Für ein Leben in Würde Ein Leben ohne Adresse

Die Geschichte von Ivaneti de Araújo ist filmreif. Vor elf Jahren lebte sie gemeinsam mit ihren zwei kleinen Töchtern auf den Strassen São Paulos. Heute ist sie Koordinatorin einer Obdachlosenbewegung, verhandelt mit den Behörden und vertritt ihre Anliegen vor der Uno.

Ivaneti de Araújo © Claudio Protopapa Ivaneti de Araújo © Claudio Protopapa

Ivaneti de Araújo kam als junge Frau vom Lande nach São Paulo. Ihren kleinen Sohn musste sie bei der Mutter zurücklassen. Luxuriös war das Leben nicht, doch gemeinsam mit ihrem Mann und den zwei kleinen Töchtern hatte sie immerhin ein Dach über dem Kopf. Dagegen reichte das Geld nicht immer für Essen. Als ihr Partner seine Stelle verlor, wurde die kleine Familie vor die Tür gesetzt. Sie wohnten unter einer Brücke und schlugen sich irgendwie durch. Eine  furchtbare Zeit. «Ohne Dach über dem Kopf bist du niemand», sagt die heute 37-Jährige. «Du hast kein Anrecht auf Arbeit, Ausbildung, Gesundheit. Ohne Adresse bist du eine randständige Person. Du hast keine Privatsphäre, nicht mal die Möglichkeit, eine Tür oder ein Fenster zu schliessen.» Ständig sorgte sie sich um ihre kleinen Kinder und sah keine Möglichkeit, diese richtig zu schützen.

Die Bewegung

Die Wende kam in Form einer Mitgliedschaftskarte: Eines Tages brachte ihr Partner einen solchen Ausweis einer Obdachlosenorganisation heim und sagte: «So, damit werden wir unser eigenes Haus haben.» Der Plan war, ein altes, verlassenes Spital zu besetzen, das 17 Jahre lang leer gestanden hatte. Die junge Mutter war zuerst gar nicht angetan von dieser Aussicht und befürchtete, sich mit einer Krankheit anzustecken. Ihr Partner schüttelte sie und sagte: «Wenn ich jetzt zurück auf die Strasse muss, dann fange ich an zu stehlen!» So kam die Familie bei der Bewegung an, die für Ivaneti de Araújo die Rettung bedeutete. Elf Jahre ist dieser Moment her, doch die Erinnerung ist wach und schwer wie am ersten Tag: «Allein wäre ich sicher nicht aus der Obdachlosigkeit herausgekommen», sagt sie, und plötzlich fliessen ihr Tränen über die Wangen. «Ich wäre wahrscheinlich nicht hier.»

In dem besetzten Haus erlebte die junge Frau, dass viele Menschen ihr Schicksal teilten. Gemeinsam stellten sie das Nötigste in Stand. Doch eines Tages sagte jemand: «Morgen gibt es kein Mittagessen.» Alle Lebensmittel waren aufgebraucht. Ivaneti de Araújo schlug vor, dass einige Frauen gemeinsam von Haus zu Haus ziehen und um Essen bitten sollten. Der Plan funktionierte: «An dem Tag hatten wir das beste Mittagessen überhaupt!»

Kurz danach fragte sie die Koordinatorin der Obdachlosenbewegung Movimento Sem-Teto do Centro an, ob sie mitarbeiten wolle. «Aber ich wusste nicht, wie das gehen soll. Ich bin nur bis zur fünften Klasse zur Schule gegangen.» Nach und nach wuchs sie in ihre Aufgaben hinein, wurde   erst zur Sekretärin der Koordination gewählt, dann zur Vizekoordinatorin und schliesslich zur Hauptkoordinatorin. Dann folgte die Wahl zur Beauftragten für Wohnfragen auf städtischer Ebene. «Es ist ein unbezahltes Amt, aber ich kann an den Diskussionen teilnehmen bei allem, was Wohnpolitik oder Stadtplanung betrifft», sagt die ehemalige Obdachlose.

Leere Wohnungen

Leicht machen es die Behörden der Aktivistin allerdings trotz diesem demokratisch bestätigten Amt nicht: «Der politische Wille, die Lage der Obdachlosen zu verbessern, fehlt völlig.» Zwar habe der brasilianische Präsident Lula da Silva gute Absichten gezeigt und Programme für die Obdachlosen gestartet. «Aber das Geld kommt bei den Betroffenen nicht an», erklärt die Koordinatorin. Die lokalen Behörden schicken stattdessen eher die Polizei vorbei. Wer obdachlos ist oder sich für die Rechte dieser Menschen einsetzt, muss stets mit Repressionen rechnen. Auch Ivaneti de Araújo wurde schon Opfer gewalttätiger Übergriffe.

Davon lassen sich die AktivistInnen nicht abschrecken. «Wir fordern nur unser Recht ein», sagt Ivaneti de Araújo. «Die Verfassung Brasiliens besagt, dass Wohnraum ein Grundrecht ist. Dennoch gibt es in der 22-Millionen-Stadt São Paulo rund 7 Millionen Obdachlose oder Personen, die in den Favelas in sehr prekären Verhältnissen wohnen. Und das, obwohl im Zentrum von São Paulo 450000 Wohnungen leer stehen.» Movimento Sem-Teto do Centro fordert, dass die ungenutzten Gebäude umgebaut werden, damit sie dem sozialen Wohnungsbau zukommen können. Man würde jene Gebäude nutzbar machen, deren BesitzerInnen gegenüber dem Staat grosse Steuerschulden haben.

«Wir wollen im Zentrum der Stadt bleiben können», sagt Ivaneti de Araújo. Die Programme der Regierung für den sozialen Wohnungsbau sehen nämlich Unterkünfte am Rande der riesigen Stadt vor. «Dort fehlt den Familien die Infrastruktur, zum Beispiel der Zugang zu einem Spital. Die Behörden wollen das Stadtzentrum zu einem Businessviertel machen, das sauber und menschenleer ist.»

Besetztes Hochhaus

Aber die Obdachlosenbewegung will sich nicht an den Rand drängen lassen. Sie organisiert Besetzungen, Demonstrationen oder Zeltlager vor Regierungsgebäuden, um auf ihr Anliegen aufmerksam zu machen, wenn die Verhandlungen mit den offiziellen Stellen wieder mal blockiert sind. Ein Beispiel ist das Gebäude Prestes Maia im Zentrum São Paulos, das 2003 besetzt wurde. Davor stand das Hochhaus jahrelang leer, entsprechend war es in einem schrecklichen Zustand. Trotzdem drohte den BesetzerInnen immer wieder die Räumung. «Wir erhielten     34 Räumungsandrohungen, ohne dass uns neue Lösungen angeboten wurden», erzählt Ivaneti de Araújo. Sie veranstaltete zahlreiche Aktionen, fuhr sogar in die Hauptstadt Brasilia. Amnesty International startete Briefaktionen für die BewohnerInnen von Prestes Maia. «Wir wurden von Briefen überflutet», sagt die Koordinatorin. «Dass wir nicht allein waren, machte für uns einen grundlegenden Unterschied.»

Schliesslich kommt es zu einer Einigung mit Stadt-, Bundesstaat- und Bundesregierung: Die Bundesregierung entschied, 22 Millionen Reais (rund 13 Millionen Franken) an Subventionsgeldern für diese Familien freizugeben. Der Bundesstaat São Paulo gewährte einen zusätzlichen Kredit. Damit sollten fünf Gebäude gekauft werden, wo die Besetzerfamilien unterkommen könnten. Die Stadt São Paulo erklärte sich bereit, vorübergehend die Mieten für die Familien zu bezahlen. Die 22 Millionen Reais seien dem Bundesstaat schon zugeflossen, doch dessen Regierung bremse das Projekt, sagt die Koordinatorin. Von den rund 470 Familien, die am Schluss noch in Prestes Maia lebten, haben nun 153 schon ein neues Zuhause erhalten – allerdings am Rande der Stadt. Die anderen Familien warten immer noch, erhalten aber keine Mietsubvention mehr. Das Hochhaus steht wieder leer, und der Eigentümer schuldet der Stadt immer noch Geld.

Ivaneti de Araújo kämpft weiter: Sie führt Gespräche mit der nationalen Sekretärin für Wohnfragen und den Vertretern der Bundesstaatsregierung. Selbst wohnt sie mit ihrer Familie in einem der fünf Häuser, die die Bewegung momentan besetzt hat und die rund 1000 Familien Unterkunft bieten. Dieses Jahr ist sie nach Europa gereist, lobbyierte bei der Uno und sprach an öffentlichen Veranstaltungen. Das Mädchen vom Lande hat einen weiten Weg hinter sich.


Erschienen in «AMNESTY - Magazin der Menschenrechte» von September 2009
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion