Hollman Morris (rechts) scheut nicht davor zurück, unbequeme Fragen zu stellen. © ZVG
Hollman Morris (rechts) scheut nicht davor zurück, unbequeme Fragen zu stellen. © ZVG

Film Kritische Stimmen unter Druck

Der Journalist Hollman Morris berichtet in seiner TV-Sendung über die Opfer des bewaffneten Konflikts in Kolumbien. Er ist selbst Drohungen ausgesetzt. Der Dokumentarfilm «Témoin indésirable» begleitet Morris bei der Suche nach der Wahrheit.

«amnesty»: Unter welchen Bedingungen arbeiten Medienschaffende in Kolumbien?
Hollman Morris: Sie sind aufgrund des Konflikts und der bewaffneten illegalen Gruppen unter grossem Druck. Zu betonen ist, dass die Regierung unter Präsident Uribe zu diesem Druck beiträgt.

Kann man von Zensur sprechen?
Es gibt keine offizielle Zensur. Es handelt sich um viel subtilere Mechanismen: So gehören die beiden grössten TV-Ketten den beiden wichtigsten Unternehmensgruppen des Landes, nämlich Ardila Lülle und Santo Domingo. Deshalb wagen die Medien nicht, gewisse Themen anzuschneiden.

Welche Themen sind das?
All jene, die auf irgendeine Weise die wirtschaftlichen Interessen dieser Unternehmen tangieren könnten, zum Beispiel das Thema Korruption.

Ein anderes Problem ist der Umstand, dass die Regierung Uribe den Journalisten und Journalistinnen vorwirft, Verbündete der Guerilla zu sein.

So brandmarken sie all jene, die nicht die offiziellen Ansichten der Regierung übernehmen. Gleich funktioniert es auch in anderen Bereichen der Gesellschaft.

Die Leute haben Angst vor sozialen Repressionen, falls sie offen ihre Meinung sagen würden. Deshalb zensurieren sie sich selbst.

Sie wurden selbst oft bedroht?
In den vergangenen zehn Jahren habe ich mit konstanter Bedrohung gelebt. Im Mai 2005 hat jemand einen Grabkranz vor meiner Tür abgelegt. Einen Monat später hat mir der Präsident vorgeworfen, dass ich Verbindungen zur Guerilla hätte. Er hat das auf allen Radiokanälen verbreitet, bevor er es dann widerrufen hat, aber da war der Schaden schon geschehen. Ich denke, dass er mich für einen persönlichen Feind hält.

Wie berichten die Medien über den Konflikt?

Man kann die Berichterstattung nicht über einen Kamm scheren. Manche Zeitungen kämpfen hart dafür, dass die Verbindungen zwischen der Regierung und den Paramilitärs ans Licht der Öffentlichkeit kommen.

Die Haltung des Fernsehens ist dagegen besorgniserregender; die Sender begnügen sich mit der offiziellen Version. Das ist bedenklich, denn das Fernsehen hat am meisten Einfluss auf die öffentliche Meinung. Die kolumbianische Bevölkerung hat nicht genügend Informationen, um den Konflikt zu verstehen.

Wie war es Ihnen möglich, Ihre Sendung «Contravía» vor der Absetzung zu bewahren?
Es gab Unterbrüche. Die Ausstrahlung ist dauernd in Gefahr. Wir erhalten keinerlei nationale Finanzierung. Nur dank der Unterstützung von internationalen NGOs, der Europäischen Union und manchen Botschaften konnten wir die Sendung aufrechterhalten.

Organisationen wie Amnesty International und Human Rights Watch haben einen grossen Einfluss auf alle jene, die daran glauben, dass Kolumbien erst demokratisch ist, wenn die Menschenrechte wirklich eingehalten werden.

«Témoin indésirable»

Der Film stammt vom kolumbianisch-schweizerischen Regisseur Juan José Lozano, der in Genf zu Hause ist. Er hat Hollmann während der Dreharbeiten für dessen Sendung in die abgelegensten Gebiete Kolumbiens begleitet.

Der Dokumentarfilm zeigt eindrücklich, unter welchem Druck der Journalist in seiner täglichen Arbeit und seiner Suche nach der Wahrheit steht. «Témoin indésirable» feierte im April 2008 am Dokumentarfilmfestival Visions du Réel in Nyon Premiere und wurde am Festival von Locarno sehr gut aufgenommen.

«Témoin indésirable» läuft ab Juni 2009 in Bern, Luzern, Basel und Zürich.

Erschienen in «AMNESTY - Magazin der Menschenrechte» vom Mai 2009
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion