Prekäre Verhältnisse in einem Slum in Nigeria © Amnesty International
Prekäre Verhältnisse in einem Slum in Nigeria © Amnesty International

Für ein Leben in Würde Armut ist mehr als Mangel an Geld

Mit ihrer neuen Kampagne «Für ein Leben in Würde» will Amnesty International denjenigen eine Stimme geben, die unter Mangel und Entbehrung leiden. Gemeinsam mit den Betroffenen wehrt sich Amnesty International gegen Menschenrechtsverletzungen, die Menschen in der Armut gefangen halten.

«Armut ist viel tiefgreifender, umfassender und heimtückischer als der blosse Mangel an Geld», erklärt Michael Nyangi: «Sie bedeutet nicht nur das Fehlen von medizinischer Versorgung oder von Nahrung, Armut ist eine schwere Verletzung der menschlichen Würde.» Nyangi weiss, wovon er spricht. Er lebt in Kibera, dem grössten Slum der kenianischen Hauptstadt Nairobi. Er hat dort eine Organisation für Mikrokredite aufgebaut.

Rund 1,5 Milliarden Menschen leben gemäss Weltbankstatistiken in absoluter Armut, fast die Hälfte der Weltbevölkerung muss mit weniger als zwei Dollar pro Tag auskommen. Doch Armut besteht nicht nur aus Mangel an Nahrungsmitteln, an Arbeit, an sauberem Wasser oder an Land und Wohnraum. Sie drückt sich auch in wachsender Ungleichheit und Unsicherheit aus, in zunehmender Gewalt und Repression, in Fremdenfeindlichkeit und Rassismus. «Milliarden Menschen leiden unter unsicheren, ungerechten und unwürdigen Lebensverhältnissen», betont Irene Khan, die Generalsekretärin von Amnesty International, «das ist ohne Zweifel eine Menschenrechtskrise.»

Ausgeschlossen

Mit der neuen Kampagne «Für ein Leben in Würde» will Amnesty International denjenigen eine Stimme geben, die unter Mangel und Entbehrung leiden. «Von Armut betroffene Menschen können sich häufig kein Gehör verschaffen, weil ihnen kein Raum dafür gegeben wird», sagt David Petrasek, Menschenrechtsspezialist und Mitautor des Buches «The Unheard Truth – Poverty and Human Rights» von Irene Khan, das im Herbst erscheinen wird. Vier Milliarden Menschen – die Mehrheit der Weltbevölkerung – sind gemäss der Uno-Kommission zur Stärkung der durchsetzbaren Rechte von Armen von rechtstaatlichen Mitteln ausgeschlossen.

«Konkret bedeutet das beispielsweise», erläutert Petrasek, «dass Leute keine Landrechte eintragen lassen können oder keine Geburtsurkunden erhalten». 70 Prozent der Kinder in den am wenigsten entwickelten Ländern der Welt besitzen keinen Nachweis dafür, dass sie je geboren wurden, geschweige denn existieren. Das erschwert ihnen den Zugang zu medizinischer Versorgung und zu Bildung und hindert sie daran, am politischen, wirtschaftlichen und sozialen Leben teilzunehmen.

«Zurück zu den Wurzeln»

In Kibera gebe es gerade mal einen Polizeiposten, drei öffentliche Schulen und einige wenige Gesundheitszentren – und das für mehr als eine Million Menschen, führt Nyangi vor Augen, was das bedeuten kann. Die meisten Jugendlichen in Kibera können wegen der Armut keine Schule besuchen. «Das ist eine Menschenrechtsverletzung», stellt der 29-jährige Mikrokreditunternehmer klar, «jedes Kind hat das Recht, zur Schule zu gehen.»

«In früheren Kampagnen haben wir uns für gewaltlose politische Gefangene engagiert. Mit der neuen Kampagne setzen wir uns für die ‹Gefangenen der Armut› ein», sagt Khan. «Menschenrechtsverletzungen in Bereichen, in denen sich Amnesty International seit Langem engagiert – Todesstrafe, Asyl und Migration, Verschwindenlassen, Gewalt gegen Frauen –, treffen die Ärmsten am stärksten», ergänzt Petrasek. Noch bedeutender sei, dass Menschenrechtsverletzungen die Menschen in der Armut gefangen halten. «So gesehen, gehen wir wirklich zu den Wurzeln unserer Arbeit zurück», betont der Menschenrechtsspezialist, der mehrere Jahre für Amnesty International gearbeitet hat.

Unternehmensverantwortung

In Nigeria wurden 1995 der Schriftsteller Ken Saro-Wiwa und acht weitere Mitglieder der Bewegung für das Überleben des Ogoni-Volkes nach einem willkürlichen Prozess durch das Militärregime hingerichtet, weil sie sich gegen die Zerstörung ihrer Lebensgrundlagen im Nigerdelta durch den Erdölkonzern Shell gewehrt hatten. Erdölfirmen und andere Grossunternehmen im Rohstoff- und Energiebereich begehen häufig gravierende Menschenrechtsverletzungen und verschmutzen die Umwelt. Von den immensen Investitionen und Gewinnen profitiert die betroffene Bevölkerung aber kaum. Zahlreiche der Länder mit den reichsten Bodenschätzen gehören gleichzeitig zu den ärmsten der Welt: Äquatorialguinea ist der drittgrösste Erdölproduzent Afrikas. «Aber das Geld aus der Erdölförderung bleibt nicht im Land», kritisiert David Petrasek. «Die Armut im Land ist riesig, aber das Geld fliesst in die Kassen der Ölfirmen in unseren Ländern.»

Amnesty International wird im Rahmen der neuen Kampagne Grossunternehmen auffordern, ihre Verantwortung wahrzunehmen und die Rechte der von Armut Betroffenen einzuhalten. «Wir müssen Druck auf Ölgesellschaften und Regierungen ausüben, damit es keine rechtlosen Staaten mehr gibt, in denen Unternehmen schalten und walten können, wie sie wollen», fordert Petrasek.

Müttersterblichkeit

Zu denjenigen, die von Armut am stärksten betroffen sind, gehören die Frauen. Jedes Jahr sterben mehr als eine halbe Million Frauen an den Folgen einer Schwangerschaft oder bei der Geburt ihres Kindes. «Das ist zum einen ein Problem der medizinischen Versorgung», sagt Petrasek, «aber es ist auch ein Problem über die Macht, beziehungsweise Ohnmacht der Frauen.» Häufig wird ihnen ihr Recht auf Selbstbestimmung über ihren eigenen Körper verwehrt. Frauen steht das Recht zu, selbst zu bestimmen, ob sie schwanger werden wollen, aber oft wird ihnen der Zugang zu Verhütungsmitteln oder zur Familienplanung aus kulturellen oder sozialen Gründen verweigert. Amnesty International wird sich für eine Verbesserung der Gesundheitsversorgung und gegen Menschenrechtsverletzungen wie Genitalverstümmelung einsetzen.

Ein zentraler Punkt der Kampagne «Für ein Leben in Würde» ist die Verbesserung der Lebenssituation von Menschen, die in einem der über 200000 Armenviertel dieser Welt leben müssen. Sie sind das Zuhause für über eine Milliarde Menschen auf allen Kontinenten. Weil immer mehr Menschen in ländlichen Gegenden kein genügendes Einkommen für die Versorgung ihrer Familien erarbeiten können, geht die Landflucht ungebremst weiter: Einzelne Prognosen gehen davon aus, dass 2030 bereits zwei Milliarden Menschen in Slums leben werden.

In den Metropolen vieler Länder, vom kambodschanischen Phnom Penh über das angolanische Luanda bis ins brasilianische Rio de Janeiro, werden Hunderttausende von Menschen aus ihren Unterkünften vertrieben, weil der Boden für ausländische Investoren oder Stadtentwicklungsprojekte gebraucht wird. Häufig erhalten die Vertriebenen weder eine Entschädigung noch neue Unterkünfte, in denen sie leben können. Sie brauchen Unterstützung, damit sie sich für ihre Rechte zur Wehr setzen können.

Betroffene einbeziehen

Zentral an der Kampagne von Amnesty International ist der Einbezug der Betroffenen: «Wir werden den Menschen, die in Armut leben, eine Stimme geben», betont Khan. Es gebe sehr viele Möglichkeiten, die Armut in Slums wie Kibera zu bekämpfen, erklärt Petrasek, aber eines sei ganz wesentlich: «Es gibt keine Lösung, solange die Menschen von Kibera nicht aktiv an den Entscheidungen beteiligt werden, die ihr Leben betreffen.»


Erschienen in «AMNESTY - Magazin der Menschenrechte» von September 2009
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion