Flüchtlinge in einem Boot vor Teneriffa ©  UNHCR / A. Rodríguez
Flüchtlinge in einem Boot vor Teneriffa © UNHCR / A. Rodríguez

Buch Diskrepanz zwischen Hoffnung und Alltag

«Europa ist dabei, eine Festung gegen Einwanderung zu bauen», schreibt Corinna Milborn in ihrem Buch «Gestürmte Festung Europa»: an den Aussengrenzen mit Mauern und Stacheldraht, im Inneren durch unsichtbare Barrieren, die die Spaltung der Gesellschaft vorantreiben.

Es gibt viele Gründe, nach Europa zu gehen: Europa verspricht Arbeit und Einkommen, den lange ersehnten Ausweg aus der Armut. Europa verspricht Zukunft. Doch der Weg dorthin ist für Aussenstehende lang und beschwerlich, und er wird immer steiniger, wie Corinna Milborn in ihrem Schwarzbuch «Gestürmte Festung Europa» beschreibt.

Diese Festung verfügt nicht nur über schwer bewachte Aussengrenzen, sondern auch über unsichtbare Mauern in ihrem Innern: gesellschaftliche, politische und juristische Mauern, die es Einwanderern schwer machen, einen Platz in der europäischen Gesellschaft zu finden. Dazu gehören immer strengere Asylgesetze, die Diskriminierung bei der Arbeitssuche, aber auch Rassismus.

Wer sind die Menschen, die eine oft Jahre dauernde und äusserst riskante Reise auf sich nehmen, um in Europa Geld zu verdienen? Was bleibt von Europas Verheissungen für die Einwanderer wirklich übrig?

«Keine Wahl»

Milborns Schwarzbuch ist eine Sammlung von Einzelschicksalen, die sich schrittweise zu einem Gesamtbild zusammenfügen. Um diese Schicksale zu dokumentieren, hat sich die österreichische Autorin an die Schauplätze der Migration begeben.

Da ist der Grenzzaun von Ceuta, einer spanischen Enklave in Marokko, welcher Flüchtlinge vom Übertritt nach Europa abhalten soll. Für viele ist er die vorläufige Endstation einer langen Odyssee. Wer ihn nach mehreren Versuchen doch überwindet, versucht, sich in Ceuta als Illegaler durchzuschlagen, und wartet auf eine Gelegenheit, aufs europäische Festland überzusetzen.

«Wir gehen ja nicht weg, weil wir abenteuerlustig sind, sondern weil wir keine Wahl haben. Wir werden auf jeden Fall gehen und wir sind auch bereit zu sterben», erklärt Moussa, ein Flüchtling aus Burkina Faso. Aus den Geschichten, die Milborn aufgezeichnet hat, wird vor allem eines klar: Diejenigen, welche sich nach Europa aufmachen, tun dies nicht nur, um sich selbst ein besseres Leben zu schaffen, sondern meist im Interesse einer Familie oder einer ganzen Sippe.

«Mein ganzes Dorf hat gesammelt», erzählt Ismail, ein Illegaler, den Milborn in Spanien trifft. «Irgendwann muss ich mehr Geld verdienen und mehr nach Hause schicken.» Ismail arbeitet auf einer Gemüseplantage in der Nähe von Almería in Südspanien. Die Unterkünfte sind improvisiert, die Arbeitsbedingungen prekär.

Widersprüchlicher Umgang

Die Gemüseplantagen von Almería und ihre Arbeiter sind zum Sinnbild für Europas widersprüchlichen Umgang mit der Einwanderung geworden. Dazu Milborn: «Jeder weiss, dass sie da sind – ohne sie könnte die industrialisierte europäische Landwirtschaft nicht zu solchen Preisen produzieren –, aber keiner will sie sehen.»

Die Landarbeiter von Almería haben es zwar in die Festung hineingeschafft, sind aber doch «draussen geblieben». Dabei nütze die Migration Europa, so Milborns These. Ganze Branchen würden von der Arbeit illegal Anwesender abhängen, weshalb es sich Europa gar nicht leisten könne, alle Illegalen abzuschieben. Denn die Vorteile für die Wirtschaft sind offensichtlich: Illegale Arbeitskräfte können sich nicht gegen Billiglöhne und schlechte Arbeitsbedingungen auflehnen, und wenn sie es doch tun, braucht es für ihre Entlassung nicht einmal ein Papier. «Sollen wir etwa zur Polizei gehen?», fragt Landarbeiter Samba aus Mali. «Das brächte uns nur Probleme – es gibt uns offiziell ja gar nicht.»

Die Reportagen Milborns zeigen die Diskrepanz zwischen den Hoffnungen, die in Europa gesetzt werden, und dem oft traurigen Alltag der Eingewanderten. Die Schilderungen vom Lagerfeuer inmitten der Gemüseplantagen sind besonders eindrücklich: «Ismael spielt leise auf einer kleinen Trommel [...]. Es könnte eine Szene in Mali sein. Doch in Mali sind die Häuser besser und die Gesichter nicht so angespannt.»

Perspektivlosigkeit

Im zweiten Teil des Buches berichtet Milborn über Menschen, die zwar offiziell als Franzosen oder Briten gelten, die aber keinen Platz in ihrer Gesellschaft gefunden haben: die Jugendlichen aus Einwandererfamilien in den Vorstädten von Paris und London. Milborn trifft sie in ihren Milieus, zwischen grauen Wohnblocks, und sucht nach Erklärungen für die immer wiederkehrenden Jugendkrawalle.

Die Haltungen, die bei den Gesprächen mit den Jugendlichen zum Ausdruck kommen, stimmen nachdenklich. Die Perspektivlosigkeit dominiert. Dazu Mohammed: «Mit Somalia habe ich noch weniger zu tun als mit London. Für uns ist kein Platz auf dieser Welt.» Misstrauen und Aggression gegen alles Staatliche machen sich breit und radikales Gedankengut findet fruchtbaren Boden.

Corinna Milborn warnt vor einer «gespaltenen Gesellschaft». Der Mauerbau führe dazu, dass Europa seine eigenen Grundwerte, etwa die der Gleichheit und des Respekts, verrate. Die systematische Abweisung von Menschen an den Grenzen stelle einen Bruch mit den Genfer Konventionen dar. Diese Entwicklung birgt Zündstoff. Als Ausweg aus dem Dilemma sieht Milborn nur eines: einen «radikalen Bewusstseinswandel in der Gesellschaft». Statt Segregation müsse Gemischtheit angestrebt werden. «Gestürmte Festung Europa» ist ein berührendes Buch, das auf mutigen Recherchen basiert.

 

Corinna Milborn: Gestürmte Festung Europa. Einwanderung zwischen Stacheldraht und Ghetto – Das Schwarzbuch.
Taschenbuch: Fischer, Frankfurt 2009, ca. Fr. 18.60. Gebunden: Styria, 2006, ca. Fr. 34.90.

 

Erschienen in «AMNESTY - Magazin der Menschenrechte» von September 2009
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion