweistündigen Verhör wieder laufen. Doch nicht nur solche islamisch geprägte Männerkumpanei ist für die Straffreiheit verantwortlich.

Bis heute sieht das irakische Gesetzbuch keine harten Konsequenzen für die Mörder vor, wenn diese «ehrenhafte Motive» als Argument zur Verteidigung vorbringen können. Den Tätern droht dann eine Gefängnisstrafe von sechs Monaten. Ehemänner dürfen sogar explizit zuschlagen, wenn es gilt, «die Ehefrauen zu disziplinieren».

Protest im Nordirak

Immerhin: Die Regionalregierung im kurdischen Nordirak hat die Klausel «ehrenhafte Motive» seit 2002 aus ihrem Gesetzbuch gestrichen.

Frauenrechtlerinnen kämpfen aber auch dort weiterhin gegen das konservative Familienrecht. Lokale Organisationen gingen etwa am vergangenen 25. November, dem Tag gegen Gewalt an Frauen, auf die Strasse und forderten ein Verbot von Zwangsehen und Polygamie.

Die Forderungen von AI sind klar: Alle Gesetze, die Frauen diskriminieren, müssen abgeschafft und Gewalttaten konsequent verfolgt werden. Durch ihren schlechten Zugang zu Ausbildung und Arbeitsmarkt seien Irakerinnen besonders gefährdet, Opfer männlicher Aggression zu werden.

Die Menschenrechtsorganisation fordert deshalb konkrete Massnahmen, die Frauen Bildung und Arbeit garantieren. Dafür muss jedoch auch die Regierung in Bagdad neue Wege gehen. Ihr Ressort habe keine Mittel und keine Macht gehabt, erklärte Nawal al Samarrai, nachdem sie im Februar resigniert als Frauenministerin zurücktrat. «Ich war überzeugt, die Bedingungen der Frauen verbessern zu können, aber ich bin gegen Mauern angerannt.»


Die Berichte «Trapped by Violence – Women in Iraq» und «Hope and Fear – Human Rights in the Kurdistan Region of Iraq» finden Sie auf www.amnesty.org.